An der Praça General Osório rauschen die Busse wie emsige Bienen über den heißen Asphalt, im Minutentakt halten sie mit quietschenden Reifen an der kleinen Haltestelle, laden träge Passagiere aus und andere wieder ein, um dann wieder eilig über die Magistrale zu rasen. Allein in Ipanema verkehren sechzig Linien, außerhalb des kleinen Strandviertels sind es noch einmal etwa tausend weitere, die alle Ecken Rio de Janeiros miteinander verbinden. Lange muss man hier nicht warten. Es sei denn, man möchte vom hübscheren Ipanema in die nahegelegene Favela Rocinha fahren – der einzige Bus, der diese Strecke fährt, hatte an diesem Morgen vierzig Minuten Verspätung.
Ich komme mit einem ungeduldig wartenden Mann ins Gespräch, der heute ebenso wie ich in die Rocinha fahren möchte. Während ein Bus nach dem anderen an uns vorbeirast, aber eben die Nummer 539 einfach nicht erscheinen möchte, berichtet er mir, daß eine solche Verspätung seit Tagen und Wochen nicht ungewöhnlich sei. Wie die meisten Favelabewohner Rios pendelt auch er tagein, tagaus in eines der Nobelviertel, um hier in einem der vielen Hotels und Wohntürme als Portier oder Handwerker zu arbeiten. Er erzählt mir über seinen Job als Wachmann, über das tägliche Verkehrschaos und seine Heimat, die Rocinha.
Allein in dieser Favela leben 100.000, 180.000 oder 270.000 von ihnen – so genau weiß das niemand – und während in Ipanema gerade einmal 40.000 wohlhabende Brasilianer beheimatet sind, deren Bedarf an Putzfrauen, Kindermädchen und Concierges unzähligen Favelados einen Job sichert, zeigt doch bereits ein solch unscheinbares Problem wie eine reguläre Busverspätung eindrücklich auf, wie weit die Kluft zwischen den ärmsten und reichsten Bewohnern Rio de Janeiros klafft.
Diese soziale Ungerechtigkeit ist weder ein Geheimnis, noch eine Neuigkeit. Brasilien haftet der unrühmliche Ruf an, zu den Staaten mit dem größten gesellschaftlich