Haben und Soll

14. März 2014

Wenn die radikale Inventur alle Posten aufgestellt, gezählt, verrechnet und bilanziert hat, wird sie zu dem Ergebnis kommen, daß das akademische Jahr 2013/2014 eine Debakel gewesen ist. Selbst nach der Berücksichtigung der günstigen Faktoren wird das Urteil lauten müssen: Nullnummer, hat sich nicht gelohnt. Dann wird sich die Rechnungsstelle um den Scherbenhaufen kümmern und nach Mitteln und Wegen suchen müssen, wenigstens die finanziellen Nachwirkungen auszubügeln.

Das war freilich alles nicht absehbar, damals, im August 2013. Die Kommilitonen kamen zur Abschlussfeier zusammen, hörten andächtig den Reden der eingeladenen Professoren zu – ein hoffnungsvoller Jahrgang, ja, ganz außerordentlich, schön wenn man sich in Zukunft wiederträfe –, tranken Sekt und erzählten einander, wie es denn nun weiterginge. Unbedingt Pädiatrie, aber vor allem auch zurück in die Heimat. Ein Kind ist ja auch schon unterwegs und das lässt sich ja nicht so gut mit einem Job an der Uniklinik vereinbaren, da geht man doch schon allein der Vernunft wegen lieber in das kleine Kreiskrankenhaus. Ja, ja. So hörte man es immer wieder. Was ich machen wollte? Erstmal promovieren, die Herausforderung wollte ich annehmen.

Mein Glück, daß ich damals mit einem Oberarzt mehr akademischen Kontakt pflegte, als es das Vorlesungsverzeichnis vorgesehen hatte. Seinen Forschungsbereich fand ich spannend, er sah in mir endlich mal wieder einen begeisterten Studenten und so planten wir gemeinsame Projekte. Durch seine kürzliche Berufung an eine neu eingerichtete Forschungseinrichtung war auch der institutionelle Rahmen schnell gefunden und so hieß es bald: „Promovieren Sie bei uns, da haben Sie nicht nur Kontakt zu vielen Koryphäen, sondern haben auch ungeahnte Freiheiten und vor allem ein Stipendium.“

Das war im Februar 2013. Doch ich war noch Student und so unterschrieb ich zunächst einen Vertrag als Hilfskraft, schließlich wollte ich die Zeit bis zum Studienende zur Einarbeitung nutzen. Sechs Monate lang begleitete ich den Aufbau einer Arbeitsgruppe, führte Recherchen durch, legte umfangreiche Datenbanken an, entwickelte Ideen. Im September kam dann die Stunde der Wahrheit: Ein Stipendienprogramm war in dieser Einrichtung nie vorgesehen.

Also hoffte ich auf ein Stiftungsstipendium, doch wie sollte ich das erlangen, wo doch mein Betreuer noch nicht einmal habilitiert war? „Wir finden mit Sicherheit einen Kollegen, der für die Formalien einspringt. Das Inhaltliche übernehme ich ja ohnehin.“ Da glaubte ich ihm noch und hoffte auf seine Unterstützung.

Im Oktober desselben Jahres trat er von seinem Posten ab und zog sich weitestgehend aus der Forschungseinrichtung zurück.1 Ich wurde gefragt, ob ich in einem Loyalitätskonflikt stünde, und so stellte man es mir frei zu verbleiben oder auch zu gehen. Ich blieb. Von da an wollte man mit Hochdruck einen Nachfolger suchen. Höchste Universitätskreise wurden eingeschaltet. Schließlich war die Stelle mit einigem Ansehen verbunden.

Bis heute hat man keinen gefunden. Kandidaten wurden diskutiert, Gespräche geführt. Einen Doktorvater habe ich heute, ein halbes Jahr später, immer noch nicht. Und so habe ich nicht viel mehr zu tun als ein wenig zu recherchieren oder mal einen Fachartikel zu besorgen. Wenn ich gefragt werde, was ich so mache, antworte ich: „Promovieren“. Dabei habe ich noch nicht ein einziges Wort niedergeschrieben. Was soll ich auch sagen? „Ich versuche seit einem halben Jahr zu promovieren“?

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich lebe von einem schmalen Lohn und etwas BAföG. Jedenfalls bis Oktober, dann ist Schluss, dann fällt auch dieser Anspruch weg. Mit dem Eintreten in das praktische Jahr im November fehlt die Zeit, neben der halben Stelle im Institut noch etwas für den Unterhalt zu bestreiten. Denn das praktische Jahr, das nichts weiter als ein unbezahlter Vollzeit-Job ist, geht oftmals mit Überstunden einher.

Ich könnte einen Studienkredit aufnehmen, ja. Aber was hätte ich damit erreicht? Ich wäre verschuldet und gezwungen, neben den BAföG-Rückzahlungen auch diese Gelder auf Jahre hinweg zurückzuerstatten. So nehme ich also lieber jetzt jeden Job an, den ich bekommen kann, und hoffe, etwas Geld beiseite legen zu können, das helfen wird, in einem Jahr meinen Unterhalt zu bestreiten, was vielleicht auch klappt, wenn ich dann auf jede Ausgabe verzichte, die nicht absolut nötig ist. Eigentlich sollte ich bis zum Examen im September rund um die Uhr lernen.

Ich suche schon wieder nach Arzneimittelstudien. Für die einen Pharma-Prostitution, für die anderen bezahlter Urlaub. Irgendwo dazwischen liegt die Realität, schön ist sie aber nicht. Meist stinklangweilig, deprimierend, mit einem gewissen Risiko verbunden und vor allem so langwierig, daß man am Ende schwört, sich nie wieder darauf einzulassen. Es wäre mein fünftes Mal als Arzneimittelproband.

Und warum das alles? Weil ich nicht nur einmal, sondern zweimal so naiv war, auf den Wissenschaftsbetrieb zu vertrauen.

Außerdem: Liebeskummer mit Münchener Fernweh-Komponente. Aber darin bin ich immerhin geübt.

  1. Die Gründe dafür darf ich zwar nennen, werde es aber auf Rücksicht auf alle Beteiligten nicht tun. Die Arbeitsgruppe und mit ihr auch ich hatten damit jedenfalls nichts zu tun.

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