Ein Nachruf.

27. August 2013

Wenn man so etwas wie Verbundenheit und kameradschaftliche Nähe in der Anonymität des Internets finden kann, dann zählte Wolfgang Herrndorf zu den mir am nächsten stehenden Unbekannten. Ich habe ihn nie von Angesicht zu Angesicht kennengelernt und ich hatte es auch nie vor. Seine öffentliche Figur als Schriftsteller und Maler war mir bekannt, wichtiger und vordergründiger war mir jedoch seine öffentliche Figur als Tagebuchautor, der bis zuletzt sein Blog „Arbeit und Struktur“ mit den Dingen füllte, die seinen Alltag ausmachten.

Wolfgang Herrndorf litt, so hieß es, an einem aggressiven Hirntumor, der nach der Prognose seiner Ärzte den baldigen Tod herbeiführen würde. Herrndorf dokumentierte seine Verzweiflung, seine Trauer, seine Wut, aber auch seine Hoffnung in diesem Tagebuch, in dem er sich der Öffentlichkeit von Beginn an anvertraute. Allein, die letzte Kübler-Ross’sche Phase des Sterbens – die Akzeptanz des eigenen Schicksals – blieb ihm verwehrt. Denn dafür fehlte im die Zeit.

So dokumentierte er die vielen Therapien und Rezidive, die Hoffnungen und Rückschläge, den eilig voranschreitenden körperlichen und seelischen Verfall in einer bitteren Tragik, die in knappen und teils eisernen Worten die Grausamkeit seines Schicksals dort andeutete, wo man sie selbst mithilfe der bilderreichsten Beschreibungen nur erahnen konnte. Mit der Virtuosität eines erstklassigen Schriftstellers, der er war, schrieb er gegen den nahenden Tod an, wissend, daß er diesen Kampf nicht gewinnen können würde. Er schrieb für sich, für seine Freunde, für den anonymen Leser und nicht zuletzt auch für seine eigene Erinnerung, die ihn bald weder seine Freunde und Familie, noch sich selbst wieder erkennen ließ.

Gestern Nacht verstarb Herrndorf, nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten seine Worte immer spärlicher, seine Verwirrungen und Sinnestäuschungen immer größer wurden, seine sprachlichen Fertigkeiten immer weiter verkümmerten und sein Gemüt und sein Geist, so konnte man aus seinen wenigen Zeilen nur mühsam lesen, immer tiefer im Kummer über das herannahende Ende versanken.

In einem seiner letzten Einträge vom 4.8. schrieb er:

Ich kann nichts schreiben, nicht lesen, kein Wort.

Sein letzter Eintrag, datiert auf den 20.8. 14:00 Uhr lautet schlicht: „Almut.“
Heute dann schrieb ein unbekannter Begleiter den letzten Eintrag dieses trauervollen Tagebuchs:

Am Montag, den 26. August 2013, ist Wolfgang Herrndorf gestorben.

Wie man hört, wird der Rowohlt-Verlag wohl die gesammelten Einträge in einem kleinen Band veröffentlichen.

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