Grand Tour

Saudade, Saudade

Saudade, Saudade

Südamerikas größte Favela wandelt sich: Am Vorabend der Fußball-Weltmeisterschaft dringt die Militärpolizei in Rio de Janeiros berüchtigtes Armenviertel Rocinha vor und sorgt dabei für mehr Angst als Sicherheit.

03. März 2014Matthias aus Rocinha

An der Pra­ça Gene­ral Osório rau­schen die Bus­se wie emsi­ge Bie­nen über den hei­ßen Asphalt, im Minu­ten­takt hal­ten sie mit quiet­schen­den Rei­fen an der klei­nen Hal­te­stel­le, laden trä­ge Pas­sa­gie­re aus und ande­re wie­der ein, um dann wie­der eilig über die Magis­tra­le zu rasen. Allein in Ipan­e­ma ver­keh­ren sech­zig Lini­en, außer­halb des klei­nen Strand­vier­tels sind es noch ein­mal etwa tau­send wei­te­re, die alle Ecken Rio de Janei­ros mit­ein­an­der ver­bin­den. Lan­ge muss man hier nicht war­ten. Es sei denn, man möch­te vom hüb­sche­ren Ipan­e­ma in die nahe­ge­le­ge­ne Fave­la Rocin­ha fah­ren – der ein­zi­ge Bus, der die­se Stre­cke fährt, hat­te an die­sem Mor­gen vier­zig Minu­ten Verspätung.

Ich kom­me mit einem unge­dul­dig war­ten­den Mann ins Gespräch, der heu­te eben­so wie ich in die Rocin­ha fah­ren möch­te. Wäh­rend ein Bus nach dem ande­ren an uns vor­bei­rast, aber eben die Num­mer 539 ein­fach nicht erschei­nen möch­te, berich­tet er mir, daß eine sol­che Ver­spä­tung seit Tagen und Wochen nicht unge­wöhn­lich sei. Wie die meis­ten Fave­la­be­woh­ner Rios pen­delt auch er tag­ein, tag­aus in eines der Nobel­vier­tel, um hier in einem der vie­len Hotels und Wohn­tür­me als Por­tier oder Hand­wer­ker zu arbei­ten. Er erzählt mir über sei­nen Job als Wach­mann, über das täg­li­che Ver­kehrs­chaos und sei­ne Hei­mat, die Rocinha.

Allein in die­ser Fave­la leben 100.000, 180.000 oder 270.000 von ihnen – so genau weiß das nie­mand – und wäh­rend in Ipan­e­ma gera­de ein­mal 40.000 wohl­ha­ben­de Bra­si­lia­ner behei­ma­tet sind, deren Bedarf an Putz­frau­en, Kin­der­mäd­chen und Con­cier­ges unzäh­li­gen Fave­la­dos einen Job sichert, zeigt doch bereits ein solch unschein­ba­res Pro­blem wie eine regu­lä­re Bus­ver­spä­tung ein­drück­lich auf, wie weit die Kluft zwi­schen den ärms­ten und reichs­ten Bewoh­nern Rio de Janei­ros klafft.

Die­se sozia­le Unge­rech­tig­keit ist weder ein Geheim­nis, noch eine Neu­ig­keit. Bra­si­li­en haf­tet der unrühm­li­che Ruf an, zu den Staa­ten mit dem größ­ten gesell­schaft­li­ch