Archiv für die Kategorie "Weingeist"

Quo vadis?

26. März 2016

Noch ehe am Montag das Flugzeug abhebt, plagt mich bereits das Heimweh. Acht Wochen Rundreise durch Japan und Korea, größtenteils allein. Nur die erste Woche reise ich in Begleitung und in der letzten Woche kann ich immerhin einige Freunde und Bekannte treffen. Doch dazwischen: Lost in translation, auf mich allein gestellt, bin ich gezwungen, mich jeden Tag aufs Neue mit einer der für uns exotischsten Kulturen auseinanderzusetzen. Kaum Englisch, so gut wie kein Japanisch und bestimmt kein Deutsch werde ich sprechen können – es wird eine stille Zeit. Es ist nicht das erste Mal, daß ich allein verreise, aber es ist das erste Mal, daß ich so lange in einem so fremden Land bleibe.

Was traumhaft sein kann und mir lange Zeit schien, wird nun zur Sorge. Ob ich nicht vereinsame? Irgendwann einfach nicht mehr vor die Tür trete, stattdessen die Tage im Bett und mit Netflix verbringe und der Abreise entgegen sehne? Wer weiß. Diese Ausflucht erscheint mir derzeit eher beruhigend als betrüblich.
Klar, man kann in allen größeren Städten nicht nur Einheimische, vor allem aber auch andere Reisende kennenlernen. Aber wie oberflächlich mögen solch flüchtige Bekanntschaften sein, wenn übermorgen bereits die nächste Stadt ruft?

Ich hatte mich lange auf diese Reise gefreut: Einmal nach Japan, aber so richtig. Landauf, landab alle Eindrücke aufsaugen. Tempel besuchen, schlemmen, Ruhe genießen. Einen Mitreisenden konnte ich allerdings nicht finden; die Bereitschaft für eine Fernreise war gering. Dabei stand das vergangene Jahr bereits im Zeichen einer zunehmenden Eigenbrötlerei – als ewiger Single merkte ich schnell, wenn alle Anderen Beziehungen vertieften und Karrieren intensivierten. Manch eine Freundschaft wurde da nur noch einseitig gepflegt. Nun, im Jahr darauf, bin ich es also, der zumindest für diesen Zeitraum von zwei Monaten den Abstand sucht.

Aber hatten sich diese Solo-Trips in der Vergangenheit nicht stets als deutlich weniger kathartisch erwiesen, als gedacht? Musste ich nicht den Trek durch isländische Hochland mittendrin verletzt abbrechen und die restliche Zeit verbittert und allein in Reykjavík fristen? Sehnte ich in Seoul nicht bereits nach zwei Tagen ohne ein bekanntes Gesicht, ohne ein Wort Deutsch oder Englisch sinnstiftenden Menschenkontakt zurück?

Hinzu kommt, daß das sicher geglaubte Finanzpolster nach der Heimkehr vielleicht doch noch etwas länger ausreichen muss. Ein wichtiger Auftrag wurde verschoben – eine vorgeschobene Absage? – und so weiß ich noch nicht, welche Situation mich daheim erwarten wird. Keine idealen Bedingungen, um die sich irgendwann zwangsweise einstellende Einsamkeit mit viel Sake und Soju zu ertränken.

Ich ertappte mich bereits bei dem Gedanken, die Reise doch jederzeit abbrechen zu können. Ein kurzfristig gebuchtes Rückflugticket ist immerhin billiger als eine Woche in der Ferne. Aber dann würde ich ja doch nur in die tagträumerische Tristesse heimkehren, der ich anfangs entfliehen wollte.

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Delir

21. Januar 2013

Wozu das alles?

Zunächst muß natürlich die Frage geklärt sein, was überhaupt noch geschrieben werden kann. Adolf Loos habe sich vor nichts „im Leben so gefürchtet, wie vor dem Produzieren neuer Formen“ und unsereins muss sehen, was nicht im Gemurmel der Massen untergeht. Sinn destilliert sich freilich nicht aus der Resonanz der vielen Stimmen, allein das ist die konservative Vorstellung aus einer anderen publizistischen Ära. In 140 Zeichen kann alles gesagt sein. Vielleicht auch nur alles, was es wert ist, auf 140 Zeichen verkürzt zu werden. Ein kohärent gedachtes Schriftstück, das sich über solche Grenzen hinwegsetzt

„Alles, was man in der ersten Hitze bei großer Exaltation macht, muß man nachher zerstören.“ Wußte Rodin und hatte doch keine Antwort auf die Frage, ob man lieber ganz davon absehen sollte, mit dem Geist der Muse inspiriert zu arbeiten, wenn man denn nicht anders kann. Denn an Ideen mangelt es nicht, einzig die Durchführung erweist sich als beschwerlich, aber auch das ist ja freilich nichts neues. So geschieht es also, daß a

Jede Geschichte kann grundsätzlich aus mehreren Perspektiven erzählt werden. Es gibt mindestens so viele Perspektiven wie Erzähler. Zumeist ist nur eine, selten sind mehr als zwei Perspektiven bekannt. Keine der Perspektiven ist e

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Spontanprofan und markantcharmant

20. April 2011

Wenn man angeregt und ungezwungen über die Phänomenologie der Physalis (auch in Abgrenzung zur kulturellen Bedeutung der Orange), über die haptischen Qualitäten einer Feuerholzstreichfläche und die Minderwertigkeit der Oberfläche eines Bierdeckels als Eingeständnis an seine Funktionalität und Massenproduzierbarkeit diskutieren kann, zudem ohne Anstrengung auch eine Unterhaltung über die konsequente formale Permanenz und den narrativen Fluss einer eben gesehenen Performance führen und dabei die kontextuelle Projektion auf die Form durchführen kann, nebenher wie selbstverständlich immer weiter zusammenrückt und innige Blicke und Berührungen austauscht, dann ist das ein guter Abend, der auch dadurch nicht getrübt werden kann, daß man seine Kamera fast an eben jener Bar verloren hätte, die Schauplatz dieser Konversation war.

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