Eine unvollständige Liste genderbereinigter Sprache

14. September 2011

Viele Spra­chen haben sich wäh­rend ihrer lan­gen Rei­fung schon manch einen künst­li­chen Ein­griff gefal­len las­sen müs­sen. Ogdens Basic English und der radi­kale Kahl­schlag in der schwe­di­schen Gram­ma­tik des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts mar­kie­ren bedau­erns­werte Sprach­pfu­sche­rei, die lei­der auch heute noch ihre Nach­wir­kun­gen zeigt. Die deut­sche Spra­che blieb von einem sol­chen lin­gu­is­ti­schem Aus­ver­kauf glück­li­cher­weise bis­her ver­schont. Den­noch war sie in ihrer Geschichte frei­lich eini­gen Nor­mie­run­gen unter­wor­fen. Der refor­ma­to­ri­sche Ein­fluss Luthers wird heute, abge­se­hen von der dog­ma­ti­schen Trag­weite, als lin­gu­is­ti­scher Glücks­griff ange­se­hen, auch Dudens Leis­tun­gen sind unum­strit­ten. Auch ihnen ist zu ver­dan­ken, daß die deut­sche Spra­che zurecht für ihren Wohl­klang und ihre Ele­ganz bekannt ist.

Nun ist die Gen­der­de­batte ein belieb­ter Spiel­platz der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler unse­rer Zeit. Dort tum­meln sich aller­hand Akti­vis­ten unter­schied­lichs­ter Prä­gung und Vor­bil­dung, dre­hen einer nach dem ande­ren lus­tig ihre Run­den im Sprach­ka­rus­sell und behaup­ten die große Gram­ma­tikrut­sche für sich allein. Richtig erkannt: Das sind die­sel­ben Leute, die damals kei­nes der ande­ren Kin­der auf der lus­ti­gen Ringelraupen-​​Wippe duldeten.

Welch obskure Stil­brü­che diese Gender-​​Philisterei zutage för­dert, ist hin­läng­lich bekannt. Aber: Was ein wasch­ech­ter Spielplatz-​​Tyrann ist, lässt sich nicht lange lum­pen und stellt immer wie­der neue Gesetze für das Klet­ter­ge­rüst und den Sand­kas­ten drum­herum auf. Eine Aus­wahl, lin­gu­is­tisch durchleuchtet:

Bie­der­mann: übli­cher Sprach­ge­brauch. Kom­po­si­tum aus Adj. »bie­der« und Nom. »Mann«
Bie­der­frau: gedul­dete, aber bereits belä­chelte Vari­ante des »Bie­der­mann«. Kom­po­si­tum aus Adj. »bie­der« und Nom. »Frau«
Bie­derfe­mi­nist: deno­ta­tiv prä­zi­sere Vari­ante des »Bie­der­mann« bzw. der »Bie­der­frau«
Bie­derfe­mi­nis­tin: gender-​​korrigierte Form des »Bie­derfe­mi­nis­ten«
Bie­derfe­mi­nis­tIn­nen: künst­li­cher Plu­ral einer kon­tra­va­lent dis­junk­ti­ven Form der gender-​​unbereinigten Vari­an­ten der »Bie­derfe­mi­nis­tin« bzw. des »Bie­derfe­mi­nis­ten«. Neo­lo­gis­mus ohne gram­ma­ti­ka­li­sche, all­ge­mein: lin­gu­is­ti­sche Basis.
Biederfeminist_​Innen: um die Trans-​​Sexualität erwei­terte, nun adjunk­tive Form der gender-​​unbereinigten Vari­an­ten der »Bie­derfe­min­s­tin«, des »Bie­derfe­mi­nis­ten« bzw. des sexu­ell inde­ter­mi­nier­ten Biederfeminist_​
einin Bie­dernin: limi­na­les Geschlecht nach Sylvain-​​Konvention. Gro­ber Unfug.

man: übli­cher Sprach­ge­brauch. Etym.: althd. »man«, sinn­be­zeich­nend für »Mensch« neu­tra­ler Geschlechts­aus­sage.
frau: unüb­li­cher Neo­lo­gis­mus als femi­ni­nes Kor­re­lat zum ver­meint­lich mas­ku­li­nen »man«. Lin­gu­is­tisch nicht aner­kannt.
jemand/​niemand: übli­cher Sprach­ge­brauch. Etym.: mhd. »ieman«, althd. »iaman«, fer­ner althd. »man« (s.o.)
jemensch/​niemensch: ety­mo­lo­gisch zu kurz grei­fende Stil­blüte der Gender-​​Debatte, die Geschlech­ter­neu­tra­li­tät erwir­ken will, wo diese immer innewohnte.

5 Kommentare

  1. Hi,

    Zitat: »Die deut­sche Spra­che blieb von einem sol­chen lin­gu­is­ti­schem Aus­ver­kauf glück­li­cher­weise bis­her ver­schont. Den­noch war sie in ihrer Geschichte frei­lich eini­gen Nor­mie­run­gen unter­wor­fen. Der refor­ma­to­ri­sche Ein­fluss Luthers wird heute, abge­se­hen von der dog­ma­ti­schen Trag­weite, als lin­gu­is­ti­scher Glücks­griff ange­se­hen, auch Dudens Leis­tun­gen sind unum­strit­ten. Auch ihnen ist zu ver­dan­ken, daß die deut­sche Spra­che zurecht für ihren Wohl­klang und ihre Ele­ganz bekannt ist.«

    zu Satz eins: Was genau meinst Du damit? Weder hin­sicht­lich der Ent­wick­lung der Ortho­gra­phie noch der Neo­lo­gis­men (siehe Denglish/​Danzösisch) stimmt das.

    zu Satz drei: Von der dog­ma­ti­schen Trag­weite kann tat­säch­lich abge­se­hen werden? :-)

    zu Satz vier: Das hör ich ja zum ers­ten Mal. Ich kenne nie­man­den, der behaup­tet, dass die deut­sche Spra­che für ihren Wohl­klang bekannt ist. Ganz im Gegen­teil, z.B. wenn ich im eng­lisch spre­chen­den Aus­land mit mei­nen Kin­dern auf dem Spiel­platz unter­wegs bin, fra­gen mich manch­mal Müt­ter warum ich mit mei­nen Kin­dern so agres­siv spre­che. Die Frage hat nichts mit der Art und Weise zu tun, son­dern mit den har­ten Wör­tern und Silben.

  2. Nun ja, das ist natür­lich alles Geschmacks­sa­che. Wenn ich von »Aus­ver­kauf« rede, dann natür­lich mit einem tade­li­gen Unter­ton. Bli­cke ich etwa in die schwe­di­sche Sprach­ge­schichte (denn da kenne ich mich sonst noch am bes­ten aus, wenn auch nur ober­fläch­lich), graut’s mir ob der Gleich­ma­che­rei, die dort im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert betrie­ben wurde. Die Spra­che ist heute ein ganz andere. Das darf man gut fin­den, ich schüttle da nur den Kopf.

    Das heu­tige Deutsch der Umgangs­spra­che sollte für den Wohl­klang nicht her­hal­ten müs­sen! Im ers­ten Ent­wurf folgte auf die­sen Satz eine Anzahl deut­scher Dich­ter, die mir als meis­ter­li­che Bei­spiele die­nen soll­ten, aber das war mir zum Schluß zu viel Schön­geist für einen sol­chen Artikel.

  3. Hi,

    ich kenn mich nun wie­derum in Schwe­den nicht so gut aus. Meinst mit Gleich­ma­che­rei den Ver­such eine dis­kri­mi­nie­rungs­freie Spra­che zu eta­blie­ren? In Deutsch­land tre­ten wir da ja seit Ende der 80er auf der Stelle. Und das was die Bun­des­re­gie­rung beim Gen­der­Main­stre­ming betreibt ist ein fata­ler Kom­pro­miss­ver­such es allen ein bis­sel recht zu machen. Aber wie heißt es so schön bei Kis­sin­ger: „Ein Kom­pro­miß ist nur dann gerecht, brauch­bar und dau­er­haft, wenn beide Par­teien damit gleich unzu­frie­den sind.“ (Quelle: zitate.de)

  4. Die Gen­der­de­batte hat die schwe­di­sche Spra­che bis­her nicht so stark erreicht wie andern­orts und hat auch nicht die Qua­li­tät ange­nom­men, wie eine Hand­voll recht­lich durch­ge­setz­ter Refor­men der schwe­di­schen Gram­ma­tik. So wurde etwa per Par­la­ments­be­schluß ver­fügt, daß die Kon­ju­ga­tion nur noch eine, von Genus und Nume­rus unab­hän­gige Form je Tem­pus kennt. Ebenso wurde die for­male Anrede gestri­chen. Die »du-​​reformen«, wie die Schwe­den sie nen­nen, wurde mit Begeis­te­rung auf­ge­nom­men; dage­gen gibt es auch heute noch so man­che Hard­li­ner, die der gram­ma­ti­ka­li­schen Viel­falt der alten Tage hin­ter­her trauern.

  5. […] ist natür­lich nicht jeder­manns Sache, da sehr spe­zi­ell aus­ge­rich­tet. Nicht jeder braucht einen sol­chen Dienst. Wer jedoch […]

Komm schon, sag was.

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