Archiv für die Kategorie "Feingeist"

In einer sternenklaren Nacht

06. Juli 2015

»Schau, der Sternenhimmel! Eine so klare Nacht habe ich noch nie erlebt – alles leuchtet, alles funkelt und glitzert!«

»Ohja, wow! Das sieht man nicht alle Tage.«

»Lass uns ein wenig diesen herrlichen Anblick genießen!«

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinüber auf die Wiese, wo sich der Nachthimmel zwischen den Baumkronen hervorschob. Sprachlos vor Begeisterung ließ sie sich zu Boden sinken und bettete ihren Kopf im kühlen Gras. Er legte sich neben sie und so starrten sie in den Sternenhimmel, der diese warme Sommernacht bedeckte.

Sie zeigte auf eine Gruppe Sterne:

»Schau, den großen Wagen kann man auch sehen!«

»Ja, und da drüben liegt die Andromeda.«

Eifrig suchte sie den Himmel nach weiteren Sternbildern ab.

»Und da ist Orion!«

»Siehst du dieses Grüppchen dort, da weiter oben? Das sind die Plejaden. Die sieben hübschen Töchter des Atlas, in die sich Orion unsterblich verliebt hatte und ihnen selbst dann noch nachstellte, als Zeus sie in Tauben verwandelte, damit sie ihm entfliehen konnten. So versetzte der Göttervater sie schließlich als Sterne an den Nachthimmel, wo Orion ihnen noch immer nachjagt.«

»Sieben Schwestern? Ich sehe nur sechs Sterne.«

»Sieh genau hin, da unten rechts funkelt ein schwaches Licht. Das ist die siebte Schwester, die ihr Gesicht verhüllte. Aus Scham für ihren Mann Sisyphos, der immer wieder den Felsen auf den Berg rollen musste.«

»Und am Himmel trägt sie immer noch ihren Schleier. Man kann sie kaum erkennen.«

»Ja, das liegt aber auch an den vielen Lichtern in der Umgebung, die die Nacht erleuchten. Selbst hier auf dem Land. Da fällt es schwer, alle Sterne zu sehen.«

»Ist das nicht eigenartig? Es gibt so unendlich viele Sterne im Universum und doch reicht ihre gesammelte Leuchtkraft nicht aus, den Nachthimmel zu erhellen. Ich meine, wenn wir und mit uns die Erde und unser Sonnensystem irgendwo quer durchs Weltall rasen, sollte dann nicht aus all seinen Ecken weit gereistes Sternenlicht auf uns niederprasseln und ewiger Tag herrschen? Und doch liegen wir hier zusammen im Gras, starren in den dunklen Abgrund der Nacht und sogar noch dahinter, in die unendliche Weite des Universum, und fühlen uns von einem schwachen Funkeln ganz verzaubert.«

»Nein, es ist alles ganz anders. Die Nacht ist so dunkel, weil das letzte Licht, das noch zu uns dringt, vor vielen Millionen Jahren von Sternen ausgesendet wurde, die jetzt schon längst erloschen sein könnten. Viele dieser Sterne da oben scheinen nicht mehr und die wenigen, die in diesem Moment noch ihr kräftiges Licht ausstrahlen, bewegen sich wie auch das restliche Weltall unaufhörlich von uns fort. Und dann sind nicht nur die Sterne sterblich, auch das Universum hat nur eine begrenzte Lebensdauer. Die Nacht ist also eigentlich nur deshalb so dunkel, weil ein Licht nach dem anderen erlischt und wir ganz allein im Weltall sind.«

Da stand Marie wortlos auf und ging wieder ins Haus.

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Nansen tötet eine Katze

27. Juni 2015

Einst stritten sich die Mönche der Osthalle und die der Westhalle um eine Katze. Nansen hob die Katze hoch und sagte:
»Ihr Möche! Kann Einer von euch ein Wort sagen, so verschone ich die Katze. Wenn Keiner es sagen kann, schlage ich sie entzwei.« Die Mönche antworteten nicht.

Darauf tötete Nansen die Katze.

Als Jôshû am Abend heimkam, erzählte ihm Nansen, was geschehen war. Daraufhin nahm Jôshû seine Sandalen, legte sie auf den Kopf und ging davon.

Nansen schluchzte: »Wärest du hier gewesen, hätte ich die Katze verschonen können.«

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Ein Nachruf.

27. August 2013

Wenn man so etwas wie Verbundenheit und kameradschaftliche Nähe in der Anonymität des Internets finden kann, dann zählte Wolfgang Herrndorf zu den mir am nächsten stehenden Unbekannten. Ich habe ihn nie von Angesicht zu Angesicht kennengelernt und ich hatte es auch nie vor. Seine öffentliche Figur als Schriftsteller und Maler war mir bekannt, wichtiger und vordergründiger war mir jedoch seine öffentliche Figur als Tagebuchautor, der bis zuletzt sein Blog „Arbeit und Struktur“ mit den Dingen füllte, die seinen Alltag ausmachten.

Wolfgang Herrndorf litt, so hieß es, an einem aggressiven Hirntumor, der nach der Prognose seiner Ärzte den baldigen Tod herbeiführen würde. Herrndorf dokumentierte seine Verzweiflung, seine Trauer, seine Wut, aber auch seine Hoffnung in diesem Tagebuch, in dem er sich der Öffentlichkeit von Beginn an anvertraute. Allein, die letzte Kübler-Ross’sche Phase des Sterbens – die Akzeptanz des eigenen Schicksals – blieb ihm verwehrt. Denn dafür fehlte im die Zeit.

So dokumentierte er die vielen Therapien und Rezidive, die Hoffnungen und Rückschläge, den eilig voranschreitenden körperlichen und seelischen Verfall in einer bitteren Tragik, die in knappen und teils eisernen Worten die Grausamkeit seines Schicksals dort andeutete, wo man sie selbst mithilfe der bilderreichsten Beschreibungen nur erahnen konnte. Mit der Virtuosität eines erstklassigen Schriftstellers, der er war, schrieb er gegen den nahenden Tod an, wissend, daß er diesen Kampf nicht gewinnen können würde. Er schrieb für sich, für seine Freunde, für den anonymen Leser und nicht zuletzt auch für seine eigene Erinnerung, die ihn bald weder seine Freunde und Familie, noch sich selbst wieder erkennen ließ.

Gestern Nacht verstarb Herrndorf, nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten seine Worte immer spärlicher, seine Verwirrungen und Sinnestäuschungen immer größer wurden, seine sprachlichen Fertigkeiten immer weiter verkümmerten und sein Gemüt und sein Geist, so konnte man aus seinen wenigen Zeilen nur mühsam lesen, immer tiefer im Kummer über das herannahende Ende versanken.

In einem seiner letzten Einträge vom 4.8. schrieb er:

Ich kann nichts schreiben, nicht lesen, kein Wort.

Sein letzter Eintrag, datiert auf den 20.8. 14:00 Uhr lautet schlicht: „Almut.“
Heute dann schrieb ein unbekannter Begleiter den letzten Eintrag dieses trauervollen Tagebuchs:

Am Montag, den 26. August 2013, ist Wolfgang Herrndorf gestorben.

Wie man hört, wird der Rowohlt-Verlag wohl die gesammelten Einträge in einem kleinen Band veröffentlichen.

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Genus und Sexus

04. Juni 2013

Was ist davon zu halten, daß der erweiterte Senat der Universität Leipzig kürzlich den Vorschlag seines Mitgliedes Prof. Dr. Josef Käs vom Institut für Experimentalphysik I annahm, man möge in amtlichen Blättern und anderen offiziellen Publikationen künftig das generische Femininum verwenden? Das Rektorat stimmte nun dem Beschluss zu und wartet auf mögliche Einwände des Wissenschaftsministeriums. Dies ist die letzte Hürde, ehe die dergestalt novellierte Grundordnung in Kraft treten kann. Spiegel Online berichtet über die Sache.

Die Antwort ist denkbar einfach – doch um ihr auf den Kern zu kommen, soll in den folgenden Zeilen ausnahmsweise das generische Femininum geübt werden, sozusagen eine Antwort ex praxi: Der Senat der Universität Leipzig hätte sein einziges Mitglied aus der Linguistik, Dr. Martina Emsel, anhören sollen, das den Sinn oder Unsinn des generischen Femininums vermutlich hätte differenzierter darstellen können als seine Kolleginnen aus den übrigen Wissenschaften, vielleicht sogar Kritik geübt. Denn das generische Femininum stellt zumindest aus einer historischen Perspektive einen faden Treppenwitz der Grammatik dar.

Eines sei vorweg gesagt: Unter Linguistinnen, Psycholinguistinnen, Kognitionspsychologinnen und natürlich auch Feministinnen und Gender-Wissenschaftlerinnen ist das generische Maskulinum höchst umstritten. Bisher konnten die Kontrahentinnen keine praktikable Lösung anbieten, die über die Fraktionen hinweg angenommen wurde. Während die einen die Benutzerinnen einer Sprache (in diesem Beispiel der deutschen) befragen und so versuchen, deduktiv von der Praxis auf die Theorie zu gelangen, haben andere linguistische Methoden im Blick, oder formulieren von einer ethischen Grundlage aus eine Forderung für Theorie und Praxis.

Ohne im folgenden einen dieser Ansätze zu favorisieren, lässt sich zweifelsfrei zunächst nur die Beobachtung festhalten, daß das linguistische Verständnis der Disputantinnen oftmals nur unzureichend ist. Der Kern des Problems ist darin festzusetzen, daß meist kein Unterschied zwischen Genus und Sexus gemacht oder, viel häufiger, gleich ganz verkannt wird. Während der Sexus das biologische Geschlecht bezeichnet (und in der heutigen Gesellschaft wohl auch protestlos das soziale Geschlecht repräsentiert), übernimmt das Genus die eigentliche grammatikalische Funktion der Substantivklassifizierung, die letztlich für die Kongruenz im Zuge der Deklination und in manchen Sprachen auch der Konjugation notwendig ist. Genus und Sexus sind demnach voneinander vollständig getrennte Dinge. Wäre die deutsche Sprache ohne Genus, würde der Satz: „Das Bein des Tisches, das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn mühelos“ in der Form „Der/die/das Bein des/der Tisch/Tisches, der/die/das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn/sie/es mühelos“ nicht mehr eindeutig verständlich sein.

Dabei ist das deutsche Triumvirat Triummulierat aus Maskulinum – Femininum – Neutrum weltweit nicht einmal das vorwiegende Genussystem. Die meisten Sprachen kennen kein Genus; andere, wie etwa das Schwedische, unterscheiden zwischen Neutrum und Utrum („irgendeines Geschlechts“), oder verzichten ganz auf das Neutrum. Kompliziert wird die Angelegenheit erst in den Bantu- und einigen sino-tibetischen Sprachen, die keine Genera, stattdessen aber Nominalklassen kennen, die in manchen Sprachen mehr als zehn Qualitäten aufweisen. „Natürlich“ vs. „hergestellt“, „belebt“ vs. „unbelebt“, aber häufig eben auch „männlich“ vs. „weiblich“ (dann meist mit explizitem Bezug zum Sexus) uvm. können unterschieden werden.

Dahingegen mag die deutsche Sprache überschaubar erscheinen, demonstriert aber, wie willkürlich die Genuszuweisung geschieht: die Frau, aber das Mädchen; der Hund, aber die Katze und das Schwein; der Sessel, aber das Sofa; der Baum, aber die Eiche und der Ahorn usw. usf. Diminuitive und andere generische Neutra – das Mädchen, das Mitglied, das Kind usw. – verkomplizieren die Angelegenheit. Jedenfalls, wenn man Genus und Sexus durcheinander wirft.

Das sollte man aber, wie gesehen, nicht tun. Genus und Sexus sind zwei völlig voneinander getrennte Dinge, die die Herrinnen Senatsmitglieder zu Leipzig nicht beachtet haben. Das generische Maskulinum nimmt schließlich eine rein grammatikalische Funktion für all jene Fälle ein, wenn der Sexus der beteiligten Personen unerheblich ist1. Jeglicher Einwand gegen das generische Maskulinum, es verschweige die weibliche Komponente einer auf diese Weise referenzierten Personengruppe, muss demnach als Unverständnis des Unterschiedes zwischen Genus und Sexus aufgefasst werden. Die Befürwortung eines generischen Femininums oder Neutrums ist demzufolge entweder unberechtigt oder arbiträr und in diesem Falle grundlos.

Damit bleibt nur übrig, das Urteil über das generische Femininum mit jenem eleganten Zitat der Linguistin (und hier hört der Feldversuch „generisches Femininum“ auf) Elisabeth Leiss zu fällen:

„Überall dort, wo die Grammatiktheorie abgeschnitten von den Erfolgen der Sprachtheorie des Mittelalters ‚auf eigene Faust‘ spekuliert hat, lässt sich nur ein Rückfall in naive Vorstellungen von Grammatik konstatieren: Grammatische Kategorien, die man nicht (mehr) versteht, wurden als Luxus eingeordnet, den man nicht brauche (Passiv), das Genus der Substantive wurde sexualisiert, obwohl Genus mit Sexus nichts zu tun hat. Je mehr die Unwissenheit über Sprache in der frühen Neuzeit wieder zunahm, desto drastischer wurden die Forderungen nach Eingriffen in die Sprache. Das unvollkommene Wissen von Sprache wird als Unvollkommenheit der Sprache selbst gedeutet.“2

  1. Wikipedia hat eine hübsche Aufstellung der Anwendungsgebiete des generischen Maskulinums.
  2. aus: Elisabeth Leiss: Sprachphilosophie. Berlin 2009. S. 70f

Ein Kommentar

Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ Jauch keinem anderen zu.

04. Februar 2013

Der Treppenwitz zur gestrigen Karnevalssitzung in Jauchs heiterer Faschingsrunde geht so: Ein Geistlicher, ein katholischer Journalist und das übliche weltliche Talkshowpersonal – das sind: eine Politikerin, eine Autorin und ein Wissenschaftler (oder, wie hier, in Ermangelung desselben ein Arzt) – sitzen beisammen und klönen über Gott und die Welt. Oder über die Welt und wo Gott und Geistlichkeit darin einen Platz findet, das weiß hier keiner so genau. Nachdem Kardinal Meisner zu Kölle sich zwar im jüngsten Abtreibungsskandal entschuldigte, aber doch der alten Kirchenpolitik treu blieb, kommentierten die geladenen Büttenredner mit viel Schalk und Häme, aber ohne Biss und Scharfsinn, das Rätsel zu ihren Füßen. Dazwischen: ein salomonisch moderierender Jauch, dem nur leider die Weisheit abhanden gekommen war. Derweil, Seine Eminenz blieb dem Karneval fern. Kein Legat wurde gesichtet, kein Diakon, kein Bischof, nicht einmal ein Landpfaffe ließ sich auftreiben. Und so wurden in Abwesenheit der Federführenden herrliche Bütten vorgetragen, es wurde viel gereimt und viel gelacht und am nächsten Tag kehrte wieder der Alltag ein.

Nun mögen zwar in Köln andere Verhältnisse herrschen, doch in dem Berlin, in das die Büttenredner nach Ende der Sendung wieder entschwinden, hat man es weder mit dem Karneval, noch mit dem Fasten. „Carne vale – Fleisch, lebe wohl!“, auch so hätte das Thema lauten können und auch das hätten die Berliner nicht verstanden, denn auch die Kirche, diesen alten Hokuspokus, kennt man hier kaum.

Carne levare – Fleisch wegnehmen

Und so hat auch niemand im Saal erkannt, daß es hier nicht um pharmakologische Lösungen zur kirchlich gebilligten Empfängnis- und Schwangerschaftsverhütung, sondern insgeheim wieder einmal um das Fleisch, den Körper in der katholischen Kirche und in der Realität des 21. Jahrhunderts ging.

Die Stellungnahme Meisners überraschte niemanden. Die Haltung der katholischen Kirche zur Schwangerschaft, ihrer Verhütung und ihrem Abbruch, sind wohlbekannt. Sie sind das Ergebnis einer über die Jahrhunderte gewachsenen und gefestigten Kirchenpolitik, die die Reglementierung des Körpers als zentrale Maßnahme zu ihrem Fortbestand erkennt.

Eine Kirche, die den Corpus Christi zum Sakrament erhebt, duldet keine weltliche Konkurrenz. Eine Kirche, die der unbefleckten Empfängnis Mariens einen beträchtlichen Stellenwert einräumt, hat keinen Platz für den Körper der Ursünde. Wo der Heilige Geist wirken soll, muss der Körper geläutert werden: die Sakramente der Taufe, der Firmung, der Krankensalbung und der Weihe reinigen den Geist des Gläubigen durch Rituale, die die Klärung des Körpers vornehmen. Der auf diese Weise gereinigte Geist geht ein in einen neuen Körper, den kollektiven Leib Christi. Bereits die alten Kirchenväter bezeichneten ihre Gemeinde als Körper Christi, die sich mehr als ein Jahrtausend später in einer päpstlichen Bulle nun auch so legitimiert: corpus mysticum repraesentat. Das ist: der Leibhaftige, der menschgewordene Sohn Gottes: „Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns“1. Er tritt auf als biographischer Körper der Bibel, als mystischer Körper der Eucharistie und als kollektiver Körper der Kirche. Schrift, Praxis, Politik: der Corpus Christi wirkt als gemeindebildendes Element, dessen Heiligkeit unangetastet bleiben muss, wenn der Fortbestand der Kirche gesichert bleiben muss.

Die Reglementierung des Körpers

Der leibliche, der weltliche Körper des Einzelnen steht da nur im Wege und wird daher vielfältig reglementiert. Einige Beispiele: die Ehe, vor- und außerehelicher Verkehr, die Homosexualität, das Zölibat und die extremeren Formen der Inzucht und der Sodomie. Weiterhin auch das Gebot des geschenkten Körpers in der Frage zu Tätowierungen, Piercing und anderem Körperschmuck, sowie natürlich, und das war schließlich der Anlass des Karnevals unter Büttenmeister Jauch, die Empfängnis- und Schwangerschaftsverhütung. Solange man den fleischlichen Körper nicht abschaffen kann, hält man ihn lieber in geregelten Bahnen.

Nun bin ich zwar Christ, aber gewiss kein Theologe2. Ein Laie bin ich und so stellt sich die Sache vor meinem engen Horizont dar. Aus dieser Erkenntnis zur Reglementierung des Körpers, möge sie richtig oder falsch sein, muss die Frage wachsen, was die katholische Kirche in den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens unternommen hat, um dieses Körperbild und die damit verbundenen Ver- und Gebote den gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Die Antwort ist karg: nicht viel. Was noch mehr ernüchtert: Keiner der geladenen Gäste der gestrigen Talkrunde hat sie gestellt.

Und so kommt man zu dem knappen, aber kalten Urteil, zu dem jede Sendungskritik kommen muss: Die Debatte um die Verweigerung der Pille danach durch eine katholische Klinik irrte an den Verantwortlichen vorbei und um offensichtliche Moralvorstellungen herum, ohne den Finger auf die Wunde zu legen und die Rolle der katholischen Kirche als Moralinstanz für eine heterogen geprägte Gesellschaft infrage zu stellen, in deren weltliche Belange wie etwa der körperlichen Selbstbestimmung sie sich unlegitimiert einmischt. Die Kirche überschreitet an dieser und an vielen anderen Stellen den Rubikon der zeitgenösssischen Gesellschaft und behauptet eine Deutungshoheit, die ihr nicht nur verfassungsgemäß, sondern auch in der gelebten Realität nicht zusteht. Daß Jauch erneut sein Unvermögen als Moderator beweist und erneut seine Hände in pilatischer Unschuld wäscht, ist kaum einer Erwähnung wert, daß jedoch sowohl die geladenen Gäste, als auch die ARD diese gelebte Realität nicht erkennen oder zumindest nicht offen vertreten, stimmt traurig.

Auf der anderen Seite steht die Gefahr, die Kirche als Institution völlig zu denunzieren. Die Standpunkte der katholischen Kirche mögen veraltet sein, das heißt aber nicht, daß auch die Institution der Kirche es ist. Um an dieser Stelle zu schließen, möchte ich die weisen Worte des Jesuitenpfarrers und Theologieprofessors Friedhelm Mennekes frei zitieren: „Die Kirche soll keine Antworten liefern, sie muss Fragen stellen.“ Dieser Wunsch blieb gestern jedoch unerfüllt.

  1. Joh 1:4
  2. Kürzlich füllte ich auf Anraten und Drängen von Leila ein OkCupid!-Profil aus, wofür auch die Gretchenfrage gestellt wurde. Ich war glücklich die Option „Christian, but laughing about it“ auswählen zu können. Der Account wurde mittlerweile auch wieder gelöscht, nachdem sich die ganze Angelegenheit wie erwartet als unnütz erwies.

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Freiwillige Selbstkontrolle

03. Februar 2013

Wer schreibt, trägt eine gewichtige Verantwortung gegenüber seinen Lesern. Sei es im Bericht, in der Reportage oder auch nur der Glosse: wo Informationen sind, muss Vertrauen herrschen. Aufrichtigkeit, Moral, Sorgfalt. Das sind die Tugenden des Schreibenden. Er steht mit seinem Namen für die Wahrheit, die er vertritt, und wenn er sich der Unachtsamkeit, der Schludrigkeit oder der Augenwischerei schuldig macht, ist er nichts wert. Dieses journalistische Glaubensbekenntnis, das auf den steinernen Tafeln des Pressekodex eingeschrieben steht, gilt jedoch nicht nur für die klassischen Presseorgane. Auch Blogs, die nicht nur Tagebücher sein, die informieren und berichten wollen, und mit ihnen ihre Autoren, die oftmals autodidaktisch das Schreiben erlernten, müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.

Der gegenwärtige Zustand ist jedoch mehrheitlich ein anderer. Der Blogger tritt oftmals als Privatexperte auf, dem zwar Wissen, Erfahrung und Informationen fehlen, der aber dank der Umverteilung der publizistischen Güter nun den alten Medien gleichberechtigt mitdiskutieren kann. Der Gewinn aus dieser platonischen Debattenkultur ist die Profilierung als Meinungsbürger mit Persönlichkeit. Die Leserschaft weiß dies zu schätzen. Der Gewinn liegt aber keineswegs in der Akademeia, die mühsam aus der Vielfalt der Stimmen die Erkenntnis destilliert. Denn es herrscht ein oft gelesener legerer Stil, der das Meinungsbild anstelle der Meinungsbildung setzt. In diesem Riss gedeiht der unscharfe Blick auf die Dinge, dessen Frucht das unklare und das falsche Urteil ist.

Dem kann nur dieselbe journalistische Wertarbeit entgegensetzt werden, die auch von den älteren Medien bekannt ist: Eine solide Recherche, eine sorgfältige Analyse und ein vorsichtiges Urteil helfen gegen die unsägliche Marotte des unreifen Urteils. 

Diese Kritik ist auch eine Selbstkritik. Seitdem ich blogge, lege ich diesen Maßstab auch an mich an, mal mit schlechterem, mal mit besserem Urteil. Ich sah in dieser ständigen Selbstkontrolle stets einen Garanten für die eigene Professionalisierung, gelange nun jedoch zu der Einsicht, daß eine solche seriöse Haltung zusehends die Schreibkultur verunmöglicht, die den Blogs ihre Beschwingtheit und Spontaneität verleiht. Die Folge: Viele Artikel scheitern an Zweifel und Selbsturteil, vieles bleibt unbeschrieben, manches gelingt nur unter größter Anstrengung. Man schreibt weniger, aber man liest mehr. Die aktive Auseinandersetzung mit der Sache wird stetig verkürzt und das eigene Urteil trübt darüber ein.

Die Fragen sind drängender als die Antworten und der Zweifel treibt das Suchen, das Forschen an. Je mehr man sich der Wissenslücken bewusst wird, desto mehr schweigt man. So war schon immer der Lauf der Dinge: Die Dummen schreien am lautesten, die hellen Momente werden rar.

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-*

04. September 2012

Es dämmert: dieses kleine Notizband steuert unaufhaltsam dem Höhepunkt der Konversationskultur zu, dem Gipfel des geselligen Beisammenseins und ohne Frage auch dem Edelsten, was die Menschheit je zu erreichen vermochte:

der Schweigsamkeit.

Ich bin kein Freund großer Worte. Es gibt nicht viel, das ich ungefragt erzähle. Wenn ich einen Whisky genieße, dann schweige ich. Wenn ich in einer geselligen Runde einen Drink zu mir nehme, dann schweige ich und höre zu. Verschlossenheit, argwöhnen manche; Tugend, wissen nur wenige. Mein Vater spricht ebenfalls nicht viel; tatsächlich wechseln wir kaum ein Wort, jedenfalls wenn man andere Väter und ihre Söhne als Maß nimmt. Das Nötigste und nur das Nötigste wird ausgesprochen. An Implikationen und Prämissen wird gespart, das kann sich jeder selbst denken.

Während ich also aus einer familiären Tradition heraus zusehends jene Tugend kultiviere, die anderen Gold wert ist, sind mir all jene barbarischen Störer zuwider, die die sorgsam aufrecht erhaltene Geistesruhe mit Geschwätz und Gefasel zu zerstören suchen. Je geistloser das Gewäsch, desto ungezogener. Missionare sind die übelsten. Davon gibt es hier viele: Sie lungern an jeder Theke und hinter jedem Glas. Die Stimmung trübt ein, der Abschied wird herbei gesehnt und dann: Erleichterung. Aber auch das bedarf keiner Mitteilung.

* ein Abendprotokoll.

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Die Sache mit dem Sterben

17. Juli 2012

Die deutsche Sprache behält auch beim unangenehmen Thema des Todes ihre gewohnte und geschätzte Präzision bei. Wir sagen, daß jemand gestorben, oder, wenn wir uns neutraler ausdrücken möchten, daß jemand verstorben ist. Das ist nicht nur treffend und leicht verständlich, auch für dusslige Euphemismen bleibt im Deutschen nicht viel Platz. Wir sprechen getragenen Wortes von einem „großen Verlust“ – alle anderen Redewendungen gehören dümmlicher Stammtischwitzelei an und haben glücklicherweise keinen besonderen Stellenwert. Gestern drückte ich mich jedoch anders aus. Der englischsprachigen Konversation entsprechend wählte ich einen üblichen Ausdruck, fast schon eine Floskel. Alsbald konnte ich mich berichtigen, doch es stand bereits geschrieben:

„My grandpa passed away.“

„Passed away“, wie das schon klingt. Als sei „vorüber gehen“ ein angemessener Ausdruck. Er ging vorüber. Nein, das wird der Sache nicht gerecht. Jemand stirbt. Aber er geht nicht vorüber, er geht auch nicht weiter oder weg, vielleicht hierhin, vielleicht dorthin, das muß jeder für sich ausmachen. Sicher ist: Jemand stirbt. Das ist eine kalte, das ist eine unangenehme Sache. Euphemismen, wie die Angelsachsen und besonders die US-Amerikaner sie pflegen, geben nichts davon wieder. Sie verschleiern die Härte, das Leid und vor allem die Kälte, mit der der Tod zugreift. Das Englische kennt noch weitere solche oftmals euphemistischen Phrasen, die keineswegs exotische oder nur humorvolle, viel mehr alltagsgebräuchliche Ausdrücke darstellen. Eine Auswahl:

  • After Susan was whipped into hospital, she paid the ultimate prize for her diehard smoking habit.
  • Well, he sure was a dedicated gambler, but this was the last time, that Frank cashed in his chips.
  • Clarence, a father of two, made the ultimate sacrifice in an effort to save his now orphans from the claws of a raging Grizzly bear.
  • Mary led a good life; now she went to her reward.
  • May he rest in Abraham’s boson and God have mercy on him.“ – Biblische Referenzen sind offensichtlich weit verbreitet.
  • „How is George?“ – „Oh dear, he rode the pale horse some days ago“. – Offensichtlich soll hier in Anspielung an den vierten apokalyptischen Reiter der Tod durch Siechtum schöngeredet werden. Einfallsreich, aber auch nicht besser.

Manche dieser Ausdrücke finden im Deutschen ein Pendant, doch bereits der lockere Gebrauch enttarnt den laxen Umgang mit der Sache. Ja, sogar bei Shakespeare findet man solch unsensible Schwafelei, lässt er doch seinen Hamlet nur wenige Zeilen nach seiner großen existentialistischen Sentenz schnulzig daher faseln:

For in that sleep of death what dreams may come
When we have shuffled off this mortal coil,
Must give us pause: there’s the respect
That makes calamity of so long life;

Shuffle off this mortal coil? Die sterblichen Belästigungen abstreifen? Kaum feinfühliger. Dieser frühneuenglische Ausdruck konnte sich dank dieser berühmten Rede bis in die Gegenwart retten, was selbst Schopenhauer über Sinn und Unsinn des Ausspruchs nachsinnen ließ1:

Sei hier einer das Meisterstück des Shakespeare betreffenden Konjektur eine Stelle gegönnt, welche zwar sehr kühn ist, die ich jedoch dem Urtheil der wirklichen Kenner vorlegen möchte. In dem berühmten Monolog „to be or not to be“ ist der Ausdruck: „when we have shuffled off this mortal coil“, stets dunkel und sogar räthselhaft befunden und nie ganz aufs Reine gebracht worden. Sollte nicht ursprünglich gestanden haben: shuttled off? Dies Verbum selbst existirt nicht mehr: aber shuttle heißt das Weberschiffchen und coil ein Knäuel: wonach der Sinn wäre: „wenn wir diesen Knäuel der Sterblichkeit abgewickelt, abgearbeitet haben.“ Der Schreibfehler konnte leicht entstehn.

Auch dieser Versuch, der Reputation des alten Shakespeare mit einem eleganten Fingerzeig auf die Moiren etwas Gutes zu tun, ändert nur wenig an der ungelenken Phrase des ängstlichen Hamlet. Vielleicht muß man es so sehen: Im Englischen trauert man eben mit reichlich Pathos und blickt lieber über die kalte Hand des Todes hinweg. – Herrje, jetzt ist es doch geschehen: ein deutscher Euphemismus!

  1. Arthur Schopenhauer: „Parerga und Paralipomena“, 1851. 2. Buch, § 236.

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Stumme Bilder

01. April 2012

Bereits die Tatsache, daß ich mich zu solch nachtschlafender Zeit mit solchen Gedanken auseinandersetze und mich sogar gezwungen fühle, sie schriftlich festzuhalten, unterstreicht die Dringlichkeit dieser Angelegenheit. Unter allen Bedürfnissen ist mir mein Schlaf am teuersten und so ist angesichts meiner empfindlich stechenden Arbeitszeiten leicht nachzuvollziehen, daß mir diese eine Sache gewissermaßen am Herzen liegt. Es zeigte sich nämlich, daß ich in bestimmten Dingen einen anderen Umgang pflege, als es unserer Zeit entspricht und von allen Seiten bejubelt wird. Es geht mir um den pictorial turn, die Wende  einer Kommunikationskultur vom gesprochenen und geschriebenen Wort zum Bild, und seinen Implikationen für den Alltag, wie er durch meine und unsere Generation definiert wird.

Ich fotografiere ungern. Weder auf Reisen noch daheim, schon gar nicht mich selbst. Als Andenken sind mir Bilder zuwider. Ihr Versprechen, als Gedankenstütze einzuspringen, löst sich für mich nicht ein. Im Gegenteil, sie leisten dem Vergessen Vorschub. Was im Bild festgehalten wird, wird im Bild gefangen. Mit seiner epistemischen Kraft steht es um das Bild oftmals auch nicht besser. Obgleich hierzu besser geeignet, stellen perspektivische Verzerrung und Manipulation inhärente Gefahren dar. Ob aus journalistischer Sicht oder während meine derzeitigen Praktikums in der Radiologie, diese Zweifel und Risiken schwingen stets mit.

Wäre ich Künstler, ich würde verzweifeln. Künstlerische Praxis liegt mir nicht fern, tatsächlich liebäugle ich immer wieder damit. Doch stets resigniere ich vor der bitteren Einsicht, daß es heute nicht mehr möglich ist, ein Bild zu schaffen. Durch den ikonischen Überfluss korrumpiert, vergeht die Bedeutung des einzelnen Bildes. Alle unsere Bilder verschwinden in der Masse der vielstimmigen und doch stummen Bildgewalt, die uns in der Kunst und im Alltag umgibt. Sei es Werbung, sei es Fernsehen, seien es Zeitungen oder Magazine, Kunst oder Wissenschaft, private und intime Bereiche des Alltages – überall werden wir mit Bildern überflutet. Wie kann man als Künstler oder, einfacher, als Bildermacher dagegen ankommen?

Da hilft nur der Rückzug von allem bildlichen Überfluss. Mit Bedacht auf eine Ökonomie des Bildes muss der einzelnen Fotografie, dem Gemälde, der Zeichnung oder dem Diagramm wieder ein höherer Stellenwert zukommen. Ein symptomatisches Beispiel dieses Übels, dessen Ausmaße noch gar nicht umfassend einzuschätzen sind, stellt etwa Instagram dar. Auch Tumblr, Pinterest und soziale Medien im Allgemeinen treiben eine aggressive Bildpolitik voran, die bildliche Ausbeutung des Nutzers zum Zweck haben. Instagram versteht es jedoch wie kein anderer Dienst, seine Anhänger dazu zu motivieren, ihrem Leben und Alltag einen verbildlichten Sinn zu geben. Diese so produzierten Bilder dienen als Dokumentation und als Beweismittel, dank diverser Filter als persönliches Ausdrucksmittel, das einem Bildertagebuch gleichkommt. Bezeichnenderweise nährt Instagram jedoch die Sehnsucht nach dem „wahren Bild“, dem die entzaubernde Wirkung des virtuellen und digitalen nichts anhaben kann, und bedient sich der stilistischen Eigenschaften der analogen Fotografie um den Anschein zu erwecken, daß es sich hierbei um Unikate handelt, die mehr abbilden als nur das Bildmotiv. Dieses absurde Versprechen geht erstaunlicherweise auf – anders kann die Beliebtheit des Dienstes nicht erklärt werden. Und so häuft Instagram an, was es zu beseitigen verspricht: Bilder, die den Nutzer keineswegs als Persönlichkeit abbilden. Stattdessen dominieren Unmengen blasser und stummer Bilder, die bezeugen, was der Einzelne bei Tisch und am Strand, auf der Straße und in der Bar erlebt, und fügen sich in ein diffuses Konglomerat des Bildtypos Instagram, das irgendwo zwischen Profilierungswahn und Tagebuch zu finden ist. In diesem Punkt steht Instagram den Blogs der ersten Stunde in nichts nach, die ebenfalls dank der Möglichkeiten des nunmehr sozialen Mediums Internets florierten, sich jedoch einer archaisch anmutenden Medialität bedienten. So sind Tumblr, Instagram und Pinterest zukunftsgewandte Dienste, die bereits jetzt von der ganzen Kraft des pictorial turn profitieren.

Indes wird mir dies zu viel. Derweil finde ich Gefallen daran, die Instagram-Feeds meiner Follower mit Störbildern zu infiltrieren. Ich eigne mir den Bildtypos Instagram an, verzerre die Motive mithilfe diverser Apps, Tools und Filter bis zur Unkenntlichkeit und speise sie wieder in das System ein. Ein Glitch, eine Schadstelle, ein Störung im System. Vielleicht ist das der künstlerische Ausdruck, nach dem ich so lange gesucht habe.

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Auf die Ohren

21. Februar 2012


Skip James: „Hard time killin’ floor Blues„, 1931


Chet Baker: „I fall in love too easily„, 1953


Bonnie Beecher: „Come wander with me„, 1964


Gino Santercole: „Such a cold night tonight„, 1974


Bronski Beat: „Small town boy (Extended version)„, 1984


Miguel: „Adorn„, 2012


DT64: „You and Me and You Mix„, 2012

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