Mehr wagen.

26. Juli 2013

Die Moderne hat ihren Kindern noch das Versprechen gemacht, daß bereits morgen ein neuer Tag anbreche, der Neues bringen würde. Seine Identität selbst zu gestalten, das war die neue Freiheit – sei es durch Arbeit, sei es durch soziales Engagement, durch Freunde und Familie oder durch Konsum. Und die Moderne wusste durch jede Krise hinweg den richtigen Weg zu weisen. Man musste ihm nur folgen. Doch irgendwann nimmt auch der längste Weg sein Ende und bald wusste man nicht mehr, wie es weitergehen solle. Jedoch war auch diese kurze Krise, die Postmoderne, nur von kurzer Dauer und so liegen heute so viele Wege, so viele Chancen vor uns wie nie zu vor.

Doch wir sind unsicher geworden. Wir wissen nicht, welchen Weg wir gehen sollen, wissen nicht, welcher uns am nächsten an unser Wunschbild der eigenen Identität heranführt. Wir verzagen und fragen die, die vor uns da waren: Wie habt ihr gelebt? Wir haben mittlerweile so oft zurück geblickt, daß wir die erste Generation geworden sind, die daraus eine Kulturleistung gemacht hat. Wir schauen auf unsere Väter und Mütter und wir tun es ihnen gleich. Noch leben wir gut damit.

Doch vielleicht ist dieser kollektiver Blick zurück auch einfach nur ein Reflex, der aus dem Anknüpfen an das, was einmal erfolgreich war, das Vertrauen in die eigene Sache bekräftigt. Vielleicht ist dann diese zelebrierte Rückbesinnung nur der Balsam für die eigene Unsicherheit, etwas Neues, etwas Zerbrechliches, etwas Ungewisses, aber mitunter auch etwas Eigenständiges erschaffen zu müssen. Dann hätte uns das Drängen der Moderne erneut eingeholt. Dann würde sich der Kult um den Berliner Techno der 80er und 90er, um die amerikanische Großstadt-Ghetto-Kultur derselben Zeit, aber auch um falschfarbige, unscharfe Fotos des vergangenen Jahrhunderts als Auswüchse ein und desselben bis zur Groteske überblähten Pathos entpuppen. Dann wären wir eine jämmerliche, eine feige Generation.

Aber das können wir nicht laut aussprechen. Darüber können wir nicht einmal vernünftig nachdenken, denn es hieße, sich einzugestehen, daß wir unser Leben und unsere Identität nicht so frei gestalten, wie wir immer glaubten, sondern eigentlich nur Gefangene unserer eigenen Existenzangst sind. Man müsste wieder etwas wagen.

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Genus und Sexus

04. Juni 2013

Was ist davon zu halten, daß der erweiterte Senat der Universität Leipzig kürzlich den Vorschlag seines Mitgliedes Prof. Dr. Josef Käs vom Institut für Experimentalphysik I annahm, man möge in amtlichen Blättern und anderen offiziellen Publikationen künftig das generische Femininum verwenden? Das Rektorat stimmte nun dem Beschluss zu und wartet auf mögliche Einwände des Wissenschaftsministeriums. Dies ist die letzte Hürde, ehe die dergestalt novellierte Grundordnung in Kraft treten kann. Spiegel Online berichtet über die Sache.

Die Antwort ist denkbar einfach – doch um ihr auf den Kern zu kommen, soll in den folgenden Zeilen ausnahmsweise das generische Femininum geübt werden, sozusagen eine Antwort ex praxi: Der Senat der Universität Leipzig hätte sein einziges Mitglied aus der Linguistik, Dr. Martina Emsel, anhören sollen, das den Sinn oder Unsinn des generischen Femininums vermutlich hätte differenzierter darstellen können als seine Kolleginnen aus den übrigen Wissenschaften, vielleicht sogar Kritik geübt. Denn das generische Femininum stellt zumindest aus einer historischen Perspektive einen faden Treppenwitz der Grammatik dar.

Eines sei vorweg gesagt: Unter Linguistinnen, Psycholinguistinnen, Kognitionspsychologinnen und natürlich auch Feministinnen und Gender-Wissenschaftlerinnen ist das generische Maskulinum höchst umstritten. Bisher konnten die Kontrahentinnen keine praktikable Lösung anbieten, die über die Fraktionen hinweg angenommen wurde. Während die einen die Benutzerinnen einer Sprache (in diesem Beispiel der deutschen) befragen und so versuchen, deduktiv von der Praxis auf die Theorie zu gelangen, haben andere linguistische Methoden im Blick, oder formulieren von einer ethischen Grundlage aus eine Forderung für Theorie und Praxis.

Ohne im folgenden einen dieser Ansätze zu favorisieren, lässt sich zweifelsfrei zunächst nur die Beobachtung festhalten, daß das linguistische Verständnis der Disputantinnen oftmals nur unzureichend ist. Der Kern des Problems ist darin festzusetzen, daß meist kein Unterschied zwischen Genus und Sexus gemacht oder, viel häufiger, gleich ganz verkannt wird. Während der Sexus das biologische Geschlecht bezeichnet (und in der heutigen Gesellschaft wohl auch protestlos das soziale Geschlecht repräsentiert), übernimmt das Genus die eigentliche grammatikalische Funktion der Substantivklassifizierung, die letztlich für die Kongruenz im Zuge der Deklination und in manchen Sprachen auch der Konjugation notwendig ist. Genus und Sexus sind demnach voneinander vollständig getrennte Dinge. Wäre die deutsche Sprache ohne Genus, würde der Satz: „Das Bein des Tisches, das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn mühelos“ in der Form „Der/die/das Bein des/der Tisch/Tisches, der/die/das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn/sie/es mühelos“ nicht mehr eindeutig verständlich sein.

Dabei ist das deutsche Triumvirat Triummulierat aus Maskulinum – Femininum – Neutrum weltweit nicht einmal das vorwiegende Genussystem. Die meisten Sprachen kennen kein Genus; andere, wie etwa das Schwedische, unterscheiden zwischen Neutrum und Utrum („irgendeines Geschlechts“), oder verzichten ganz auf das Neutrum. Kompliziert wird die Angelegenheit erst in den Bantu- und einigen sino-tibetischen Sprachen, die keine Genera, stattdessen aber Nominalklassen kennen, die in manchen Sprachen mehr als zehn Qualitäten aufweisen. „Natürlich“ vs. „hergestellt“, „belebt“ vs. „unbelebt“, aber häufig eben auch „männlich“ vs. „weiblich“ (dann meist mit explizitem Bezug zum Sexus) uvm. können unterschieden werden.

Dahingegen mag die deutsche Sprache überschaubar erscheinen, demonstriert aber, wie willkürlich die Genuszuweisung geschieht: die Frau, aber das Mädchen; der Hund, aber die Katze und das Schwein; der Sessel, aber das Sofa; der Baum, aber die Eiche und der Ahorn usw. usf. Diminuitive und andere generische Neutra – das Mädchen, das Mitglied, das Kind usw. – verkomplizieren die Angelegenheit. Jedenfalls, wenn man Genus und Sexus durcheinander wirft.

Das sollte man aber, wie gesehen, nicht tun. Genus und Sexus sind zwei völlig voneinander getrennte Dinge, die die Herrinnen Senatsmitglieder zu Leipzig nicht beachtet haben. Das generische Maskulinum nimmt schließlich eine rein grammatikalische Funktion für all jene Fälle ein, wenn der Sexus der beteiligten Personen unerheblich ist1. Jeglicher Einwand gegen das generische Maskulinum, es verschweige die weibliche Komponente einer auf diese Weise referenzierten Personengruppe, muss demnach als Unverständnis des Unterschiedes zwischen Genus und Sexus aufgefasst werden. Die Befürwortung eines generischen Femininums oder Neutrums ist demzufolge entweder unberechtigt oder arbiträr und in diesem Falle grundlos.

Damit bleibt nur übrig, das Urteil über das generische Femininum mit jenem eleganten Zitat der Linguistin (und hier hört der Feldversuch „generisches Femininum“ auf) Elisabeth Leiss zu fällen:

„Überall dort, wo die Grammatiktheorie abgeschnitten von den Erfolgen der Sprachtheorie des Mittelalters ‚auf eigene Faust‘ spekuliert hat, lässt sich nur ein Rückfall in naive Vorstellungen von Grammatik konstatieren: Grammatische Kategorien, die man nicht (mehr) versteht, wurden als Luxus eingeordnet, den man nicht brauche (Passiv), das Genus der Substantive wurde sexualisiert, obwohl Genus mit Sexus nichts zu tun hat. Je mehr die Unwissenheit über Sprache in der frühen Neuzeit wieder zunahm, desto drastischer wurden die Forderungen nach Eingriffen in die Sprache. Das unvollkommene Wissen von Sprache wird als Unvollkommenheit der Sprache selbst gedeutet.“2

  1. Wikipedia hat eine hübsche Aufstellung der Anwendungsgebiete des generischen Maskulinums.
  2. aus: Elisabeth Leiss: Sprachphilosophie. Berlin 2009. S. 70f

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Die Tyrannei der sozialen Medien

25. März 2013

Social Media: Die Gesamtheit der Kommunikationsmittel, die ausgehend von der immer effizienteren und weiter zentralisierten Selektion und Aggregation von Inhalten den Akt des Teilens über den Inhalt stellen. Mit der derzeit voranschreitenden Fokussierung auf die Ausweitung des Netzwerkcharakters dieser Medien geht die Bildung eines Ereignishorizontes um die darin eingeschlossene Sphäre des jeweiligen sozialen Mediums einher. Eine Blase, die den Transit neuer und alter Inhalte von der Quelle zum Netzwerk und vom Netzwerk zur Quelle zusehends einschränkt und in ihrer Vollkommenheit eine Zirkulation der eingeschlossenen Inhalte vorantreibt. In einer idealen Lösung hielten sich die Bilanz der zu- und abgeführten Inhalte sowie die ständige Reorganisation des darauf gedeihenden sozialen Gefüges die Waage. Tatsächlich erreichten diese sozialen Medien jedoch bisher in jedem Falle den Punkt, an dem de novo generierte Inhalte nur noch eingeschränkt zwischen Innen und Außen wandern können. Die Folge ist eine Schnatter-Gesellschaft, die nicht anders als auf schlechten Ausstellungseröffnungen den Zeit und Ort ihres Zusammentreffens über den Anlass ihrer Existenz erhebt.

Ein solcher Zugewinn an intrinsischer Ordnung führt jedoch interessanterweise zur Destabilisierung des sozialen Gefüges, das unter der voranschreitenden Verknappung der Inhalte schließlich einen kritischen Punkt erreicht, von dem an der Aufbruch des sozialen Netzwerkes unaufhaltbar seinen Lauf nimmt. Die Suche nach neuen Inhalten findet auf diesem Wege jedoch erstaunlicherweise wieder zu neuen, andersartigen sozialen Netzwerken, die bisher stets demselben Schicksal unterlagen. Diese Einsicht ist gewiss ein alter Hut.

Einmal in dieser Knappheit formuliert stellt sie jedoch die drängende Frage, ob dieses regelhafte Geschehen in der Natur der sozialen Medien liegt, oder aber auch in gesellschaftliche Strukturen außerhalb des Internets beobachtet werden kann. Ist diese Beobachtung Teil einer längeren Entwicklung? Beispielhaft: Waren Vernissagen der 50er Jahre auch schon so inhaltsleer wie heute?

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Notizen

17. März 2013

Ich kann nur jedem Musik- und allgemein Kulturbeflissenem den dringlichen Rat geben, sich mit den musikalischen und künstlerischen Ereignissen im Westberlin der 70er und frühen 80er Jahre auseinanderzusetzen. Die letzte Woche war für mich, durch einige glückliche Umstände bedingt, durch das Eintauchen und Kennenlernen dieser kurzen, aber ereignisreichen Jahre geprägt.
Am Sonntag besuchte ich mit Teresa die Kippenberger-Schau im Hamburger Bahnhof. Keine Überraschungen, in der beachtlichen Fülle der ausgestellten Arbeiten jedoch einige erhellende Momente über Kippy und seine Kumpanen. Am Mittwoch spazierte ich mit Jasmin vier kalte, doch sehr charmante Stunden durch Schöneberg. Gestern widmete sich Metropolis für einige Minuten dem musikalischen Miljö jener Tage. Heute stolperte ich über Interviews mit Blixa Bargeld und überhaupt war alles von den Berliner Diskographien David Bowies und Nick Caves & The Bad Seeds‘ begleitet.

Absolut empfehlenswert.

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Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ Jauch keinem anderen zu.

04. Februar 2013

Der Treppenwitz zur gestrigen Karnevalssitzung in Jauchs heiterer Faschingsrunde geht so: Ein Geistlicher, ein katholischer Journalist und das übliche weltliche Talkshowpersonal – das sind: eine Politikerin, eine Autorin und ein Wissenschaftler (oder, wie hier, in Ermangelung desselben ein Arzt) – sitzen beisammen und klönen über Gott und die Welt. Oder über die Welt und wo Gott und Geistlichkeit darin einen Platz findet, das weiß hier keiner so genau. Nachdem Kardinal Meisner zu Kölle sich zwar im jüngsten Abtreibungsskandal entschuldigte, aber doch der alten Kirchenpolitik treu blieb, kommentierten die geladenen Büttenredner mit viel Schalk und Häme, aber ohne Biss und Scharfsinn, das Rätsel zu ihren Füßen. Dazwischen: ein salomonisch moderierender Jauch, dem nur leider die Weisheit abhanden gekommen war. Derweil, Seine Eminenz blieb dem Karneval fern. Kein Legat wurde gesichtet, kein Diakon, kein Bischof, nicht einmal ein Landpfaffe ließ sich auftreiben. Und so wurden in Abwesenheit der Federführenden herrliche Bütten vorgetragen, es wurde viel gereimt und viel gelacht und am nächsten Tag kehrte wieder der Alltag ein.

Nun mögen zwar in Köln andere Verhältnisse herrschen, doch in dem Berlin, in das die Büttenredner nach Ende der Sendung wieder entschwinden, hat man es weder mit dem Karneval, noch mit dem Fasten. „Carne vale – Fleisch, lebe wohl!“, auch so hätte das Thema lauten können und auch das hätten die Berliner nicht verstanden, denn auch die Kirche, diesen alten Hokuspokus, kennt man hier kaum.

Carne levare – Fleisch wegnehmen

Und so hat auch niemand im Saal erkannt, daß es hier nicht um pharmakologische Lösungen zur kirchlich gebilligten Empfängnis- und Schwangerschaftsverhütung, sondern insgeheim wieder einmal um das Fleisch, den Körper in der katholischen Kirche und in der Realität des 21. Jahrhunderts ging.

Die Stellungnahme Meisners überraschte niemanden. Die Haltung der katholischen Kirche zur Schwangerschaft, ihrer Verhütung und ihrem Abbruch, sind wohlbekannt. Sie sind das Ergebnis einer über die Jahrhunderte gewachsenen und gefestigten Kirchenpolitik, die die Reglementierung des Körpers als zentrale Maßnahme zu ihrem Fortbestand erkennt.

Eine Kirche, die den Corpus Christi zum Sakrament erhebt, duldet keine weltliche Konkurrenz. Eine Kirche, die der unbefleckten Empfängnis Mariens einen beträchtlichen Stellenwert einräumt, hat keinen Platz für den Körper der Ursünde. Wo der Heilige Geist wirken soll, muss der Körper geläutert werden: die Sakramente der Taufe, der Firmung, der Krankensalbung und der Weihe reinigen den Geist des Gläubigen durch Rituale, die die Klärung des Körpers vornehmen. Der auf diese Weise gereinigte Geist geht ein in einen neuen Körper, den kollektiven Leib Christi. Bereits die alten Kirchenväter bezeichneten ihre Gemeinde als Körper Christi, die sich mehr als ein Jahrtausend später in einer päpstlichen Bulle nun auch so legitimiert: corpus mysticum repraesentat. Das ist: der Leibhaftige, der menschgewordene Sohn Gottes: „Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns“1. Er tritt auf als biographischer Körper der Bibel, als mystischer Körper der Eucharistie und als kollektiver Körper der Kirche. Schrift, Praxis, Politik: der Corpus Christi wirkt als gemeindebildendes Element, dessen Heiligkeit unangetastet bleiben muss, wenn der Fortbestand der Kirche gesichert bleiben muss.

Die Reglementierung des Körpers

Der leibliche, der weltliche Körper des Einzelnen steht da nur im Wege und wird daher vielfältig reglementiert. Einige Beispiele: die Ehe, vor- und außerehelicher Verkehr, die Homosexualität, das Zölibat und die extremeren Formen der Inzucht und der Sodomie. Weiterhin auch das Gebot des geschenkten Körpers in der Frage zu Tätowierungen, Piercing und anderem Körperschmuck, sowie natürlich, und das war schließlich der Anlass des Karnevals unter Büttenmeister Jauch, die Empfängnis- und Schwangerschaftsverhütung. Solange man den fleischlichen Körper nicht abschaffen kann, hält man ihn lieber in geregelten Bahnen.

Nun bin ich zwar Christ, aber gewiss kein Theologe2. Ein Laie bin ich und so stellt sich die Sache vor meinem engen Horizont dar. Aus dieser Erkenntnis zur Reglementierung des Körpers, möge sie richtig oder falsch sein, muss die Frage wachsen, was die katholische Kirche in den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens unternommen hat, um dieses Körperbild und die damit verbundenen Ver- und Gebote den gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Die Antwort ist karg: nicht viel. Was noch mehr ernüchtert: Keiner der geladenen Gäste der gestrigen Talkrunde hat sie gestellt.

Und so kommt man zu dem knappen, aber kalten Urteil, zu dem jede Sendungskritik kommen muss: Die Debatte um die Verweigerung der Pille danach durch eine katholische Klinik irrte an den Verantwortlichen vorbei und um offensichtliche Moralvorstellungen herum, ohne den Finger auf die Wunde zu legen und die Rolle der katholischen Kirche als Moralinstanz für eine heterogen geprägte Gesellschaft infrage zu stellen, in deren weltliche Belange wie etwa der körperlichen Selbstbestimmung sie sich unlegitimiert einmischt. Die Kirche überschreitet an dieser und an vielen anderen Stellen den Rubikon der zeitgenösssischen Gesellschaft und behauptet eine Deutungshoheit, die ihr nicht nur verfassungsgemäß, sondern auch in der gelebten Realität nicht zusteht. Daß Jauch erneut sein Unvermögen als Moderator beweist und erneut seine Hände in pilatischer Unschuld wäscht, ist kaum einer Erwähnung wert, daß jedoch sowohl die geladenen Gäste, als auch die ARD diese gelebte Realität nicht erkennen oder zumindest nicht offen vertreten, stimmt traurig.

Auf der anderen Seite steht die Gefahr, die Kirche als Institution völlig zu denunzieren. Die Standpunkte der katholischen Kirche mögen veraltet sein, das heißt aber nicht, daß auch die Institution der Kirche es ist. Um an dieser Stelle zu schließen, möchte ich die weisen Worte des Jesuitenpfarrers und Theologieprofessors Friedhelm Mennekes frei zitieren: „Die Kirche soll keine Antworten liefern, sie muss Fragen stellen.“ Dieser Wunsch blieb gestern jedoch unerfüllt.

  1. Joh 1:4
  2. Kürzlich füllte ich auf Anraten und Drängen von Leila ein OkCupid!-Profil aus, wofür auch die Gretchenfrage gestellt wurde. Ich war glücklich die Option „Christian, but laughing about it“ auswählen zu können. Der Account wurde mittlerweile auch wieder gelöscht, nachdem sich die ganze Angelegenheit wie erwartet als unnütz erwies.

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Freiwillige Selbstkontrolle

03. Februar 2013

Wer schreibt, trägt eine gewichtige Verantwortung gegenüber seinen Lesern. Sei es im Bericht, in der Reportage oder auch nur der Glosse: wo Informationen sind, muss Vertrauen herrschen. Aufrichtigkeit, Moral, Sorgfalt. Das sind die Tugenden des Schreibenden. Er steht mit seinem Namen für die Wahrheit, die er vertritt, und wenn er sich der Unachtsamkeit, der Schludrigkeit oder der Augenwischerei schuldig macht, ist er nichts wert. Dieses journalistische Glaubensbekenntnis, das auf den steinernen Tafeln des Pressekodex eingeschrieben steht, gilt jedoch nicht nur für die klassischen Presseorgane. Auch Blogs, die nicht nur Tagebücher sein, die informieren und berichten wollen, und mit ihnen ihre Autoren, die oftmals autodidaktisch das Schreiben erlernten, müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.

Der gegenwärtige Zustand ist jedoch mehrheitlich ein anderer. Der Blogger tritt oftmals als Privatexperte auf, dem zwar Wissen, Erfahrung und Informationen fehlen, der aber dank der Umverteilung der publizistischen Güter nun den alten Medien gleichberechtigt mitdiskutieren kann. Der Gewinn aus dieser platonischen Debattenkultur ist die Profilierung als Meinungsbürger mit Persönlichkeit. Die Leserschaft weiß dies zu schätzen. Der Gewinn liegt aber keineswegs in der Akademeia, die mühsam aus der Vielfalt der Stimmen die Erkenntnis destilliert. Denn es herrscht ein oft gelesener legerer Stil, der das Meinungsbild anstelle der Meinungsbildung setzt. In diesem Riss gedeiht der unscharfe Blick auf die Dinge, dessen Frucht das unklare und das falsche Urteil ist.

Dem kann nur dieselbe journalistische Wertarbeit entgegensetzt werden, die auch von den älteren Medien bekannt ist: Eine solide Recherche, eine sorgfältige Analyse und ein vorsichtiges Urteil helfen gegen die unsägliche Marotte des unreifen Urteils. 

Diese Kritik ist auch eine Selbstkritik. Seitdem ich blogge, lege ich diesen Maßstab auch an mich an, mal mit schlechterem, mal mit besserem Urteil. Ich sah in dieser ständigen Selbstkontrolle stets einen Garanten für die eigene Professionalisierung, gelange nun jedoch zu der Einsicht, daß eine solche seriöse Haltung zusehends die Schreibkultur verunmöglicht, die den Blogs ihre Beschwingtheit und Spontaneität verleiht. Die Folge: Viele Artikel scheitern an Zweifel und Selbsturteil, vieles bleibt unbeschrieben, manches gelingt nur unter größter Anstrengung. Man schreibt weniger, aber man liest mehr. Die aktive Auseinandersetzung mit der Sache wird stetig verkürzt und das eigene Urteil trübt darüber ein.

Die Fragen sind drängender als die Antworten und der Zweifel treibt das Suchen, das Forschen an. Je mehr man sich der Wissenslücken bewusst wird, desto mehr schweigt man. So war schon immer der Lauf der Dinge: Die Dummen schreien am lautesten, die hellen Momente werden rar.

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Delir

21. Januar 2013

Wozu das alles?

Zunächst muß natürlich die Frage geklärt sein, was überhaupt noch geschrieben werden kann. Adolf Loos habe sich vor nichts „im Leben so gefürchtet, wie vor dem Produzieren neuer Formen“ und unsereins muss sehen, was nicht im Gemurmel der Massen untergeht. Sinn destilliert sich freilich nicht aus der Resonanz der vielen Stimmen, allein das ist die konservative Vorstellung aus einer anderen publizistischen Ära. In 140 Zeichen kann alles gesagt sein. Vielleicht auch nur alles, was es wert ist, auf 140 Zeichen verkürzt zu werden. Ein kohärent gedachtes Schriftstück, das sich über solche Grenzen hinwegsetzt

„Alles, was man in der ersten Hitze bei großer Exaltation macht, muß man nachher zerstören.“ Wußte Rodin und hatte doch keine Antwort auf die Frage, ob man lieber ganz davon absehen sollte, mit dem Geist der Muse inspiriert zu arbeiten, wenn man denn nicht anders kann. Denn an Ideen mangelt es nicht, einzig die Durchführung erweist sich als beschwerlich, aber auch das ist ja freilich nichts neues. So geschieht es also, daß a

Jede Geschichte kann grundsätzlich aus mehreren Perspektiven erzählt werden. Es gibt mindestens so viele Perspektiven wie Erzähler. Zumeist ist nur eine, selten sind mehr als zwei Perspektiven bekannt. Keine der Perspektiven ist e

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Die Banalität des Körpers

17. Dezember 2012

Eigentlich hatte ich bereits alle Illusionen abgelegt, ehe ich das Studium der Medizin aufnahm. Das Heilen, der glückliche Patient, das intensive Gespräch. Luftschlösser wie diese, gebaut in der Gestalt der Schwarzwaldklinik, gingen bereits in Rauch auf, als ich im Zivildienst auf Ärzte traf, deren abgenutztes Nervenkostüm nichts von der Strahlkraft eines Professor Brinkmann erkennen ließ. Die Palliativmedizin stumpfte mich in jeder Hinsicht ab und ließ mich – so viel Gutes kann gewiss behauptet werden – geläutert und gereinigt zurück. Ich blickte wacker und frohen Mutes auf das vor mir liegende Studium. Ich wusste ja, was kommen würde, ich wusste, daß dies keine Wald-und-Wiesen-Medizin, sondern der harte Alltag mit Krankheit, Leid und Tod werden würde.

Dieser Entschluß ist nun fünf Jahre alt. Im Endspurt um die Approbation, um die staatlich examinierte und vom Amts wegen befundene Befähigung zur Ausübung der höchst verantwortlichen ärztlichen Tätigkeit wachsen die Zweifel, ob es das alles wert war. Morgen trete ich meinen letzten Tag auf einer Station für Lungenheilkunde an, das heißt für’s Erste: ein letztes Mal die immer gleichen Patienten visitieren, ein letztes Mal „Nein, mit der Luft ist es immer noch nicht viel besser“ hören, ein letztes Mal „Na dann erhöhen wir mal das Spiriva, damit sie besser durchatmen können“ daher sagen, ein letztes Mal die Hoffnung auf eine baldige Entlassung zerstören um dann nach einem eigentlich kurzen Arbeitstag matt und erschöpft in der heimischen Couch zu versinken. Einen handfesten Grund für diese Anstrengung kann ich jedoch nicht ausmachen.

Derweil wächst eine Erkenntnis heran: Innere Medizin ist wohl nichts für mich. Das ewige Siechtum laugt mich aus. Krankheit, überall nur Krankheit, vielleicht ein wenig Linderung, aber gewiss keine Heilung. Manchmal stirbt auch einer, das sage ich so lapidar wie es sich anfühlt. Es ist eine Medizin der Alten, der Multimorbiden, der Durch- und Austherapierten, die ihre letzte Hoffnung fest auf die Wunder der modernen Medizin richten. Allein, an die glaubt hier keiner mehr. Denn so viel ist ausgemacht: Der Mensch liegt matt darnieder, siecht bis an sein Lebensende und dann ist es mit einem Mal aus. Auch das kann ich so stumpf sagen wie es ist.

Denn der eigentliche Kern der Erkenntnis ist auch der eigentliche Kern der Sorge: Der Niedergang bricht herein wie der Schimmel durch das feuchte Holz, er legt sich faul und modrig über das alte Fleisch. Die Umstände: meist gering. Abnutzung und Verschleiß, selten ein greifbares Ereignis. Die Banalität des Körpers bedingt seinen langsamen Zerfall. So wie eine Klinge stumpf wird, wird auch der Körper unter seinen Lasten müde. Bis er am Ende bricht – das sehe ich hier immer wieder, dann geht alles ganz schnell. Noch vor weniger als einer Woche unterhielt ich mich mühelos mit einem Patienten, der vom Krebs gänzlich zerfressen war. Dann fiel plötzlich die Gerinnung ins Bodenlose: Schlaganfall. Heute wurde er, abgeschossen unter maximaler Schmerzmedikation, in ein Einzelzimmer verlegt, dem Sterben überlassen. Morgen werde ich wohl den Totenschein in die Akte abheften.

Wenn ich Patienten aufnehme – Siebzig-, Achtzigjährige mit langen Diagnosen- und Medikamentenlisten, kompliziertesten Verläufen und fulminantesten Krebserkrankungen –, dann kommt im Gespräch immer wieder ein Gedanke auf: Wie mag er wohl vor dreißig Jahren ausgesehen haben? Welche unschuldigen Träume verfolgte sie in schüchternen Teenie-Jahren? Wie viele Freuden, wie viele Sorgen hat er wohl als junger Vater, hat sie als junge Mutter gefühlt? Wie kurz mag das Leben an ihnen vorbeigegangen sein, ehe sie sich in ihrem mürben, maroden Körper, immer einen Treppenabsatz zwischen sich und dem Leben da draußen gefangen sahen?

Doch eigentlich meint das nur: Wie schnell wird das Leben an mir vorbeirauschen, ehe auch ich ein dauerhospitalisierter Greis sein, faden Tee aus Schnabeltassen trinken und beruhigt sein werde, daß eine Windel mich vor der öffentlichen Bloßstellung bewahrt? Denn eines lernt man in der Medizin sehr schnell: Das Leben ist kurz und überall lauern Gefahren. Mit jeder weiteren lebensverändernden Erkrankung – und es gibt Tausende dieser Sorte! –, die man studiert, wird man sich der Zerbrechlichkeit dieses banalen Körpers ein wenig mehr bewusst. Morgen kann alles anders, morgen kann auch alles vorbei sein.

Addendum: Dann doch lieber Radiologie. Der analytische Zugang zur Krankheit ist die Vogel-Strauß-Taktik des Klinikers, ein Ausweg aus der täglichen Konfrontation mit Leid und Siechtum. Bilder ächzen nicht.

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Mnemosyne

16. Dezember 2012

Laura, Katharina, Benjamin, Julia, Lena, Cemil, Inga, Manuel, Anna, Johanna, Richard, Anna, Lea, Maria, Marlene, Karoline, Sascha, Julia, Marie, Isabella Robert, Vanessa, Corinna, Teresa, aber auch David, Armin, Philipp, Sven, Daniela, Isa, Aurélie, Dorothea, Martin, Constance, Elisa, Insa, Christin – und wie ihr anderen bloß heißen mögt,

ich kann mir eure Namen nicht merken! Eure Gesichter bleiben mir fremd, eure Stimmen unvertraut!

So, wie man die Bäckersfrau kennt und wie man den Nachbarn grüßt, so kenne und so grüße ich euch. Ich weiß nicht, wer ihr seid, aber ihr wisst, wer ich bin. Ihr werdet nicht müde, mir darzulegen, wo wir uns zuletzt niederließen, was wir zuletzt gemeinsam tranken, wann wir zuletzt miteinander tanzten. Ich erinnere mich zumeist an nichts davon. Und so stelle ich mich immer wieder aufs Neue vor.

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Im Schweiße deines Angesichts

09. November 2012

Wohin man schaut: alles nur halbherzig und unfertig. Lieblos dahingeschlonzt fehlt es allem an Qualität, an Ernsthaftigkeit, an Nachdruck und Gänze. Diese Laxheit möchte man doch durchbrechen: voll fokussiert nicht weniger als hundert Prozent geben. Mit Hingabe Leistungen erbringen, die für sich stehen. Etwas schaffen, das Bestand hat. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, so steht es geschrieben, so war es und so wird es immer sein.

Als ich eingeschult wurde, sollte ich die erste Klasse überspringen. Ich habe wegen der Freunde verzichtet. In der achten Klasse dasselbe: Nein, danke. Dann der Schulwechsel: Die Anforderungen sanken weiter, ich langweilte mich Jahr um Jahr und erst das letzte brachte einen Kurs, an dem ich gern beteiligte – immerhin, weil ich das Thema Jahre zuvor aus Interesse selbst nachlas: die Relativitätstheorie. Für das Abitur lernte ich jedoch keine Minute. Auch im Studium: kaum Herausforderungen. So verkommt man im Geiste, verlernt, immer weitere seine eigenen Grenzen auszuloten.

Doch wofür eigentlich? Am Ende bremst doch jeder nur sich selbst aus. Weder die Freunde noch die Ausbildung halten einen zurück. Trägheit heißt das Laster; denn immer noch gilt: Ein Getriebener ist am fleißigsten. Wenn schon kein anderer peitscht, dann muss man es wohl selbst machen. Es braucht neue Herausforderungen. Die Promotion könnte eine solche werden. Ich hoffe es. Nach all der Laxheit will ich endlich etwas Ordentliches schaffen.

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