Archiv für die Kategorie "Kleingeist"

Das war 2013 in Statusupdates

15. November 2013

Das Jahr neigt sich dem Ende und so liest und sieht man wieder allerorts Jahresrückblicke, die eigentlich nur von dem Hintergrund entstanden sind, weil die Redaktionen ob der Weihnachtsstimmung entweder faul oder klamm geworden sind. Mir geht es da gewiss nicht anders; der eigentliche Grund für diesen abgeschmackten Versuch liegt aber darin, daß What would I say trotz vieler ähnlicher Webseiten eine witzige Sache ist. Man kennt das: Der eigene Twitter-, Myspace-, Lokalisten- oder in diesem Falle Facebookaccount wird automatisch durchsucht, durchgeschüttelt und wieder neu zusammengesetzt, sodaß alle etwas zu lachen haben. Und weil Sara es vorgemacht hat und ich keinen besseren Ort als diesen fand, es ihr gleich zu tun, ist diese schamlose Sammlung verworrener Statusupdates ein Jahresrückblick geworden. Frohe Weihnachten!

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Jasmin

28. September 2013

Zunächst die Vereinigten Arabischen Emirate, von dort nach Äthiopien und Kenia, vielleicht auch Somalia, aber gewiss der Jemen, und wenn das Geld reicht auch Burkina Faso und Nigeria. Das war ihre Reiseroute. Noch bevor ihre eigentliche Expedition begann, zeichnete sie mir ihren Kurs nach. Da harrte sie bereits in Dubai aus, wo sie sich in einer kleinen Kammer einquartierte, die für die nächsten Tage ihr Lager sein sollte, bis die Behörden ihre Visa genehmigt hätten. Ihren ursprünglichen Plan hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits aufgeben müssen: Kairo war gestrichen worden, auch Syrien und der Libanon würde sie nun doch nicht mehr besuchen. Vielleicht bliebe auch Somalia aus, aber das könne sie noch nicht wissen. Eine einsame Reisende auf ihrem Weg von einem Krisengebiet ins nächste. Sie wollte in diesen Ländern der Gewalt gegen Frauen auf die Spur kommen, mit Hilfsorganisationen, Betroffenen und Journalisten sprechen. Das liegt gewissermaßen in ihrer Familie – bereits als kleines Kind nahm ihre Mutter sie zu humanitären Einsätzen auf den asiatischen Kontinent mit.

An jenem Abend Mitte August, als sie in Dubai ihre weitere Reise plante, war sie bereits müde. Wir telefonierten nur kurz. Nun geht der September zu Ende, sie wollte in diesen Tagen wieder da sein, daheim, in Sicherheit. Seitdem habe ich nicht mehr von ihr gehört.

Gelegentlich ertappe ich mich dabei, wie ich „deutsche Geisel Jemen“ oder „Deutsche in Nahost entführt“ in das Suchfeld eingebe. Bis Ergebnisseite zwanzig ohne eine Fährte. Ich bin ernsthaft besorgt, weiß aber auch, daß sie trotz ihrer ungewöhnlichen Reise eine besonnene Frau ist. Ich kann die Sorgen vergessen, aber wenn ich dann eine ihrer Freundinnen in der U-Bahn treffe, sind sie wieder da. Und ich frage mich: Bin ich jetzt verliebt? Erkennt man immer erst die Wertschätzung für seine geliebten Menschen und Dinge, wenn sie auf einmal weg sind? Ginge es mir genauso, wenn ein Freund oder eine Freundin ein solches Abenteuer auf sich genommen hätte? Ich wollte es nicht auf diese Weise herausfinden.

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Mehr wagen.

26. Juli 2013

Die Moderne hat ihren Kindern noch das Versprechen gemacht, daß bereits morgen ein neuer Tag anbreche, der Neues bringen würde. Seine Identität selbst zu gestalten, das war die neue Freiheit – sei es durch Arbeit, sei es durch soziales Engagement, durch Freunde und Familie oder durch Konsum. Und die Moderne wusste durch jede Krise hinweg den richtigen Weg zu weisen. Man musste ihm nur folgen. Doch irgendwann nimmt auch der längste Weg sein Ende und bald wusste man nicht mehr, wie es weitergehen solle. Jedoch war auch diese kurze Krise, die Postmoderne, nur von kurzer Dauer und so liegen heute so viele Wege, so viele Chancen vor uns wie nie zu vor.

Doch wir sind unsicher geworden. Wir wissen nicht, welchen Weg wir gehen sollen, wissen nicht, welcher uns am nächsten an unser Wunschbild der eigenen Identität heranführt. Wir verzagen und fragen die, die vor uns da waren: Wie habt ihr gelebt? Wir haben mittlerweile so oft zurück geblickt, daß wir die erste Generation geworden sind, die daraus eine Kulturleistung gemacht hat. Wir schauen auf unsere Väter und Mütter und wir tun es ihnen gleich. Noch leben wir gut damit.

Doch vielleicht ist dieser kollektiver Blick zurück auch einfach nur ein Reflex, der aus dem Anknüpfen an das, was einmal erfolgreich war, das Vertrauen in die eigene Sache bekräftigt. Vielleicht ist dann diese zelebrierte Rückbesinnung nur der Balsam für die eigene Unsicherheit, etwas Neues, etwas Zerbrechliches, etwas Ungewisses, aber mitunter auch etwas Eigenständiges erschaffen zu müssen. Dann hätte uns das Drängen der Moderne erneut eingeholt. Dann würde sich der Kult um den Berliner Techno der 80er und 90er, um die amerikanische Großstadt-Ghetto-Kultur derselben Zeit, aber auch um falschfarbige, unscharfe Fotos des vergangenen Jahrhunderts als Auswüchse ein und desselben bis zur Groteske überblähten Pathos entpuppen. Dann wären wir eine jämmerliche, eine feige Generation.

Aber das können wir nicht laut aussprechen. Darüber können wir nicht einmal vernünftig nachdenken, denn es hieße, sich einzugestehen, daß wir unser Leben und unsere Identität nicht so frei gestalten, wie wir immer glaubten, sondern eigentlich nur Gefangene unserer eigenen Existenzangst sind. Man müsste wieder etwas wagen.

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Die Tyrannei der sozialen Medien

25. März 2013

Social Media: Die Gesamtheit der Kommunikationsmittel, die ausgehend von der immer effizienteren und weiter zentralisierten Selektion und Aggregation von Inhalten den Akt des Teilens über den Inhalt stellen. Mit der derzeit voranschreitenden Fokussierung auf die Ausweitung des Netzwerkcharakters dieser Medien geht die Bildung eines Ereignishorizontes um die darin eingeschlossene Sphäre des jeweiligen sozialen Mediums einher. Eine Blase, die den Transit neuer und alter Inhalte von der Quelle zum Netzwerk und vom Netzwerk zur Quelle zusehends einschränkt und in ihrer Vollkommenheit eine Zirkulation der eingeschlossenen Inhalte vorantreibt. In einer idealen Lösung hielten sich die Bilanz der zu- und abgeführten Inhalte sowie die ständige Reorganisation des darauf gedeihenden sozialen Gefüges die Waage. Tatsächlich erreichten diese sozialen Medien jedoch bisher in jedem Falle den Punkt, an dem de novo generierte Inhalte nur noch eingeschränkt zwischen Innen und Außen wandern können. Die Folge ist eine Schnatter-Gesellschaft, die nicht anders als auf schlechten Ausstellungseröffnungen den Zeit und Ort ihres Zusammentreffens über den Anlass ihrer Existenz erhebt.

Ein solcher Zugewinn an intrinsischer Ordnung führt jedoch interessanterweise zur Destabilisierung des sozialen Gefüges, das unter der voranschreitenden Verknappung der Inhalte schließlich einen kritischen Punkt erreicht, von dem an der Aufbruch des sozialen Netzwerkes unaufhaltbar seinen Lauf nimmt. Die Suche nach neuen Inhalten findet auf diesem Wege jedoch erstaunlicherweise wieder zu neuen, andersartigen sozialen Netzwerken, die bisher stets demselben Schicksal unterlagen. Diese Einsicht ist gewiss ein alter Hut.

Einmal in dieser Knappheit formuliert stellt sie jedoch die drängende Frage, ob dieses regelhafte Geschehen in der Natur der sozialen Medien liegt, oder aber auch in gesellschaftliche Strukturen außerhalb des Internets beobachtet werden kann. Ist diese Beobachtung Teil einer längeren Entwicklung? Beispielhaft: Waren Vernissagen der 50er Jahre auch schon so inhaltsleer wie heute?

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Notizen

17. März 2013

Ich kann nur jedem Musik- und allgemein Kulturbeflissenem den dringlichen Rat geben, sich mit den musikalischen und künstlerischen Ereignissen im Westberlin der 70er und frühen 80er Jahre auseinanderzusetzen. Die letzte Woche war für mich, durch einige glückliche Umstände bedingt, durch das Eintauchen und Kennenlernen dieser kurzen, aber ereignisreichen Jahre geprägt.
Am Sonntag besuchte ich mit Teresa die Kippenberger-Schau im Hamburger Bahnhof. Keine Überraschungen, in der beachtlichen Fülle der ausgestellten Arbeiten jedoch einige erhellende Momente über Kippy und seine Kumpanen. Am Mittwoch spazierte ich mit Jasmin vier kalte, doch sehr charmante Stunden durch Schöneberg. Gestern widmete sich Metropolis für einige Minuten dem musikalischen Miljö jener Tage. Heute stolperte ich über Interviews mit Blixa Bargeld und überhaupt war alles von den Berliner Diskographien David Bowies und Nick Caves & The Bad Seeds‘ begleitet.

Absolut empfehlenswert.

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Heureka!

09. November 2012

Jetzt weiß ich, woran es liegt – so abgehoben es klingen mag –: Während ich mein Leben lang nur die metropolitane Realität kannte (die wiederum in dieser Hinsicht dem amerikanischen Kulturkreis nahe kommt), hat ein Großteil derjenigen, die mich umgeben, eine andere, eine groß-, kleinstädtische oder gar ländliche Prägung. Diese Situation birgt ein natürliches Konfliktpotential, dessen Auflösung in einem ersten Schritt des Bewusstwerdens bereits angegangen wird.

Gute Nacht!

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Kriegsbilder

26. Oktober 2012

Daß wir in unserem gegenwärtigen Umgang mit Bildern nachhaltig abgestumpft sind, ist ein wohl bekannter Teil unserer jüngeren Kultur- und Bildgeschichte. Als die Magnumfotografen die Kriege ihrer Zeit in einer ungekannten Präzision und Realitätsnähe festhielten, war das immerhin für einige Künstler und Kulturwissenschaftler aller Sparten ein Novum, das die vergleichsweise stumpfen Vorgänger aus dem zweiten Weltkrieg deutlich in den Schatten stellte. Einige der bekanntesten Fotografien der Menschheit stammen aus diesen Konflikten in Vietnam und Korea, doch bereits mit dem ersten Golfkrieg war alles anders.

Die Gründe sind vielfältige; in jedem Falle spielt das Aufkommen des Live-Fernsehens eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Im neuen Jahrtausend: Die Anschläge vom September 2001 markierten eine Zäsur in der Bildgeschichte, die erst wenige Jahre zuvor den Iconic Turn ausrief (und schon gekommen sah), spätestens mit den unzähligen Livebildern jedoch ihre Vision bestätigt sah. Seitdem hat sich auch die Berichterstattung aus den Krisen- und Kriegsgebieten ein weiteres Mal verändert und so sind wir es gewohnt, über Fernsehen, Internet und im Speziellen Twitter hautnah am Geschehen zu sein, ohne jedoch in einen bildlichen oder gar persönlichen Kontakt zu treten. Im besten Falle sind es generische Bilder, die in den Abendnachrichten gezeigt werden: kurze Zusammenfassungen des Tages, darin, wenn es hoch kommt, glühendes Stahlgewitter über dem nächtlichen Himmel einer umkämpften arabischen Stadt.

Man wäre ein Narr, zu glauben, es gäbe keine besseren Bilder, keine Bilder von der Front, von den Kämpfenden, von den Verwundeten, von den Getöteten. Tatsächlich existieren sie in einer ungeahnten Fülle: Fotografien und auch Videos, die von den Kämpfenden, den Zivilisten oder Journalisten angefertigt wurden. Die Differenz ist frappierend: Das westliche Fernsehen zeigt nur die weichgespülte Fassung – auch das ist keine neue Nachricht. Das Internet macht sie jedoch jedermann zugänglich.

Aus journalistischer Sicht sind jedoch wohl die meisten der Videos nicht zu gebrauchen: Sie sind in aller Regel zu Propagandazwecken angefertigt worden. Es ist nicht klar, wann und wo die Aufnahmen gemacht wurden – ob sie vielleicht eine andere Stadt in einem anderen Jahr zeigen? Es ist auch nicht immer klar, auf welcher Front die Videos entstanden, was sie zeigen und, vor allem und viel wichtiger, was sie nicht zeigen. So ist es ist das Beste, diese Videos kommentarlos zu zeigen. Nicht um der Parteiergreifung Willen, sondern der bloßen Dokumentation, was für uns im Westen der ferne Krieg im Osten in Zeiten der medialen Abstumpfung eigentlich ausmacht.

Man sollte diese Erfahrung gemacht haben, am besten mit voller Lautstärke; sie übersteigt jede filmische Seherfahrung, ist schonungslos und vielleicht sogar näher an der Realität.

UPDATE: Solche Bilder hatten gefehlt.

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Affektionen

16. Oktober 2012

Daß der Zivildienst im palliativmedizinischen Betrieb mehr Spuren hinterließ als ich mir eingestand, wurde mir erst nach der Entlassung in die Heimat bewusst. Mit der Distanz zum Erlebten kam auch die Zeit der Reflektion. Viel Verdrängtes kam zum Vorschein: der Tod in all seinen Facetten: der schleichende und der plötzliche Tod, der friedliche und der leidvolle Tod, der warmherzige und der kalte, einsame Tod. Manch einer verstarb im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, einem anderen ging zunächst seine Persönlichkeit abhanden, dann starb auch der Körper gänzlich ab. Die eine legte selbst Hand an ihr Schicksal, einen anderen beglitt ich in seinen letzten, einsamen Minuten – kein Angehöriger war bekannt. Ich erinnere mich noch an viele Patienten, doch an kaum einen Namen mehr. Auch das ist Teil einer erfolgreichen Verdrängungsstrategie.

Ich litt still und mein Geist stumpfte ab. Ich funktionierte nicht mehr als Freund, nicht mehr als Partner, mitunter auch nicht mehr als Mensch. Schlaflosigkeit brachte mich um meine Kräfte – ich brachte es regelmäßig auf nicht mehr als vier Stunden Schlaf. Die häufigen Nachtdienste taten ihr Übriges.

Zurück im Alltag, der neue Herausforderungen und Ziele bot, hatte ich mit diesen Eindrücken bald abgeschlossen. Doch in den vergangenen zwölf Monaten kamen die Erinnerungen immer wieder hoch, manch eine Nacht war durchwacht. Die Trauerfälle in Familie und Freundeskreis häuften sich.

16. Oktober 2011 – Freund, Verkehrsunfall
21. März 2012 – enger Freund der Familie, Prostatakrebs
16. Juli 2012 – Großvater, Multimorbidität
16. September 2012 – bester Freund, fast wäre es wieder so weit gewesen.

Nun, einen Monat nach dem schrecklichen Verkehrsunfall, liegt er weiterhin im Koma. Die Fortschritte sind milde bis enttäuschend. Ich erhalte alle Informationen über die Familie; Informationen aus Laienhand, mit meinen medizinischen Fragen komme ich nicht weit. Einige der Befunde können sie nicht einordnen, lediglich weiterhin hoffen und bangen.

Ich jedoch, ich kann die Zeichen deuten. Und muss mich nun, da der größte Rückschlag erst erlitten, auf das Schlimmste vorbereiten. Heute ist der 16. Oktober 2012, es ist ein Uhr fünf in der Nacht, morgen habe ich Geburtstag. Er wird ein furchtbares Lebensjahr abschließen. Doch auch die Aussicht auf das nächste Jahr kann mich nicht munterer stimmen.

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Eine Ökonomie der Gefühle

03. August 2012

Bleierner Regen ergießt sich durch das Laub, spült eine warme Träne hinfort. Sinkt schwer zum klammen Boden herab, verrinnt in frischer Erde.

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Trauer

16. Juli 2012

Bas Jan Ader: „I’m too sad to tell you.„, 1971

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