Der Dschihad ist Popkultur

27. Januar 2015

Was macht man, wenn der Alltag keinen Raum für Ausgleich lässt, der aufgezwungene Schlafrhythmus zu mehr Lethargie als Tatkraft führt, wenn die Perspektiven wenig motivieren? Man tagträumt. Ich jedenfalls. Ein solcher, wenig fruchtbarer, aber dafür umso spannenderer Tagtraum geht so:

Man trommelt eine Handvoll Leute zusammen, weiht sie mal mehr, mal weniger ein und dreht einen Film: radikale und gemäßigte Imame, Kleingeister und Stammtischpolitiker und so weiter, einen Moderator, der das alles zusammenhält und natürlich auch Kamera- und Tonleute und so weiter; und lässt sie eine neue Show drehen, eine Show, die nie im Fernsehen, aber dafür vielleicht mal auf einem Kurzfilmfestival oder gar in einer Galerie gezeigt wird – eine Casting-Show für Selbstmordattentäter.

Christian Jankowski hat vor etwas mehr als drei Jahren „Casting Jesus“ gedreht. „The Act of Killing“ hat die Geltungssucht pervertierter Persönlichkeiten meisterlich ausgenutzt. Warum nicht also auch eine Castingshow für Terroristen? Wenn die nüchterne Pointiertheit dieser Beispiele auch nur zu einem kleinem Teil übertragen werden könnte, hätte sich ein solcher Film „Deutschland sucht den Dschihadisten“ bereits gelohnt. Obgleich ich diesen Titel schon jetzt wieder aus mehreren Gründen verwerfen muss.

Im Kern bleibt es aber die gleiche Idee: Eine ernste Veranstaltung, bei der junge Radikalisierte den Zugang zum islamistischen Terror, zu Waffen und Krieg, zu Ruhm und Märtyrertod erhalten, wenn sie sich denn vor einer kritischen Jury beweisen können. Keine Satire, keine überzogener Klamauk, nein, das wäre nur sardonisch und geschmacklos, würde nur die Akteure auf beiden Seiten des Pults auf bloße Rollen reduzieren, nie zu einer scharfen Beobachtung führen, die der ganzen Sache so etwas wie einen Mehrwert verleihen könnte. Nein, eine solche einmalig durchgeführte Casting-Show müsste mit aller Nüchternheit, mit allem Ernst veranstaltet werden, müsste alle Beteiligten mit aristotelischer Sorgsamkeit darstellen und untersuchen, um daraus die knallharte Erkenntnis zu ziehen, die mit einem umso dumpferem Schmerz zuschlägt, nämlich daß sich unüberwindbar scheinende gesellschaftliche Asymmetrien finden lassen, daß es auf der einen Seite gescheiterte Jugendliche, auf der anderen Seite ideologische Rattenfänger gibt, die sie ausbeuten und Jahr um Jahr verheizen, nur um erneut ihren unstillbaren Hunger zu lindern, daß dazu mit einer teuflischen Zweizüngigkeit schillernde Versprechen gemacht werden, und, nicht zuletzt, daß der Dschihad nicht zuletzt dank YouTube, Social Media und einschlägiger Musik ebenso Pop-Kultur ist wie die letzte Ausgabe von Germany’s Next Top Model.

Am Ende gehen aber alle einfach nur nach Hause. Kein Ticket nach Syrien, kein YouTube-Video mit Kalaschnikows und Kuffars, einfach nur zurück in den tristen Alltag, dem all diese Figuren entstammen.

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