Human ressources

08. März 2014

Wenn ich in einigen Jahren an diesen schicksalshaften Moment zurückblicke, werde ich ihn vielleicht mit klarerem Verstand und weiserem Wohlwollen betrachten, doch noch ist nicht die Zeit für solche Reminiszenzen gekommen, noch muss überhaupt erst einmal der Anlass zu solchen Schwelgereien geschaffen werden. Am Ende wird schon irgendwie alles gut werden. Irgendwie.

Häufig genug erkennt man eine Wegscheide erst, wenn man zurückblickt und bemerkt, daß der Weg, der hinter einem liegt, ein anderer ist, als jener, der sich am Horizont abzeichnet. In diesem Falle zeichnet sich jedoch nur wenig ab, rechts und links der Gabelung liegt dieselbe Ungewissheit, und so hält man inne und wägt ab.

Dieses Jahr hätte ganz anders verlaufen sollen, so viel ist jetzt schon klar. Ich hätte mich ganz der Promotion widmen, hätte lange Abende im Institut verbringen, Aufsätze schreiben und Vorträge halten sollen. Ich hätte währenddessen alles andere außen vor gelassen – das Studium, die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei –, hätte mich für ein Jahr lang ganz diesen Studien verschrieben und wäre mit etwas Glück und viel Fleiß aus dieser Feuertaufe als geläuterte, aber auch als gehärtete Person hervorgegangen. Manches davon ist eingetreten, anderes liegt in weiter Ferne: Ich habe zwar mein Studium unterbrochen, allein, der Rest ist nicht eingetreten.

Mein Betreuer verließ die Arbeitsgruppe. Bisher gibt es keinen Ersatz. Und so bin ich zwar weiterhin im Institut angestellt, bin aber arbeits-, da hilflos. Erst zum Herbst kann ich mein Staatsexamen schreiben und danach in mein praktisches Jahr eintreten. Bis dahin herrscht ein Vakuum und wo ein Vakuum droht, so weiß man seit Aristoteles, ist auch der horror vacui nicht weit.

Die Angst vor der Leere treibt mich um und so kehre ich zu den alten Gewohnheiten zurück, die eigentlich ruhen sollten: die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei. Alles vertane Zeit. Ergebnis- und folgenlos, nutzlos und vergebens. Eine Lücke im Lebenslauf, ein versäumtes Arbeitsjahr.

So will es jedenfalls der normative Narrativ einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder als human ressource verwaltet, welche sich willfährig einer von Pesonalabteilungen diktierten Organisationsstruktur unterordnet, die nichts anderes zum Zweck hat, als die Variable Mensch als Kosten-Nutzen-Relation einer produktionsorientierten Rechnung zu erfassen und zu ordnen. Vierzig Arbeitsjahre vergehen, bis diese Variable ausgetauscht wird. Zumindest im Idealfall – obgleich die Entscheidung darüber, was denn nun das Ideal sei, von denselben Strukturen getroffen wird, die überhaupt erst diesen normativen Narrativ entworfen haben.

Doch diese Lücke im Lebenslauf gibt mir auch die Möglichkeit, einen Schritt zurückzugehen und darüber zu meditieren, wie ich die nächsten Jahre gestalten möchte. Bis auf den einzig vernünftigen Punkt – die Approbation zu erlangen –, sieht der Großplan nur Unsicherheiten vor. Medizin? Journalismus? Medizinische Forschung? Medizinisch-bildwissenschaftliche Forschung? Oder gar die Kunst von ihrem Zentrum aus, als Künstler zu erobern?1 Hallo Generationen X, Y und Z: Ich bin einer von euch, ich weiß nur noch nicht, von wem genau. Doch nur einer dieser Wege verspricht die Sicherheiten jenes Meta-Narrativs, nach dem ich mich doch insgeheim sehne. Denn so sehr ich die postmodernen Zweifel an solchen Lebensentwürfen in mir trage, so muss ich mir doch eingestehen, daß ich mich eigentlich gegen diese zitternde Unsicherheit sträube.

Ich bin nun 26 Jahre alt und habe das Gefühl, keinen Schritt nach vorn, nichts erreicht zu haben2. Dasselbe Gefühl sagt mir, daß ich längst aus den geordneten Bahnen des Studiums ausgebrochen bin und all das hinter mir gelassen habe, betrügt mich jedoch, wenn ich zurückblicke und sehe, daß ich ja noch nicht einmal einen Abschluss habe, an den ich ansetzen könnte. Das ist nichts anderes als der alte Konflikt, was denn eigentlich Bildung sei.

Ja, die Bildung – d.h. die Bildung einer reifen Persönlichkeit – ist ein Humboldtsches Ideal, das ich nur allzu gern vor mir hertrage. Goethe hat’s schon seinen Wilhelm Meister sagen lassen:

„Daß ich dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“

So wahr! Aber haben wir denn seitdem nichts gelernt? Hat unsere Gesellschaft gar diese Mahnung ausgeschlagen und den normativen Lebensentwurf Ausbildung – Arbeit – Rente noch weiter fetischisiert? Erinnert sich heute niemand mehr an Wilhelms Worte, die er an seinen Freund Werner richtet, der doch genau diesen Fetisch lebt:

„Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht, daß sich nichts mehr dazusetzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich sage, daß man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu denken, geht auf einen unbeschränkten Besitz und auf eine leichte, lustige Art zu genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, daß ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.“

So muss ich erkennen, daß ich doch weder Werner noch Wilhelm sein kann. Daß ich weder auf die Reize des einen noch des anderen Lebensentwurfes verzichten möchte, doch nur eines haben kann, entweder unbeschwert und lustig, oder ich selbst, ganz wie ich da bin, leben kann.

Im Sommer werde ich mich auf das Staatsexamen vorbereiten. Wenn die weite Welt mit ihren Eindrücken und Erfahrungen lockt, werde ich das dreitausendseitige Kompendium verinnerlichen und vielleicht schon wieder vergessen haben, daß sich bald die Entscheidungen aufdrängen werden, die ich vor gar nicht allzu langer Zeit aufgeschoben hatte.

  1. Ha! Wenn es mir doch nur nicht an Selbstvertrauen fehlte! Kühnheit und forsches Verlangen haben selbst den naivsten Bruchpiloten wieder beflügeln können, erneut in die Lüfte zu steigen!
  2. Auch wenn die Anderen das stets anders sehen und es auch mit viel Nachdruck bekunden, sie wären ja sonst nicht die Anderen.

Keine Kommentare

Komm schon, sag was.

Smilies für jede Lebenslage