In einer sternenklaren Nacht

06. Juli 2015

»Schau, der Sternenhimmel! Eine so klare Nacht habe ich noch nie erlebt – alles leuchtet, alles funkelt und glitzert!«

»Ohja, wow! Das sieht man nicht alle Tage.«

»Lass uns ein wenig diesen herrlichen Anblick genießen!«

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinüber auf die Wiese, wo sich der Nachthimmel zwischen den Baumkronen hervorschob. Sprachlos vor Begeisterung ließ sie sich zu Boden sinken und bettete ihren Kopf im kühlen Gras. Er legte sich neben sie und so starrten sie in den Sternenhimmel, der diese warme Sommernacht bedeckte.

Sie zeigte auf eine Gruppe Sterne:

»Schau, den großen Wagen kann man auch sehen!«

»Ja, und da drüben liegt die Andromeda.«

Eifrig suchte sie den Himmel nach weiteren Sternbildern ab.

»Und da ist Orion!«

»Siehst du dieses Grüppchen dort, da weiter oben? Das sind die Plejaden. Die sieben hübschen Töchter des Atlas, in die sich Orion unsterblich verliebt hatte und ihnen selbst dann noch nachstellte, als Zeus sie in Tauben verwandelte, damit sie ihm entfliehen konnten. So versetzte der Göttervater sie schließlich als Sterne an den Nachthimmel, wo Orion ihnen noch immer nachjagt.«

»Sieben Schwestern? Ich sehe nur sechs Sterne.«

»Sieh genau hin, da unten rechts funkelt ein schwaches Licht. Das ist die siebte Schwester, die ihr Gesicht verhüllte. Aus Scham für ihren Mann Sisyphos, der immer wieder den Felsen auf den Berg rollen musste.«

»Und am Himmel trägt sie immer noch ihren Schleier. Man kann sie kaum erkennen.«

»Ja, das liegt aber auch an den vielen Lichtern in der Umgebung, die die Nacht erleuchten. Selbst hier auf dem Land. Da fällt es schwer, alle Sterne zu sehen.«

»Ist das nicht eigenartig? Es gibt so unendlich viele Sterne im Universum und doch reicht ihre gesammelte Leuchtkraft nicht aus, den Nachthimmel zu erhellen. Ich meine, wenn wir und mit uns die Erde und unser Sonnensystem irgendwo quer durchs Weltall rasen, sollte dann nicht aus all seinen Ecken weit gereistes Sternenlicht auf uns niederprasseln und ewiger Tag herrschen? Und doch liegen wir hier zusammen im Gras, starren in den dunklen Abgrund der Nacht und sogar noch dahinter, in die unendliche Weite des Universum, und fühlen uns von einem schwachen Funkeln ganz verzaubert.«

»Nein, es ist alles ganz anders. Die Nacht ist so dunkel, weil das letzte Licht, das noch zu uns dringt, vor vielen Millionen Jahren von Sternen ausgesendet wurde, die jetzt schon längst erloschen sein könnten. Viele dieser Sterne da oben scheinen nicht mehr und die wenigen, die in diesem Moment noch ihr kräftiges Licht ausstrahlen, bewegen sich wie auch das restliche Weltall unaufhörlich von uns fort. Und dann sind nicht nur die Sterne sterblich, auch das Universum hat nur eine begrenzte Lebensdauer. Die Nacht ist also eigentlich nur deshalb so dunkel, weil ein Licht nach dem anderen erlischt und wir ganz allein im Weltall sind.«

Da stand Marie wortlos auf und ging wieder ins Haus.

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