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Ladykiller Johnny went missing

18. Mai 2014

Where is Johnny? A young man was reported as missing a few decades ago and a search party of famous singers and bands keeps tirelessly looking for him. Soul diva Claudja Barry desperately begs „Johnny, Johnny, please come home“ (1978) and thinks to know where he is: „He’s always hanging around the clubs / dancing the night away / sleeping every night with someone else / through the new everyday„. Is Johnny a serial two-timer? As it seems, more a three-, four- or five-timer.

A witness report by Robert Palmer seems to reveal that Johnny kept several girlfriends at the same time. According to Mr Palmer („Johnny & Mary“, 1980), another of his lovers by the name of Mary „made her bed / even when the chance was slim„. She said „she should be used to it“ and „never knows what to think / she says that he still acts like he is being discovered / scared that he’ll be caught„. Mary was not available for a comment, but a well informed source stated that „Johnny’s always running around“ and that he said that „he’ll live anywhere / when he earns time to„.

As the news spread, more and more singers and bands call for Johnny to come home or share their stories about the young man. Fine Young Cannibals‘ lead singer Roland Lee Gift urged the young man „Johnny, we’re sorry won’t you come on home? / use the phone, call your mom / she’s missing you badly, missing her son“ („Johnny come home“, 1985). Even a French lover sang about the naughty young man, who „is not an angel“ („Johnny, tu n’es pas un ange“, 1953): „Johnny, tu n’es pas un ange! / Johnny! Johnny! / Je t’aimerais tout autant„.

Others sympathised with the boy – Eruption’s Jane Jochen was overheard singing: „Go, Johnnie, go / go, Johnnie, go / go, Johnnie, go, go, go“ („Go Johnnie go“, 1980).

But the biggest surprise came just in time, when Johnny finally came forward („Johnny remember me“, 1961): „I hear the voice of my darling / the girl I loved and lost a year ago„. He further admitted: „Yes I’ll always remember / till the day I die / I’ll hear her cry: / ‚Johnny remember me‘„. But as it seems, Johnny didn’t learn anything: „Well some day I guess / I’ll find myself another little girl / to take the place of my true love„.

His whereabouts are still unknown.

Claudja Barry: „Johnny, Johnny, please come home“

Robert Palmer: „Johnny and Mary“

Fine Young Cannibals: „Johnny come home“

Édith Piaf: „Johnny, tu n’es pas un ange“

Eruption: „Go Johnny go“

John Leyton: „Johnny remember me“

#sonntägliche Erkenntnisse über Popkultur

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Haben und Soll

14. März 2014

Wenn die radikale Inventur alle Posten aufgestellt, gezählt, verrechnet und bilanziert hat, wird sie zu dem Ergebnis kommen, daß das akademische Jahr 2013/2014 eine Debakel gewesen ist. Selbst nach der Berücksichtigung der günstigen Faktoren wird das Urteil lauten müssen: Nullnummer, hat sich nicht gelohnt. Dann wird sich die Rechnungsstelle um den Scherbenhaufen kümmern und nach Mitteln und Wegen suchen müssen, wenigstens die finanziellen Nachwirkungen auszubügeln.

Das war freilich alles nicht absehbar, damals, im August 2013. Die Kommilitonen kamen zur Abschlussfeier zusammen, hörten andächtig den Reden der eingeladenen Professoren zu – ein hoffnungsvoller Jahrgang, ja, ganz außerordentlich, schön wenn man sich in Zukunft wiederträfe –, tranken Sekt und erzählten einander, wie es denn nun weiterginge. Unbedingt Pädiatrie, aber vor allem auch zurück in die Heimat. Ein Kind ist ja auch schon unterwegs und das lässt sich ja nicht so gut mit einem Job an der Uniklinik vereinbaren, da geht man doch schon allein der Vernunft wegen lieber in das kleine Kreiskrankenhaus. Ja, ja. So hörte man es immer wieder. Was ich machen wollte? Erstmal promovieren, die Herausforderung wollte ich annehmen.

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Human ressources

08. März 2014

Wenn ich in einigen Jahren an diesen schicksalshaften Moment zurückblicke, werde ich ihn vielleicht mit klarerem Verstand und weiserem Wohlwollen betrachten, doch noch ist nicht die Zeit für solche Reminiszenzen gekommen, noch muss überhaupt erst einmal der Anlass zu solchen Schwelgereien geschaffen werden. Am Ende wird schon irgendwie alles gut werden. Irgendwie.

Häufig genug erkennt man eine Wegscheide erst, wenn man zurückblickt und bemerkt, daß der Weg, der hinter einem liegt, ein anderer ist, als jener, der sich am Horizont abzeichnet. In diesem Falle zeichnet sich jedoch nur wenig ab, rechts und links der Gabelung liegt dieselbe Ungewissheit, und so hält man inne und wägt ab.

Dieses Jahr hätte ganz anders verlaufen sollen, so viel ist jetzt schon klar. Ich hätte mich ganz der Promotion widmen, hätte lange Abende im Institut verbringen, Aufsätze schreiben und Vorträge halten sollen. Ich hätte währenddessen alles andere außen vor gelassen – das Studium, die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei –, hätte mich für ein Jahr lang ganz diesen Studien verschrieben und wäre mit etwas Glück und viel Fleiß aus dieser Feuertaufe als geläuterte, aber auch als gehärtete Person hervorgegangen. Manches davon ist eingetreten, anderes liegt in weiter Ferne: Ich habe zwar mein Studium unterbrochen, allein, der Rest ist nicht eingetreten.

Mein Betreuer verließ die Arbeitsgruppe. Bisher gibt es keinen Ersatz. Und so bin ich zwar weiterhin im Institut angestellt, bin aber arbeits-, da hilflos. Erst zum Herbst kann ich mein Staatsexamen schreiben und danach in mein praktisches Jahr eintreten. Bis dahin herrscht ein Vakuum und wo ein Vakuum droht, so weiß man seit Aristoteles, ist auch der horror vacui nicht weit.

Die Angst vor der Leere treibt mich um und so kehre ich zu den alten Gewohnheiten zurück, die eigentlich ruhen sollten: die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei. Alles vertane Zeit. Ergebnis- und folgenlos, nutzlos und vergebens. Eine Lücke im Lebenslauf, ein versäumtes Arbeitsjahr.

So will es jedenfalls der normative Narrativ einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder als human ressource verwaltet, welche sich willfährig einer von Pesonalabteilungen diktierten Organisationsstruktur unterordnet, die nichts anderes zum Zweck hat, als die Variable Mensch als Kosten-Nutzen-Relation einer produktionsorientierten Rechnung zu erfassen und zu ordnen. Vierzig Arbeitsjahre vergehen, bis diese Variable ausgetauscht wird. Zumindest im Idealfall – obgleich die Entscheidung darüber, was denn nun das Ideal sei, von denselben Strukturen getroffen wird, die überhaupt erst diesen normativen Narrativ entworfen haben.

Doch diese Lücke im Lebenslauf gibt mir auch die Möglichkeit, einen Schritt zurückzugehen und darüber zu meditieren, wie ich die nächsten Jahre gestalten möchte. Bis auf den einzig vernünftigen Punkt – die Approbation zu erlangen –, sieht der Großplan nur Unsicherheiten vor. Medizin? Journalismus? Medizinische Forschung? Medizinisch-bildwissenschaftliche Forschung? Oder gar die Kunst von ihrem Zentrum aus, als Künstler zu erobern?1 Hallo Generationen X, Y und Z: Ich bin einer von euch, ich weiß nur noch nicht, von wem genau. Doch nur einer dieser Wege verspricht die Sicherheiten jenes Meta-Narrativs, nach dem ich mich doch insgeheim sehne. Denn so sehr ich die postmodernen Zweifel an solchen Lebensentwürfen in mir trage, so muss ich mir doch eingestehen, daß ich mich eigentlich gegen diese zitternde Unsicherheit sträube.

Ich bin nun 26 Jahre alt und habe das Gefühl, keinen Schritt nach vorn, nichts erreicht zu haben2. Dasselbe Gefühl sagt mir, daß ich längst aus den geordneten Bahnen des Studiums ausgebrochen bin und all das hinter mir gelassen habe, betrügt mich jedoch, wenn ich zurückblicke und sehe, daß ich ja noch nicht einmal einen Abschluss habe, an den ich ansetzen könnte. Das ist nichts anderes als der alte Konflikt, was denn eigentlich Bildung sei.

Ja, die Bildung – d.h. die Bildung einer reifen Persönlichkeit – ist ein Humboldtsches Ideal, das ich nur allzu gern vor mir hertrage. Goethe hat’s schon seinen Wilhelm Meister sagen lassen:

„Daß ich dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“

So wahr! Aber haben wir denn seitdem nichts gelernt? Hat unsere Gesellschaft gar diese Mahnung ausgeschlagen und den normativen Lebensentwurf Ausbildung – Arbeit – Rente noch weiter fetischisiert? Erinnert sich heute niemand mehr an Wilhelms Worte, die er an seinen Freund Werner richtet, der doch genau diesen Fetisch lebt:

„Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht, daß sich nichts mehr dazusetzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich sage, daß man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu denken, geht auf einen unbeschränkten Besitz und auf eine leichte, lustige Art zu genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, daß ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.“

So muss ich erkennen, daß ich doch weder Werner noch Wilhelm sein kann. Daß ich weder auf die Reize des einen noch des anderen Lebensentwurfes verzichten möchte, doch nur eines haben kann, entweder unbeschwert und lustig, oder ich selbst, ganz wie ich da bin, leben kann.

Im Sommer werde ich mich auf das Staatsexamen vorbereiten. Wenn die weite Welt mit ihren Eindrücken und Erfahrungen lockt, werde ich das dreitausendseitige Kompendium verinnerlichen und vielleicht schon wieder vergessen haben, daß sich bald die Entscheidungen aufdrängen werden, die ich vor gar nicht allzu langer Zeit aufgeschoben hatte.

  1. Ha! Wenn es mir doch nur nicht an Selbstvertrauen fehlte! Kühnheit und forsches Verlangen haben selbst den naivsten Bruchpiloten wieder beflügeln können, erneut in die Lüfte zu steigen!
  2. Auch wenn die Anderen das stets anders sehen und es auch mit viel Nachdruck bekunden, sie wären ja sonst nicht die Anderen.

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Die Banalität des Körpers

17. Dezember 2012

Eigentlich hatte ich bereits alle Illusionen abgelegt, ehe ich das Studium der Medizin aufnahm. Das Heilen, der glückliche Patient, das intensive Gespräch. Luftschlösser wie diese, gebaut in der Gestalt der Schwarzwaldklinik, gingen bereits in Rauch auf, als ich im Zivildienst auf Ärzte traf, deren abgenutztes Nervenkostüm nichts von der Strahlkraft eines Professor Brinkmann erkennen ließ. Die Palliativmedizin stumpfte mich in jeder Hinsicht ab und ließ mich – so viel Gutes kann gewiss behauptet werden – geläutert und gereinigt zurück. Ich blickte wacker und frohen Mutes auf das vor mir liegende Studium. Ich wusste ja, was kommen würde, ich wusste, daß dies keine Wald-und-Wiesen-Medizin, sondern der harte Alltag mit Krankheit, Leid und Tod werden würde.

Dieser Entschluß ist nun fünf Jahre alt. Im Endspurt um die Approbation, um die staatlich examinierte und vom Amts wegen befundene Befähigung zur Ausübung der höchst verantwortlichen ärztlichen Tätigkeit wachsen die Zweifel, ob es das alles wert war. Morgen trete ich meinen letzten Tag auf einer Station für Lungenheilkunde an, das heißt für’s Erste: ein letztes Mal die immer gleichen Patienten visitieren, ein letztes Mal „Nein, mit der Luft ist es immer noch nicht viel besser“ hören, ein letztes Mal „Na dann erhöhen wir mal das Spiriva, damit sie besser durchatmen können“ daher sagen, ein letztes Mal die Hoffnung auf eine baldige Entlassung zerstören um dann nach einem eigentlich kurzen Arbeitstag matt und erschöpft in der heimischen Couch zu versinken. Einen handfesten Grund für diese Anstrengung kann ich jedoch nicht ausmachen.

Derweil wächst eine Erkenntnis heran: Innere Medizin ist wohl nichts für mich. Das ewige Siechtum laugt mich aus. Krankheit, überall nur Krankheit, vielleicht ein wenig Linderung, aber gewiss keine Heilung. Manchmal stirbt auch einer, das sage ich so lapidar wie es sich anfühlt. Es ist eine Medizin der Alten, der Multimorbiden, der Durch- und Austherapierten, die ihre letzte Hoffnung fest auf die Wunder der modernen Medizin richten. Allein, an die glaubt hier keiner mehr. Denn so viel ist ausgemacht: Der Mensch liegt matt darnieder, siecht bis an sein Lebensende und dann ist es mit einem Mal aus. Auch das kann ich so stumpf sagen wie es ist.

Denn der eigentliche Kern der Erkenntnis ist auch der eigentliche Kern der Sorge: Der Niedergang bricht herein wie der Schimmel durch das feuchte Holz, er legt sich faul und modrig über das alte Fleisch. Die Umstände: meist gering. Abnutzung und Verschleiß, selten ein greifbares Ereignis. Die Banalität des Körpers bedingt seinen langsamen Zerfall. So wie eine Klinge stumpf wird, wird auch der Körper unter seinen Lasten müde. Bis er am Ende bricht – das sehe ich hier immer wieder, dann geht alles ganz schnell. Noch vor weniger als einer Woche unterhielt ich mich mühelos mit einem Patienten, der vom Krebs gänzlich zerfressen war. Dann fiel plötzlich die Gerinnung ins Bodenlose: Schlaganfall. Heute wurde er, abgeschossen unter maximaler Schmerzmedikation, in ein Einzelzimmer verlegt, dem Sterben überlassen. Morgen werde ich wohl den Totenschein in die Akte abheften.

Wenn ich Patienten aufnehme – Siebzig-, Achtzigjährige mit langen Diagnosen- und Medikamentenlisten, kompliziertesten Verläufen und fulminantesten Krebserkrankungen –, dann kommt im Gespräch immer wieder ein Gedanke auf: Wie mag er wohl vor dreißig Jahren ausgesehen haben? Welche unschuldigen Träume verfolgte sie in schüchternen Teenie-Jahren? Wie viele Freuden, wie viele Sorgen hat er wohl als junger Vater, hat sie als junge Mutter gefühlt? Wie kurz mag das Leben an ihnen vorbeigegangen sein, ehe sie sich in ihrem mürben, maroden Körper, immer einen Treppenabsatz zwischen sich und dem Leben da draußen gefangen sahen?

Doch eigentlich meint das nur: Wie schnell wird das Leben an mir vorbeirauschen, ehe auch ich ein dauerhospitalisierter Greis sein, faden Tee aus Schnabeltassen trinken und beruhigt sein werde, daß eine Windel mich vor der öffentlichen Bloßstellung bewahrt? Denn eines lernt man in der Medizin sehr schnell: Das Leben ist kurz und überall lauern Gefahren. Mit jeder weiteren lebensverändernden Erkrankung – und es gibt Tausende dieser Sorte! –, die man studiert, wird man sich der Zerbrechlichkeit dieses banalen Körpers ein wenig mehr bewusst. Morgen kann alles anders, morgen kann auch alles vorbei sein.

Addendum: Dann doch lieber Radiologie. Der analytische Zugang zur Krankheit ist die Vogel-Strauß-Taktik des Klinikers, ein Ausweg aus der täglichen Konfrontation mit Leid und Siechtum. Bilder ächzen nicht.

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Im Schweiße deines Angesichts

09. November 2012

Wohin man schaut: alles nur halbherzig und unfertig. Lieblos dahingeschlonzt fehlt es allem an Qualität, an Ernsthaftigkeit, an Nachdruck und Gänze. Diese Laxheit möchte man doch durchbrechen: voll fokussiert nicht weniger als hundert Prozent geben. Mit Hingabe Leistungen erbringen, die für sich stehen. Etwas schaffen, das Bestand hat. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, so steht es geschrieben, so war es und so wird es immer sein.

Als ich eingeschult wurde, sollte ich die erste Klasse überspringen. Ich habe wegen der Freunde verzichtet. In der achten Klasse dasselbe: Nein, danke. Dann der Schulwechsel: Die Anforderungen sanken weiter, ich langweilte mich Jahr um Jahr und erst das letzte brachte einen Kurs, an dem ich gern beteiligte – immerhin, weil ich das Thema Jahre zuvor aus Interesse selbst nachlas: die Relativitätstheorie. Für das Abitur lernte ich jedoch keine Minute. Auch im Studium: kaum Herausforderungen. So verkommt man im Geiste, verlernt, immer weitere seine eigenen Grenzen auszuloten.

Doch wofür eigentlich? Am Ende bremst doch jeder nur sich selbst aus. Weder die Freunde noch die Ausbildung halten einen zurück. Trägheit heißt das Laster; denn immer noch gilt: Ein Getriebener ist am fleißigsten. Wenn schon kein anderer peitscht, dann muss man es wohl selbst machen. Es braucht neue Herausforderungen. Die Promotion könnte eine solche werden. Ich hoffe es. Nach all der Laxheit will ich endlich etwas Ordentliches schaffen.

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Zwickmühle

19. September 2012

Eine Person, die mir sehr viel bedeutet, erlitt kürzlich einen schweren Verkehrsunfall und liegt nun im Koma. Wenn auch nur im künstlichen, erschreckend bleibt es allemal. Die Situation ist eine schockierende, eine hilflose, eine unfassbar traurige. Nachvollziehbar soweit.

Gestern, eineinhalb Tage nach dem Unglück, trat ich zum Krankenbesuch an. Intensivstation. Die Eltern waren bereits vor Ort, ich traf mit einer gemeinsamen Freundin ein. Später kam eine weitere Freundin hinzu. Nachdem die Stationsärzte eine Politik der minimalen Aufklärung betreiben und damit nach der Philosophie, die ich nach jahrelangem Studium der Medizin und nicht weniger intensiv, der medizinischen Kommunikationskompetenz, gewinnen konnte, Unerhörtes tun, wand ich mich mit meinen persönlich und emotional motivierten, fachlich fundierten Fragen an eine befreundete Kollegin, die im selben Hause der radiologischen Abteilung angehört.

Aus dem langen und innigen Gespräch, den vorgelegten Befunden und den gemeinsam besehenen Bildern, kamen wir zu einer prognostischen Einschätzung, die denkbar positiv ausfiel. Ich teilte die Befunde den restlichen anwesenden Angehörigen laienverständlich mit und trug somit auch substanziell zur Beruhigung bei, insofern dies in einer solch angespannten Situation überhaupt möglich ist.

Daraus ergibt sich für mich und auch in der Folge – weitere Freunde dringen mit ihren Fragen auf mich ein – eine schwierige ethische Situation, auf die mich das Studium nicht vorbereiten konnte. Als einziger medizinisch geschulter Angehöriger nehme ich eine gewisse Rolle im Umfeld des Patienten ein, das sich somit auf eine viergliedrige Konstellation verdichtet:

  • der behandelnde Arzt
  • die primär nicht mit dem Fall betraute, von mir konsultierte Radiologin
  • meine Person
  • die Angehörigen

Aus der Anordnung ergibt sich bereits eine Hierarchie, die der Verfügbarkeit medizinischer Informationen entspricht. Daraus ergibt sich ein komplexes Beziehungsgeflecht:

Die Angehörigen haben ein berechtigtes Interesse an Zustand und Prognose des Patienten. Dem Patient obliegt das absolute Recht, die Weitergabe jeglicher Informationen über seine Person, seinen medizinischen Zustand und seine Prognose zu untersagen. Der Patient ist bewusstlos, weshalb der übliche Wille vermutet wird, daß die Weitergabe dieser Informationen an die näheren Angehörigen gestattet und auch gewollt ist. Die behandelnden Ärzte geben derzeit nur vage Auskunft, was vor dem Hintergrund der Schwere und Natur der Verletzungen dadurch berechtigt erscheint, daß sich als unzutreffend erweisende Prognosen vermieden werden sollten. Zu den Angehörigen zähle auch ich, der jedoch kraft seiner Ausbildung und seiner Kontakte die Möglichkeit sieht, eine Ärztin zu konsultieren, die Zugriff auf medizinische Befunde hat und diese interpretieren kann. Die Ärztin war jedoch selbst zu keinem Zeitpunkt mit dem Fall betraut worden. Formal unterliegt sie aufgrund ihrer Anstellung im selben Hause und der konsiliarischen Tätigkeit ihrer Abteilung denselben rechtlichen Rechten und Pflichten, die sie zu einer Auskunft im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen, etwa zur ärztlichen Schweigepflicht, berechtigen1. Durch ihre mir gegenüber freimütige Haltung muss sie fürchten, daß der behandelnde Stationsarzt sich durch sie übergangen fühlt, weshalb sie die Verschwiegenheit der Angehörigen einfordert.

Auf diese Weise befinde ich mich irgendwo zwischen den Lagern der Angehörigen und der Ärzte, wenn auch sicherlich nah an den Angehörigen. Der eigentliche Konflikt entsteht für mich allerdings ab dem Punkt, da weitere Freunde des Patienten mich um Informationen fragen. Zwar besteht für mich an keinem Punkt die ärztliche Schweigepflicht, doch fällt es mir schwer, dieses Ideal in dieser spezifischen Konstellation nicht trotzdem anzuwenden. Wie soll man sich verhalten? Unter Freunden plaudern? Ärztliche Vernunft anwenden? Sowohl das eine als auch das andere erscheint mit unangemessen. In diesem Punkt würde die Konsultation der engsten Familie helfen, die verständlicherweise nicht viel Aufregung erzeugen wollen. Andererseits zielt die medizinische Ethik hinter dem Prinzip der Schweigepflicht auf das Patienten-, nicht das Familienwohl ab, sodaß von diesem isolierten Standpunkt diese Frage gar nicht gestellt werden kann. Privat wäre es möglicherweise vernünftig, auf die Familie zu hören – gleich zu welchem Urteils sie gekommen sind –, aber auch hier drängt sich mir das Konzept der Patientensouveränität auf. Die Kernfrage lautet also eigentlich: Wie verhält man sich als Angehöriger eines Patienten, der seinen Wunsch nicht äußern kann?

Man nimmt den mutmaßlichen Willen des Patienten an und verhält sich unter aller nötigen Sorgfalt dementsprechend. Auch das scheint mir nicht der goldene Weg zu sein. Verschwiegenheit ist vielleicht das beste. Denn schließlich liegt die Aufgabe, darüber zu entscheiden, eigentlich nicht bei mir, sondern beim behandelnden Arzt. Wenn ich auf Grundlage einer anderen Vorbildung einen anderen Kenntnisstand erreichen kann, ist das vielleicht auch erst einmal nur meine Sache.

  1. Der Medizinjurist mag hier gern für Aufklärung sorgen. Dies ist lediglich meine medizinische Einschätzung, die auf dem Wissen basiert, das durch kurze Exkurse im Studium gewonnen wurde. Solche Feinheiten und Sonderfälle sind dort freilich nicht vordergründiger Gegenstand der Betrachtung, dennoch, wie sich zeigt, durchaus nicht vernachlässigbar.

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In Whisky veritas

17. Mai 2012

Ich hatte bereits vier exzellent gemixte Drinks hinter mir. Angeregte Gespräche, Turteleien. Die Getränke gingen aufs Haus, die Barkeeper wurden eigens eingeflogen. Gin in allen Variationen, der erste Schwips bereits um zehn Uhr. Dann das Taxi. Wir fuhren zur nächsten Party. Der Geburtstag eines Freundes, erlesene Getränkeauswahl. Wie vermutet war sie ebenfalls dar. Ein Freudensprung. Auch unsere gemeinsamen Freunde. Das überrascht nicht. Einer eröffnet mir, daß er und seine Freunde mich gern ficken würden. Ich sei so männlich. Das Verlangen nach männlichen Heten. Das fände man unter Schwulen kaum. Ich fühle mich verlegen, ein wenig geschmeichelt, winke jedoch ehrlich ab. Schließlich ist das alles nichts für mich. Ein Freund nach dem anderen geht. Sie bleibt und tanzt. Ich brauche drei Stunden für zwei Whiskys. Vier Zentiliter voll ausgekosteter Genuss. Der Barkeeper nickt meiner Wahl anerkennend zu. Drei Stunden. Jazz, Soul, später Classic Hip Hop. Zwei Gläser Whisky, zwei Gläser Wasser. Den Tumbler schwenken und die Schlieren beobachten. Die Farbe bewundern. Die Nase kurz über dem Glas schwenken. Honig. Ein wenig Roggen. Nach einiger Zeit ein zaghafter Schluck. Akazien, Honig, vielleicht auch Mohn. Fremde reichen mir ihre Karten, die attraktivsten Frauen bieten mir ihre Drinks an. Vielen Dank. Campari Sour. Indes tanzt sie weiter. Das zweite Glas ist geleert, einsame Stunden sind an der Bar vergangen. Ich möchte Abschied nehmen. Wie schön aber kurz es war. Bald wieder sehen. Schönen Abend noch, komm gut heim. Doch der Gastgeber kommt auf mich zu. Deutlich trunkener als ich, ebenso wie die restliche Gesellschaft. Er berührt mich. Streicheln. An meinem Bauch, an meinem Rücken, an meinem Hintern. Es ist mir unangenehm. Er gibt mir Whisky Soda aus. Abscheulich. Ich sage nichts. Das Gesöff gekippt. Herzlichen Glückwunsch, ich muss heim. Arbeiten morgen. Tschüss auch, Liebes, war schön, aber zu kurz. Bis bald.

Schade eigentlich. Welch Jammer, daß deutlich mehr Schwule auf mich stehen als Frauen. Aber warum nur. In Whisky veritas.

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Vernunft und Verantwortung

07. April 2012

Womöglich gibt es auf die alte und noch immer bohrende Frage nach der finalen Entscheidung zur Berufswahl eine nüchterne und vernünftige Antwort. Das Dilemma: die sichere Partie mit der mitunter unbefriedigenden Medizin oder die überaus finanziell unsichere, aber immer spannende Beschäftigung mit der Kunst; könnte damit eine unerwartete Lösung gefunden haben. Eine Lösung, die hart ist, aber realitätsnah und vernünftig.

Die Entscheidung fällt demnach auf die Medizin. Sie fällt für eine Intensivierung aller Studiumsanstrengungen, für Praktika und Promotion, für eine möglichst gute Examensnote und eine Anstellung in einer Fachrichtung, in der ich aufgehen könnte. Dermatologie vielleicht. Oder Radiologie. Vielleicht auch etwas, was mir häufigen Zugang zur Rettungsstelle ermöglicht. Die Entscheidung fällt demnach auch gegen die Kunst, gegen den Kunstjournalismus und die Agenturarbeit und die kunstbeflissene Philisterei im Allgemeinen. Denn das Kriterium, an dem sich diese Entscheidung misst, ist das der gesicherten Existenz.

Ich erinnere mich noch lebhaft an jenen Tag im späten August 2007, als meine Kisten gepackt und meine Koffer geschlossen waren. Es war Zeit, nach Rostock zu gehen. Der Zivildienst musste angetreten werden und meine damalige Freundin sollte mit mir kommen. Wir würden beide unsere Elternhäuser verlassen und in eine gänzlich fremde Stadt ziehen. Es war eine schwierige Zeit, auch für meine Eltern. Ich wusste nicht einmal, wie unsere Wohnung aussehen würde, denn die hatte jemand anderes für uns aufgetrieben. Ich wusste ebenso nicht, wie ich von dem bescheidenen Sold die Miete bezahlen oder mich und meine Freundin ernähren sollte. Alle Rechnungen steuerten geradewegs auf ein saftiges Defizit zu. Ein Nebenjob kam nicht infrage, auch der ärmliche Ausbildungslohn meiner Freundin würde nicht ausreichen. Und so kam es, daß ich eines Abends, wenige Tage vor dem nahenden Umzug, vor ihr in bitterliche Tränen fiel und gestand, daß ich nicht wüsste, wie ich uns versorgen sollte.

Am Ende kam jedoch alles anders und sowohl Rostock als auch Freundin sind heute längst Geschichte. Das Rollenmodell des sorgenden Ernährers, des pater familiae dagegen blieb1. Daher kann die Frage in Hinblick auf eine in zwanzig und dreißig und vierzig Jahren noch zu ernährende Familie nur sein: In welchem Beruf mag mir dies am besten gelingen?

Das ist fraglos der des Arztes. Als Arzt bräuchte ich keine Arbeitslosigkeit zu fürchten, keine Gehaltsausfälle und keine finanziellen Engpässe. Selbst im Ausland, unter widrigen Bedingungen in Hinblick auf Gesundheits- und Rentenversicherung, Inflation und allgemeiner Teuerung gäbe es keinen Grund zur Sorge. Denn Ärzten und ihren Familien geht es immer gut.

Das sieht in der Kunst ganz anders aus. Weder Anstellung noch Gehalt, Gesundheits- und Rentenversicherungsstatus sind auch nur annähernd sicher. Es wäre mitunter ungewiss, wie sich der kommende Monat gestalten würde. Ungünstige Umstände, um für eine Familie zu sorgen.

Damit bliebe nur eine Frage offen: Macht mich die Medizin auch glücklich? – Vielleicht ist Glück auch nicht der Lebenszweck, nach dem man vorrangig streben sollte. Es könnte auch wichtigeres im Leben geben.2

  1. Ob selbst oder fremd auferlegt, zeitgemäß oder nicht, notwendig oder nicht, sei dahingestellt, doch Fakt ist, dieses Selbstverständnis ist noch immer vorhanden, sodaß ich mich nicht unnötig an diesem Detail aufhalten werde.
  2. PS: Noch eine Sache fällt mir auf: Die Verantwortung, die ich im Titel kurz andeute, gilt im Grunde genommen einer unbekannten Person, einem bloßen Schema und damit nur einer Idee. Aber was ist eine Verantwortung für eine Idee, wenn nicht ganz einfach nur purer Idealismus?

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Eine Beobachtung über die Semantik des Internets

06. Februar 2012

Soeben empfahl ich bei Quote.fm ein Interview mit dem kürzlich verstorbenen Mike Kelley und wies darauf hin, daß der geneigte Leser nicht die zweite Seite übersehen solle. Dabei kam mir die Frage in den Sinn: Warum ist das Internet noch immer so sehr an seine Wurzeln aus dem Buchdruck gebunden?

Der Aufhänger ist denkbar augenfällig: Die Website des Art Magazins, aber auch die der Zeit und die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und viele andere auch unterteilen längere Artikel in mehrere Abschnitte – oder „Seiten“, wie es dann heißt. Woher diese Praxis kommt, liegt auf der Hand: aus dem Buch- und Zeitungsdruck. Dort ist der Grund für das Aufteilen eines Textes auf mehrere Abschnitte ein ganz pragmatischer, nämlich letztlich nichts anderes als Platzmangel. Irgendwann ist eine Seite gefüllt und so muss eine neue beschrieben werden.

Die Möglichkeiten des Bildschirmes und der Virtualität verringern jedoch dieses Platzproblem und bieten etwa die zunächst trivial erscheinende Lösung des Scrollens. Es besteht also eigentlich kein Grund, an der alten Handhabe der seriellen Anordnung mehrerer Textabschnitte fixer Länge festzuhalten, wenn der virtuellen Textfläche faktisch keine Grenzen gesetzt sind. Sicherlich kann man die Index-Funktion eines in Seiten organisierten Textes als praktischen Nebeneffekt anführen. Dieser Einwand wird jedoch schnell entkräftet, wenn man an Hyperlinks und Textanker denkt, die ebenfalls vorzüglich einen Text strukturieren und indexieren können. Auch die Meßbarkeit der Länge eines Textes („129 Seiten lang“) wird gerade auch wegen ihrer Ungenauigkeit durch einen virtuellen Gegenentwurf entkräftigt, der den Scroll-Balken als praktisches Maß vorsieht.

Was spricht also gegen einen ungeteilten, scrollbaren Text? Vielleicht die Hürden seiner Konsumierbarkeit: Wer kennt nicht das Gefühl, daß der Scrollbalken nach zehn Absätzen immer noch nicht näher an sein Ziel gekommen ist? Wer wünscht sich nicht ein virtuelles Lesezeichen, wenn er nach langer Zeit wieder einen längeren Text aufruft? Damit gelangt man wieder bei den Vorteilen eines in Seiten aufgeteilten Textes an. Und muss nach Lösungen suchen, diese Hindernisse im Lesefluss zu beseitigen. Letzteres Problem scheint noch simpel, wenn man an Textstrukturierung durch Absätze und Illustrationen denkt, doch die Lösung für einen einfach zu bemessenden Text scheint da doch schon schwieriger. 

Die benötigte Lesezeit scheint ein praktisches Maß zu sein, auf das letztlich jede Umfangsangabe abzielt. Fraglich bleibt nur, wie diese zuverlässig ermittelt und sinnvoll angezeigt werden kann. An dieser Stelle hat Quote.fm eine probate Lösung gefunden, die jedoch für den Gebrauch im gewöhnlichen Lesekontext nicht durchgängig praktikabel sein dürfte. Vielleicht verschafft hier eine browserseitige Lösung mehr Überblick, doch auch das kann nicht dem Anspruch gerecht werden, Fragen der Websemantik dem Entwickler oder eher noch dem World Wide Web Consortium zu überlassen. Meines Wissens gibt es bisher keine Meta-Angabe (auch nicht nach Dublin Core), die diesem Anspruch gerecht wird, was angesichts des vielfältigen Gebrauchs der Meta-Tags verblüffend ist.

Dennoch drängt die Frage nach anderen Methoden der Konsumierbarkeit neben dem Seiten- und dem Continuous-Scroll-Prinzip. Möglicherweise kann eine Kombination beider Vorteile vereinen: Der Hauptteil des Textbereiches wird durch den Fließtext eingenommen, während ein seitenbasiertes Vorschaubild am Rand die Position veranschaulicht. Ähnlich wie in der Adobe-Reader-Ansicht könnten diese Vorschaubilder klickbar und damit zur Indexierung hilfreich sein. Mehrere Ansichten eines Textes könnten zudem zur anschaulichen Darstellung über Anzahl und Verteilung mehrerer Fundstellen eines Suchbegriffs dienlich sein – ähnlich wie man es von Google Books kennt.

Andererseits ist auch eine Darstellung denkbar, die Überschriften zur Indexierung nutzt und diese ähnlich eines Inhaltsverzeichnisses in einer parallelen Übersicht festhält und den gerade angezeigten Text entsprechend zuordnet. Farbige Unterlegung der „aktiven“ Überschrift oder andere Hervorhebung könnte sich als sinnvoll erweisen.

Letztlich lässt sich dieses Gedankenspiel beliebig weit bringen, doch wird immer die Frage bleiben, ob es auch eine Alternative zur hierarchischen Ordnung zueinander in Bezug tretender Inhalte (als Anzahl verschiedener Dokumente, Artikel oder gar Webseiten) gibt. Dies würde bedeuten, die Rolle des Hyperlinks zu hinterfragen, was m.E. angesichts der ubiquitären Anwendung dieses Prinzips auf keinen fruchtbaren Boden fiele. Denn es würde heißen, die Hierarchie der Inhalte untereinander grundlegend neu zu gewichten, was einer indexikalischen Revolution gleichkäme.

Am Ende bleibt also nur die bescheidene – aber deswegen nicht weniger wichtige – Frage, wie sich ein Text mit den Möglichkeiten des Bildschirmes und der Virtualität sinnvoll organisieren lässt und ob das Seitenmodell nicht längst durch bessere Methoden ersetzen lässt.

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Verzicht üben.

05. Oktober 2011

Bilanzierung

In den letzten vier Jahren bin ich fünf Mal umgezogen. Dieses eine Mal mitgezählt. Bin der Liebe wegen in eine fremde Stadt gezogen, mit der Liebe ging auch ich: wieder heim. Es folgte die erste eigene Single-Bude, dann das WG-Leben und jetzt, jetzt suche ich wieder das Alleinsein, vor dem ich erst vor einem Jahr floh. Am Ende hatte ich das Gefühl, man wolle mich loswerden. Sei mir recht, Undank ist ohnehin aller Welten Lohn.

Nun sieht alles danach aus, daß ich noch dieses Jahr in mein geliebtes Kreuzberg ziehen werde. Mitten ins Herz. Die Wohnung ist in jeder Hinsicht perfekt: Größer als alles, was ich zuvor gekannt habe, ist sie obendrein platzsparend geschnitten, vom Trubel abgewandt gelegen und umwerfend preiswert. Die meisten meiner Freunde wohnen um die Ecke – oftmals in kleineren, schlecht geschnittenen, lauteren Wohnungen. Zum selben Preis wohlgemerkt.

Mein Wunsch-Zuhause findet man in keiner Zeitung, in keiner Anzeige. Denn die Wohnung wird erst morgen gekündigt. Einen exklusiveren Wohnungsmarkt konnte ich nicht erwischen. Doch auch diesem jähe Glück wohnt ein Teufel inne und sein Name ist Abstandszahlung.

Die Einbauküche sei erst im Mai angeschafft, beste IKEA-Qualität. Und die Großelektronik braucht es auch nicht mehr. Ebenso allerhand anderes Mobiliar, das beim Einzug in die Wohnung des Freundes und baldigen Vaters nicht mehr benötigt wird. Eintausendfünfhundert Euro. So viel soll es wert sein. Bereits nachverhandelt.

Ich habe für die erste eigene Single-Bude, damals, Provision bezahlen müssen. Zwei Nettokaltmieten zzgl. je 19% Mehrwertsteuer, rund siebenhundert Euro. Ein ganzes Monatseinkommen war das. Jetzt ist es nicht viel anders, nur freilich viel teurer. Ein Eintrittsgeld, das man erstmal abdrücken muss. Ob der Preis gerechtfertigt ist – ich weiß es nicht; das ist auch gleich, schließlich fühlt es sich wie ein kleiner Betrug an. Obwohl das meiste des Inventars ohnehin angeschafft werden müsste, nur natürlich nicht auf einen Schlag und vorzugsweise nicht zu einem solchen Geld.

Die vergangenen Tage malte ich mir schon aus, daß ich all meine Möbel verkaufen und alles neu einrichten würde. Designermöbel aus den Sechzigern hatten es mir angetan. Tatsächlich findet man sie zweiter Hand zu Preisen, die man sonst nur aus Ikea-Katalogen kennt. Ausdauer und Gespür vorausgesetzt, kann man sich auf diese Weise ein stilvolles Heim schaffen. Das war freilich vor der heutigen Wohnungsbesichtigung und der Nachricht von der Abstandszahlung. Jetzt ist alles aufs Eis gelegt. Die Finanzierung steht, dafür sorgten einige bange Stunden angestrengten Rechnens. Ganze ohne schmerzhafte Einschnitte wird es nicht gehen. Abgesehen von der Einrichtung, die ich an meine jetzige WG abtreten werde, muss auch so manch Privates geopfert werden. Aus dem neuen Fahrrad wird erstmal nichts. Bestellungen wurden storniert, der sportliche Rahmen wird wieder ins Geschäft gebracht.

Zum Einzug wird die neue Wohnung spartanisch eingerichtet sein, trotz edler Küche. Das wird auch eine Weile so bleiben. Denn jetzt heißt es: Verzicht üben.

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