An der Praça General Osório rauschen die Busse wie emsige Bienen über den heißen Asphalt, im Minutentakt halten sie mit quietschenden Reifen an der kleinen Haltestelle, laden träge Passagiere aus und andere wieder ein, um dann wieder eilig über die Magistrale zu rasen. Allein in Ipanema verkehren sechzig Linien, außerhalb des kleinen Strandviertels sind es noch einmal etwa tausend weitere, die alle Ecken Rio de Janeiros miteinander verbinden. Lange muss man hier nicht warten. Es sei denn, man möchte vom hübscheren Ipanema in die nahegelegene Favela Rocinha fahren – der einzige Bus, der diese Strecke fährt, hatte an diesem Morgen vierzig Minuten Verspätung.
Ich komme mit einem ungeduldig wartenden Mann ins Gespräch, der heute ebenso wie ich in die Rocinha fahren möchte. Während ein Bus nach dem anderen an uns vorbeirast, aber eben die Nummer 539 einfach nicht erscheinen möchte, berichtet er mir, daß eine solche Verspätung seit Tagen und Wochen nicht ungewöhnlich sei. Wie die meisten Favelabewohner Rios pendelt auch er tagein, tagaus in eines der Nobelviertel, um hier in einem der vielen Hotels und Wohntürme als Portier oder Handwerker zu arbeiten. Er erzählt mir über seinen Job als Wachmann, über das tägliche Verkehrschaos und seine Heimat, die Rocinha.
Allein in dieser Favela leben 100.000, 180.000 oder 270.000 von ihnen – so genau weiß das niemand – und während in Ipanema gerade einmal 40.000 wohlhabende Brasilianer beheimatet sind, deren Bedarf an Putzfrauen, Kindermädchen und Concierges unzähligen Favelados einen Job sichert, zeigt doch bereits ein solch unscheinbares Problem wie eine reguläre Busverspätung eindrücklich auf, wie weit die Kluft zwischen den ärmsten und reichsten Bewohnern Rio de Janeiros klafft.
Diese soziale Ungerechtigkeit ist weder ein Geheimnis, noch eine Neuigkeit. Brasilien haftet der unrühmliche Ruf an, zu den Staaten mit dem größten gesellschaftlichen Gefälle zu gehören. Die Regierung arbeitet nach Kräften gegen diesen bitteren Leumund, in den letzten Jahren umso mehr, wo doch bald mit Olympia und Fußball-Weltmeisterschaft alle Blicke auf die Sportnation Brasilien, aber eben auch auf ihre Gesellschaft gerichtet sind. Doch statt eine tragfähige Sozialpolitik voranzutreiben, versucht man die gravierenden Missstände im Geheimen zu beseitigen: Die Militärpolizei rückt in etliche Favelas vor, um sie von den Drogenbossen zu befreien, um Recht und Ordnung wieder herzustellen, um sie “zu befrieden”, wie es im offiziellen Jargon heißt. Im Ausland wird die Regierung dafür gelobt, endlich an diesen Zuständen etwas geändert zu haben.
Doch das ist nur eine Darlegung der Ereignisse, der sich hier kaum jemand anschließen möchte. Rios Favelas, so klagen ihre Bewohner, seien gerade erst durch das rücksichtslose Vorgehen des Staates und seiner Schocktruppen unsicher geworden. Sie fürchten nicht die Drogengangs, sie fürchten vor allem die Militärpolizei. Unbescholtene Bürger würden bedroht oder misshandelt, entführt oder gar erschossen. Die Regierung, so ihre einhellige Überzeugung, vertrete nur die Interessen eines kleinen, wohlhabenderen Teils der Bevölkerung. Sie seien auf sich allein gestellt, gegen Staat und Polizei.
Jeder dritte Bewohner Rios lebt in einem der hunderten Armutsviertel, ist somit von diesen Ereignissen betroffen. Außerhalb Südamerikas ist kaum etwas über ihre Lebensrealität bekannt: Favelas gelten als No-Go-Areas, die unter der Geißel schwer bewaffneter Krimineller stünden. Während dies oftmals noch die bittere Wirklichkeit darstellt, weiß kaum jemand, daß einige dieser stark verdichteten Ballungsräume nicht etwa durch Bandenkriminalität, sondern ein starkes Gemeinschaftsgefühl geprägt sind. Hier werden unter größten Anstrengungen eigene und gemeinsame Freiräume gestaltet und nach Kräften verteidigt.
Wer die krasse soziale Ungleichheit von seiner Schattenseite aus kennenlernen, wer dieser Schicksalsgemeinschaft nahekommen möchte, so dachte ich mir, muss in die Rocinha gehen. Die Hügelsiedlung ist zwar nur eine Favela unter hunderten, doch gleicht Südamerikas größtes Armutsviertel einer Stadt in der Stadt, einem abgeschiedenen Ort mit einer eigenen Gesellschaft und eigenen Gesetzen.
So warteten wir also, der ältere Herr und ich, geduldig auf unseren Bus und als wir dann endlich ratternd über die Straßen Ipanemas zockelten, ins benachbarte Leblon und über die mäandernde Rua Sérgio Porto ungebremst den Berg hinaufrasten, zogen auch der Wohlstand und Komfort sichtbar an uns vorbei: Je größer das Gefälle, desto baufälliger wurden die Gebäude, desto holpriger die Straße und umso mehr nahm auch der Verkehr ab, bis schließlich der Hang im grünen Blattwerk versank. Nach einigen Minuten Ruckelfahrt hatte der Bus dann endlich den Hügel erklommen, die ersten notdürftig geziegelten Baracken tauchten auf, wir waren da, am höchsten Punkt der Rocinha.

Ein seltener Anblick: Die Straße ist frei. Gleich kommt wieder ein Mototaxi den Berg heraufgerast.
Im Trubel untergegangen
Als ich den Bus verließ, trat ich in eine andere, eine hektische, ungeordnete Welt. Ächzende Kleinlasterkolonnen schleppten sich durch die enge Estrada da Gávea, während das schrille Hupen der vielen Motorräder die schwüle, dieselschwere Luft durchdrang, die nur gelegentlich von einer frischen Brise aus den Gassen geweht wurde. Hier war ich nun gestrandet, an einem ruhelosen Ort, der mit seinen mannigfaltigen Reizen auf den überforderten Besucher eindringt, einen nichtsahnenden Besucher wie mich, der nun die Umgebung entgeisterten Blickes nach Orientierung absuchte. Und gerade als ich das hektische Treiben um mich herum vergessen, als mich die brasilianische Folkolore-Musik eines irgendwo in der Ferne dudelnden Radios eingelullt hatte, traf ich den Blick eines mich gleichgültig musternden Gemüsehändlers, der wohl schon länger bemerkt hatte, wie ich, dieser erstarrte, bereits jetzt verlorene Fremde, aus den Passantenströmen herausstach, die sich auf dem schmalen Trottoir an mir vorbeischoben. Und so verloren wie ich mich in diesen kurzen Sekunden fühlte, wachte ich jäh aus dieser Ohnmacht auf und verfolgte sehnenden Blickes den flink hinter der Kurve verschwindenden 539er, ganz so wie der Abenteurer dem Schiff hinterher sieht, das ihn in der Wildnis absetzte.

Doch alles Sehnen war zwecklos, der Bus war längst fort, zumal ich ja nicht zufällig in der Rocinha angespült, sondern in dem festen Entschluss gekommen war, hier die andere, weniger schöne Seite Rios kennenzulernen, die am Vorabend der sportlichen Großereignisse unter großem staatlichen Aufwand vor den Blicken der internationalen Gäste versteckt werden soll.
Doch davon war zunächst nicht viel zu sehen, hier tobte das Leben. Und das Chaos. Sowohl auf, als auch neben und über den Straßen. Ein undurchdringliches Geflecht aus Strom- und Telefonkabeln war wie ein schwarzes Spinnennetz fest mit seinen Masten verwoben und breitete sich von dort in die vielen dunklen Gassen aus, die steil von der Hauptstraße abzweigten. Unter diesem alles durchdringenden Baldachin tollten die Kinder und schwätzten die Erwachsenen, immer beobachtet von den herumlungernden Hunden und den vielen bunten Singvögeln, die in ihren Käfigen hoch über den Köpfen der Passanten aufgeregt von Zweig zu Zweig sprangen.
Ich war mit Zezinho, einem einheimischen Favelado verabredet, der hier gelegentlich Besucher empfängt, um ihnen das Leben in der Rocinha nahezubringen. Wir treffen uns an einem nahegelegenen Wasserpumpwerk und nachdem er mich in der für Brasilianer üblichen überschwänglichen Art begrüßte, erklärte er mir die einzige Regel, die hier für Besucher gelte:
“Du kannst fotografieren, was du möchtest, aber nur eines nicht: Die Menschen sind tabu. Halte deine Kamera nicht in ihre Gesichter. Die Rocinha ist kein Zoo. Es gibt Touristengruppen, die hier in offenen Jeeps durchfahren, als wären sie auf einer Safari, die ihnen die Big Five der Favelas – Armut, Dreck, Drogen, Waffen, Gewalt – bietet. Das wird hier nicht gern gesehen. Aber wenn du freundlich und offen bist, werden auch die Leute freundlich und offen sein.”

Unser Weg führt immer bergab. Nicht überall sieht es so idyllisch aus.
Ich fragte, ob die Schüsse auf die beiden Deutschen, die hier kürzlich einen Dealer fotografierten, auch von dieser Abneigung herrührten. Zezinho hatte eine andere Sicht auf die Angelegenheit: Sie hätten sich in einem höher gelegenen, gefährlicheren Teil der Rocinha aufgehalten, wo sie sich nicht einfach so verirrt haben könnten, wo sie vielleicht nach Drogen gesucht haben. Dann hätten sie einen Drogenhändler fotografiert, der sie für verdeckte Ermittler habe halten können, doch statt die Speicherkarte auszuhändigen und damit die Sache zu bereinigen, seien die beiden Deutschen geflüchtet. Sie hätten sich der Situation stellen sollen, denn in der Rocinha sei Aufrichtigkeit ein hohes Gut, mit dem man jeden Streit beilegen könne. “Wer rennt, ist schuldig”, auch das ist eines der strengen Favela-Gesetze. Das war schon die zweite Verhaltensvorschrift, an die ich mich unbedingt halten wollte.
Dieser erste Schreck war jedoch schnell verflogen, als wir durch die Straßen und Gassen Rocinhas streiften und ich auf dem Weg die Favela und vor allem ihre Bewohner langsam kennenlernte. Das Viertel erschloss sich mir bald als eine regelrechte Kleinstadt, ein Mikrokosmos, der das Drumherum der Metropole Rio de Janeiro leicht vergessen ließ. Hier sind 6000 Firmen und Geschäfte, Banken und Märkte angesiedelt, hier kümmern sich zwei Kliniken um die Kranken, hier informieren zwei Radiosender und eine Zeitung über alles, was die Gemeinde betrifft. Hinzu kommen Schulen, Restaurants, Clubs, Kinos, und eine Bibliothek – selbst das städtische Balletttheater gastiert hier mit einer Reihe von Aufführungen, über welche die offizielle Webseite der Favela informiert. Im ständigen Auf und Ab des desolaten Bürgersteigs passierten wir etliche Gemüsehändler, Cafés und Werkstätten, kamen schließlich auch an einem Fitnessstudio, einer Boxhalle und den dieser Tage so geschäftig arbeitenden Installateuren vorbei, welche die Favela nach und nach mit Internet und WLAN versorgten.

Rippchen für 2,50€, Rindsbauch für 3,50€ und Rumpsteaks für 7,00€ je Kilogramm.
Der Eindruck, daß es sich hier um einen unwirtlichen Slum handeln soll, mochte nicht so recht aufkommen. “Wir leben hier zwar in Armut, aber nicht im Elend”, erklärte mein Begleiter und deutete auf die Auslagen eines Lebensmittelhändlers: Statt einzelner Waren wurden hier pralle Essenspakete verkauft, deren Inhalt als Monatsration für ein bis vier Personen zusammengestellt war. Reis, Dosengemüse, Öl, aber auch Süßigkeiten und Toilettenartikel. Ein solches Paket sei günstiger, als alles getrennt zu kaufen, zumal bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von etwa zwei- bis dreihundert Euro solche einmaligen, aber dafür ausreichenden Großeinkäufe für eine strenge Haushaltsführung unumgänglich sind. Allein Vergängliches wie Fleisch muss gesondert gekauft werden, obgleich dessen Qualität freilich bei weitem nicht mit innerstädtischen Angeboten vergleichbar ist.
Auch das Wasser sei knapp, klagte Zezinho und erinnerte noch einmal an die Pumpstation, wo wir uns getroffen hatten. Von dort würde zwar die ganze Favela mit Wasser beliefert, doch das reiche kaum aus. Allerorts sieht man auf den Dächern der kleinen Hütten blaue Tanks stehen, die zwar wöchentlich neu befüllt werden, aber häufig schon am fünften Tag kein Wasser mehr trügen. Dann müsse man sich eben mit Trinkwasser aus der Flasche waschen.
Doch so gering dieser Lebensstandard sein mag, so emsig kämpfen die Favelados für das wenige, das sie haben, und die kleine Hoffnung auf das, was sich ihnen immerhin als Möglichkeit eröffnet. Dabei können sie sich ausnahmsweise auf das Gesetz verlassen, das der Favela Sicherheit verspricht, daß alles, was hier gebaut wird, nicht vom Staat enteignet oder abgerissen werden kann. Zwar ist der Baugrund längst knapp, doch wer ein Dach sein Eigen nennt, ist in der glücklichen Lage, sich dort ganz entfalten zu können: Hier wird gegrillt, hier werden Freunde empfangen, Hängematten angebracht oder auch nur die frische Wäsche aufgehängt. Oder man verkauft sein Dach, damit dort ein anderer ein eigenes Stockwerk bauen kann. Ein kostbares Gut, denn diese Freiflächen sind sehr begehrt: Auf den Anschlagbretter der Rocinha liest man dutzende Anzeigen für diesen ungewöhnlichen Baugrund.

Die engen Gassen werden kaum von den Sonnenstrahlen erreicht.
Auf diese Weise wächst die Favela immer weiter in die Höhe – nach außen hin dämmen die behördlichen Nutzungspläne jegliche Expansion ein. Kreuz und quer stehen die Anbauten übereinander, reichen weiter den Hügel hinauf oder überspannen die engen Gassen, die daher oftmals sehr dunkel sind. Steile Treppen führen durch die beklemmend schmalen Passagen, wo sich Dreck, Müll und Hundekot sammeln und wo selbst die kleinste Nische noch genutzt wird, um einen Kühlschrank samt reichhaltiger Getränkeauswahl aufzustellen – verkauft wird gleich nebenan, vom Wohnzimmer aus. In diesen schmalen Durchlässen, die sich auf verschlungenen Wegen zwischen den feuchten Fassaden winden, kommt man nicht nur den anderen Passanten, man kommt auch der Favela sehr nah.
Immer wieder fällt der Blick unweigerlich durch offen stehende Fenster und Türen in Küchen und Schlafzimmer, auf flackernde Fernseher und dudelnde Radios. Unter Wäscheleinen und Vogelkäfigen hindurch findet man so seinen Weg durch die Favela und steht mit einem Mal wieder auf der belebten Hauptstraße, die sich in Serpentinen am Hügel hinauf schlängelt. Ich wunderte mich, wie man hier den Überblick behalten könne, ob es eigentlich für all die Gassen Namen oder gar ein leistungsfähiges Adresssystem gebe. Zezinho erzählte mir von den Postboten der Rocinha, die jeden Winkel kennen würden. Die Post würde an einigen zentralen Orten, meist in Geschäften oder Cafés gesammelt, und von dort zugestellt werden. Verabredungen würden etwa “vor dem roten Haus, das mittig in der Gasse steht, die bei der Bushaltestelle von der Rua Dois abgeht” vereinbart.
Rocinha: sicherer als Ipanema
Man kann sich leicht vorstellen, wie Drogendealer und Polizisten einander in diesem immensen Irrgarten auflauern, nachstellen und jagen, wie hier im Schutze der Nacht die Schüsse durch die Gassen gellen und erst am nächsten Morgen Blutspuren – oder gar Leichen – davon zeugen, welche Kämpfe hier stattgefunden haben müssen. Ein besseres Versteck für Dealer und ihre mafiösen Hintermänner kann man sich kaum vorstellen – in der Tat, diese Banden sind hier noch präsent, wenn gleich man sie erst suchen muss, ehe man sie zu Gesicht bekommt. Nachdem der örtliche Drogenboss Antônio “Nem” Francisco Bonfim Lopes vor drei Jahren festgenommen wurde, habe sich die Lage zwar entspannt. Dafür sei seitdem der Einfluss der paramilitärischen Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) umso mehr gewachsen.
Die UPP wurde 2008 zu dem Zweck gegründet, die Favelas im Bundesstaat Rio de Janeiro nach und nach zu “befrieden”, wie es im offiziellen Jargon heißt”, das heißt, sie der Hand krimineller Banden zu entreißen und Recht und Ordnung wieder herzustellen. Mit dem schrittweisen Abbau des Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPA), einer Spezialeinheit mit reichlich Erfahrung in der urbanen Kriegsführung, wird diese etwas weniger stark bewaffnete Miliz kontinuierlich ausgebaut, um bis zur diesjährigen FIFA-Weltmeisterschaft auf 12.500 Männer und Frauen anzuwachsen.
Denn natürlich möchten sich Stadt und Land von ihrer besten Seite präsentieren, als gute Gastgeber in Erinnerung bleiben. Und da stehen die Favelas im Wege. Von hier geht die Kriminalität gegen Touristen aus: Diebstahl, Raub und bewaffneter Überfall an den beliebten Stränden und in der Innenstadt sind ein altes, schwer wiegendes Problem, das die Regierung nun ein für allemal beseitigen möchte. So ist etwa die kilometerlange Strandpromenade der Copacabana dieser Tage von so vielen Polizisten gesäumt, daß man jeden Moment die Ankunft eines gastierenden Staatsoberhaupts erwartet. Doch das allein reicht nicht aus und so will man das Problem auch bei der Wurzel angehen: Auch um gegen die bewaffneten Jugendbanden vorzugehen, rücken die Einheiten der UPP in die Favelas ein und können auch den ein oder anderen Erfolg verzeichnen: Drogenbosse und Dealer werden festgenommen, Waffen beschlagnahmt, Drogen konfisziert. Der Staat gewinnt wieder die Kontrolle über diese Siedlungen, doch oftmals nur zu einem zweifelhaften Preis.
Denn weder sind die Favelas auf diese kriminellen Strukturen gegründet, noch ist jeder Favelado ein Gangster. So heißt es, daß Nem etwa 700 Gefolgsleute hatte – für ein Slum der Größe Wiesbadens wohl kaum genügend, um ihn glaubhaft als einen Ort des ausufernden Verbrechens darstellen zu können. Dennoch sehen die Regierung und die UPP die Rocinha als eine Keimzelle der Kriminalität an, die von einem dichten Netz aus Komplizen und Mitwissern getragen würde. Unter diesem regelrechten Generalverdacht stehen daher vor allem die vielen einfachen Arbeiter und Angestellten, die hier nur deswegen leben, weil Armut und Herkunft in der brasilianischen Gesellschaft unüberwindbare Stigmata darstellen. Denn auch in der breiten Öffentlichkeit haftet den Bewohnern der Favelas der Ruf an, mit den Banden und Kartellen verstrickt zu sein, von ihnen zu profitieren oder wenigstens in ihrem Umfeld einen Freund oder entfernten Cousin zu haben, den sie schweigend unterstützten. Sie fühlen sich zu Unrecht verdächtigt und verfolgt, doch stehen sie machtlos der Regierung und der UPP gegenüber, die diese Rhetorik nutzt, um ihr rigoroses Vorgehen in der Rocinha und etlichen anderen Favelas zu rechtfertigen.
In deren Darstellung seien Favelas gottverlassene Orte, in denen Unrecht und Chaos herrschten, wo die Gefahr für Leib und Leben zum bitteren Alltag gehöre. Dieses unrühmliche Ansehen hat sich längst auch im Ausland verbreitet und ist auch hier zu der vorherrschenden Lesart geworden. Filme wie “City of God” haben hierzu ihr Übriges getan und das Bild der gewaltbeherrschten Elendsviertel weiter gefestigt. Hand auf Herz: Hätten Sie dieser Darstellung widersprochen? Auch ich hatte kaum daran gezweifelt, ehe ich Rocinha besuchte.
Denn pikanterweise ist das Gegenteil der Fall, jedenfalls wenn man den Bewohnern glauben mag. Zezinho erklärt mir, daß hier Kriminalität ebenso abgelehnt würde wie andernorts auch. Strenge Gesetz verböten alle Verbrechen vom Diebstahl bis zum Totschlag – doch nicht etwa der Staat und seine Polizei, sondern die Bewohner der Favela und mit ihnen sogar die Drogengangs kümmerten sich darum, daß diese Gesetze auch eingehalten würden. Ob solche Verbrechen wie so oft in südamerikanischen Ländern auch in der Rocinha in Lynchjustiz geahndet würden, konnte ich aus Mangel an glaubhaften, neutralen Quellen nicht in Erfahrung bringen. Das Vertrauen auf den Rechtsstaat ist auch in Rio de Janeiro stark geschwächt. Sowohl auf Seiten der Polizei als auch der Bevölkerung kommt es immer wieder zur Selbstjustiz. Zuletzt ging die erschreckende Nachricht eines Lynchmobs gegen einen Schiedsrichter um die Welt, der in Rios berühmtem Maracanã-Stadion ein Amateurliga-Spiel pfiff.Denn was alle Favelados vereint, ist die Sorge, daß jedes noch so kleine Vergehen zu weiteren Aufräumaktionen der UPP führen könnte. Und in der Tat, Rocinha wirkte auf mich so sicher wie jede deutsche Großstadt. Vielleicht war ich naiv, meine Kamera offen umherzutragen, und vielleicht war ich auch gelegentlich zu vertrauensselig, gut sichtbar mit meinem Smartphone zu hantieren. Wo doch von allen Seiten die Warnung ausgesprochen, in Rio seine Wertsachen daheim zu lassen, und dann stets der Ratschlag erteilt wird, immer ein paar Reals allein für den Zweck dabei zu haben, um bei einem Überfall genügend Beute zu bieten, um nicht von einem frustrierten 15-Jährigen erschossen zu werden. So begegnete ich tatsächlich in Ipanema einige Male Gruppen von Jugendlichen, die mich und meine Tasche auffällig musterten, und einmal wäre ich unweit des berühmten Strandes vielleicht sogar Opfer eines Überfalls durch mich schon auffällig dicht verfolgender Kinder geworden, wenn nicht in diesem Moment eine Polizeistreife durch die Straße gefahren wäre.

Doch hier in der Favela wollte sich dieser Eindruck nicht so recht aufdrängen. In der Rocinha wurde ich nicht etwa mißtrauisch beäugt, sondern so oft mit einem freundlichen und offenen Lächeln bedacht, daß ich, der nichts anderes als die kühle Berliner Ignoranz gewohnt war, bald schon nicht mehr meinen Augen trauen wollte. Ich wurde gefragt, woher ich käme, wie mir Rio und Rocinha gefielen, was ich denn darüber gehört hätte, und ob es in Deutschland auch Armutsviertel gebe. Vielleicht lag es an meinem Begleiter, daß wir an jeder Straßenecke begrüßt wurden, vielleicht waren diese Leute aber auch einfach nur neugierig, wie sich ein Gringo wie ich an einem solchen Ort verirren konnte. Schließlich lud uns sogar eine ältere Dame in ihr Haus ein. Sie wollte uns zeigen, wie sie hier wohnte (zwei erstaunlich große Zimmer, eine einfache Küche und ein Bad), wollte uns einen Eindruck geben, daß hier nicht das Elend zu finden sei, das die Welt erwarte. Mit sichtbarem Stolz führte sie uns anschließend auf ihre Dachterrasse, von wo aus wir für einige Zeit den herrlichen Ausblick über die sich an den Hügel anschmiegende Rocinha genossen. Gedankenverloren versuchte ich mich zu erinnern, ob ich entgegen aller Warnungen jemals so bereitwillig die Einladung eines Fremden angenommen hatte. Die Favela, so schien mir schlußendlich, war ein anderer Ort als jener, von dem ich so viel gehört hatte.

Die Favelados finden ihre »felicidade« – ihr Glück – vor allem in den kleinen Dingen.
Die Militärpolizei
Also versuchte ich zu erfahren, woher diese Gerüchte stammten und welchen Anteil die Befriedungsaktionen daran hatten, den jetzigen, doch eher auffallend geordneten Zustand aufrecht zu erhalten. Doch gleich, mit wem man über die Schocktruppen spricht, man stößt stets auf dieselbe Wut, oft auch auf bitteren Hass gegen die UPP, die BOPA und die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro, die sie befehligt.
In dunkel uniformierten Einheiten von fünf bis zehn Mann patrouillieren sie schwer bewaffnet die Straßen. Grimmigen Blickes mustern sie vorbeifahrende Autos, geparkte Motorräder und jeden Passanten, tragen ihre Maschinengewehre stets schussbereit vor ihren gepanzerten Körpern, als würde in jedem Winkel eine neue Gefahr lauern. Selbst als Besucher spürte man schnell ihre enorme Präsenz, die insbesondere an belebteren Orten durch weitere Einheiten und Einsatzfahrzeuge verstärkt wurde. Ich war irritiert, wie gleichsam unbeteiligt sie durch die Menge wandelten, bis mir auffiel, daß die Leute sie nach Möglichkeit mieden, daß niemand mit ihnen sprach und daß sie selbst in den Restaurants eigene Tische zugewiesen bekamen, weil sich niemand in ihrer Gesellschaft blicken lassen wollte. Erst später erfuhr ich, daß man hier schon aus Angst, der Sympathie bezichtigt zu werden, nicht das Gespräch mit ihnen suchte.
Wer hingegen von den Polizisten der UPP angesprochen wird, fürchtet Schlimmes. Welchen der Bewohner ich auch fragte, mir wurde von etlichen Vorfällen der Willkürbehandlung, des Machtmißbrauchs und gar von Verbrechen berichtet, welche Mitglieder der UPP und BOPA in Rocinha begangen haben sollen. Zwar wurde ich nicht Zeuge einer einzelnen Konfrontation, doch klangen manche der Berichte so ungeheuerlich, daß ich meine Zweifel daran gehabt hätte, wenn nicht die Behörden in öffentlichen Stellungnahmen manche der schwer wiegenden Vorwürfe eingeräumt hätten.
So gehörten erniedrigende Durchsuchungen zum Alltag, wenn etwa, wie Zezinho berichtete, einem 60-jährigen Mann das eben eingekaufte Gemüse abgenommen und einzeln auf dem dreckigem Boden statt einem Tisch, der genau dort stand, gelegt wurde. Die Journalistin Mariana Albanese berichtete, wie sie in der benachbarten Favela Vidigal von Polizisten geschlagen und abgeführt wurde, nachdem sie an einem Protest gegen den anscheinend staatlich nicht autorisierten, aber dennoch durchgeführten Abriss des einzigen Fußballplatzes zugunsten einer neuen UPP-Wache teilnahm.
Es komme wohl auch immer wieder zu Korruptionsfällen, wenn etwa UPP-Beamte damit drohten, harmlose Parties aufzulösen, wenn kein Schutzgeld fließe. Zezinho berichtete mir von einem solchen Einschüchterungsversuch, eine von ihm veranstaltete Feier zu schließen. Letztlich habe die Party ohne eine Zahlung stattfinden können, doch in vielen anderen Fällen würden sich die Beamten schlicht auf die umstrittene Resolution 013 berufen, die es ihnen ermöglicht, jederzeit jede Veranstaltung – vom Clubevent bis zur Kommunionsfeier – aufzulösen. Diese Willkürpraxis einiger UPP-Kommandeure wird von vielen mit den absolutistischen Gebaren der einstigen Drogenbosse verglichen.
Auch manch andere Gesetzesübertretung eint die alten und die neuen Machthaber. So gab Nem nach seiner Festnahme zu Protokoll, daß etwa die Hälfte seiner Einkünfte für Bestechungsgelder aufgewendet wurden. Sein Jahresumsatz wird auf 100 Millionen Reals, etwa 31 Millionen Euro geschätzt. Selbst die Tageszeitung “O Globo”, das Flaggschiff des regierungsnahen Medienimperiums Organizações Globo, fügte ihrer kurzen Mitteilung an, daß er sogar detaillierte Angaben zu den Zahlungen machen konnte.

Tödliche Polizeigewalt
Doch kaum ein anderer Fall lässt die Bewohner der Rocinha so sehr erschaudern wie der des Maurers Amarildo Dias de Souza, der landesweit traurige Berühmtheit erreicht hat. Amarildo war ein Gelegenheitsarbeiter aus der Favela, der im Juli des vergangenen Jahres spurlos verschwand, nachdem er laut unabhängigen Zeugenaussagen von Polizisten der UPP festgenommen und zur örtlichen Wache abgeführt wurde. Die Kenntnisse über sein weiteres Schicksal sind trotz umfangreicher Ermittlungen noch lückenhaft, doch bisher deutet alles darauf hin, daß der 47-jährige auf Anweisung des örtlichen UPP-Kommandeurs Edson Santos von vier Militärpolizisten zu Tode gefoltert wurde, während zwölf weitere Beamte zuschauten und insgesamt 17 UPP-Mitglieder an der Beseitigung seiner Leiche beteiligt waren.
Der Gerichtsprozess gegen insgesamt 25 in der Rocinha stationierte UPP-Polizisten wurde erst vor wenigen Tagen aufgenommen, nachdem nicht nur die ganze Favela, sondern auch die breite Öffentlichkeit Rio de Janeiros aufmerksam die Ermittlungen verfolgten. Demnach wurde Amarildo Dias de Souza als einer von dreißig Verdächtigen, welche von 300 UPP-Polizisten im Rahmen einer Razzia festgenommen wurden, auf die örtliche Wache geführt, wo er jedoch nach einigen Minuten frei und unbeschadet verlassen konnte. Ab da verliert sich sein Weg, Amarildo wurde zwei Tage später von seiner Familie als vermisst erklärt.
Binnen weniger Tage brandete eine enorme Protestwelle an, Freunde und Nachbarn besetzten wichtige Verkehrsadern Rios und wurden bald mit ihrer mittlerweile berühmt gewordenen Frage “Onde está o Amarildo?” – Wo ist Amarildo? – von unzähligen Mitstreitern auf Facebook, Twitter und Tumblr unterstützt. Bald schalteten sich auch die örtlichen und nationalen Medien und ein. Möglicherweise war es gerade der drängenden Stimme der Öffentlichkeit zu verdanken, welche die Ermittlungen im Fall Amarildo zu einer höchstinstanzlichen Angelegenheit beförderte. Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sergio Cabral, schaltete sich ein und schließlich wurde der Direktor der Mordkommission Rivaldo Barbosa mit den Ermittlungen betraut, deren schockierende Ergebnisse Anfang Februar erstmals en detail bekannt wurden.
Demnach sei die offizielle Darstellung der Polizei widerlegt, man habe Amarildo mit einem Dealer verwechselt, ihn aber wieder freigelassen, weshalb sein Verschwinden der Drogenmafia oder der Favelagemeinde zuzuschreiben sei. Zwar ist unklar, wann und wo genau Amarildo entführt wurde, doch wurde er bald in einen Container hinter dem UPP-Hauptquartier der Rocinha gebracht, wo er 40 Minuten lang gefoltert wurde. Edson Santos gestand, daß er diese Mißhandlungen autorisiert habe, woraufhin vier seiner Polizisten heißes Wachs in den Mund des Mannes eingegossen, seinen Kopf mehrfach in einen gefüllten Wassereimer getaucht, ihn anschließend mit Elektroschocks traktiert und Plastiktüten über seinen Kopf gezogen hätten, bis Amarildo an den Folgen der Folter gestorben sei. Zwölf weitere Polizisten hätten die Anweisung gehabt, dem Mord beizuwohnen. Keiner von ihnen, so die Anklage, sei eingeschritten oder habe protestiert. Weitere elf Beamte hätten vor dem Container gewartet, wo sie die Schreie des Handwerkes gehört hätten.
Das Motiv für die Tat, auch der Grund für die Festnahme bleibt weiterhin ungeklärt. Familie, Freunde und Nachbarn beschreiben den Mann als einen hart arbeitenden, aber ungelernten Maurer, welcher als “der Bulle” bekannt gewesen sei, weil er keine kräftezehrende Arbeit scheute, etwa wenn er wie so oft für andere Favelabewohner schwere Lasten den Hügel hinaufschleppte. Als ein Analphabet, der gerade so seinen Namen schreiben konnte, sei Amarildo ein ehrlicher Mann gewesen, der keinerlei Verbindungen zur Drogenmafia gehabt und auch sonst kein Unrecht getan hätte. Stattdessen habe er mit kleinen Gelegenheitsjobs den Unterhalt seiner siebenköpfigen Familie bestritten und sei oftmals noch nach Feierabend mit seiner Angel ausgezogen, um angesichts seines kargen Einkommens weit unter dem Mindestlohn wenigstens etwas Fisch auf den Teller bringen zu können. Auch an jenem verhängnisvollen Tag war Amarildo gerade erst vom Angeln heimgekehrt, als bereits die UPP-Beamten nach seinen Papieren fragten.
Mittlerweile wird einigen der Angeklagten vorgeworfen, gezielt Tatspuren verwischt und Falschaussagen abgegeben zu haben. So war etwa die einzige Kamera, in deren Bildbereich der Tatort lag, in der Entführungsnacht wegen ungeklärter Brandeinwirkung funktionsuntüchtig und auch das GPS-System des Polizeiautos, in dem sich Amarildo nachweislich befand, war für diesen Zeitraum ausgeschaltet. Am Folgetag reichten vier der angeklagten Polizisten ein Gesuch um Versetzung in eine andere Einheit ein, und wie indessen bekannt wurde, hat Santos vier der Angeklagten instruiert, eine von ihm vorbereitete Darstellung der Geschehnisse auszusagen.
Vor wenigen Tagen begann die Hauptverhandlung im Prozess gegen die 25 angeklagten UPP-Beamten, wobei neben den Hauptangeklagepunkten der unterlassener Hilfeleistung acht Beteiligte und der Bildung einer kriminellen Gruppierung 13 Polizisten angeschuldigt wurden. Sie treffen auf 19 Zeugen der Anklage, darunter auch die Witwe des Opfers. Sie und ihre sechs Kinder wurden unterdessen in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Werden die Angeklagten der gegen sie angeführten Taten überführt, droht ihnen einen Strafmaß von neun bis 33 Jahren Haft in einem der überfüllten und für ihre brutale Gewalt berüchtigten Gefängnisse Brasiliens.

Entführungs- und Mordfälle wie der Amarildo Dias de Souzas sind in Favelas des Bundesstaates Rio de Janeiro keine Einzelerscheinungen. Schon bevor in diesem Ermittlungsverfahren bekannt wurde, daß die Angeklagten auch in der Vergangenheit Favelados der Rocinha bedroht und gefoltert hatten, wurden erschreckende Statistiken über die schiere Zahl der Vermissten des Bundesstaates bekannt. Der Soziologe Fábio Alves Aráujo wertete die Vermisstenanzeigen zwischen 1991 und Mai 2013, zählte dabei 91.807 verschwundene Personen. Allein im letzten Jahr des Untersuchungszeitraums wurden mehr als fünftausend Fälle registriert. Dies betreffe vor allem Männer aus den Favelas. Antônio Carlos Casto, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Rio de Paz, setzt die Dunkelziffer weitaus höher an. Gegenüber der Nachrichtenagentur IPS sagte er, Brasilien sei “ein Land der Straffreiheit für Tötungsdelikte. Tausende Leute verschwinden, doch die Behörden interessieren sich nicht für ihren Verbleib.” So ergeben weitere Forschungen in den Polizeiarchiven Rio de Janeiros, daß die Ermittlungen häufig nicht von der Polizei, sondern erst durch die Familien der Vermissten aufgenommen werden. Darüberhinaus wird die Rolle der Polizei wird immer wieder in der Komplizen- oder Täterschaft gefunden, so sei Costa zufolge “in manchen dieser Fälle die Polizei verwickelt” und es lägen gar “geheime Friedhöfe über die ganze Metropolregion Rio de Janeiro verstreut”.
Die beobachtenden Menschenrechtsorganisationen wie Rio de Paz, die Comissão da Verdade do Rio de Janeiro (Wahrheitskommission Rio de Janeiro) und auch Amnesty International sehen das Verhalten der Polizei zunehmend in der Nachfolge der Militärdiktatur, die noch bis 1985 in Brasilien herrschte. Jene Strukturen, die BOPA und UPP hervorbrachten, stammen noch aus dieser Zeit und es gibt bisher keine Anzeichen, daß sich der Staat ein für allemal seiner Militärpolizei entledigen würde. Wadih Damous, der Präsident der Comissão da Verdade do Rio de Janeiro, warnte kurz nach dem Bekanntwerden des Verschwindens Amarildos: “Nebst der Verschwundenen der Militärdiktatur müssen wir auch jene schützen, die in der Demokratie verschwinden.”
Denn die ist, wie sich auch im Fall Amarildo Dias de Souza herausstellte, geschwächt, wenn das Ansehen der Polizei in Staatskreisen die Unbefangenheit gefährdet. Im vergangenen August wurde das Gesuch seiner Witwe, ihn offiziell für tot zu erklären und somit Witwenrente erhalten zu können, vom Richter mit der Begründung abgelehnt, daß sein “Verschwinden stattfand, als sich Amarildo in der Hand von Staatsbeamten befand, wovon an und für sich keine Lebensgefahr ausgeht. Es wurde keine bewaffnete Konfrontation, keine echte Gefahr bekannt, welche die Erklärung des angenommenen Todes rechtfertigen könnte.”
Der Richterspruch steht exemplarisch für das blinde Vertrauen in die Militärpolizei, die sich trotz unzähliger Vorfälle und Vergehen immer noch nicht einer breiten öffentlichen Kritik ausgesetzt sieht, die an ihren Grundfesten rüttelt. Mißhandlungen, Folter und Entführungen sind nicht nur in der Rocinha an der Tagesordnung, auch andere Favelas sehen sich nach dem Verschwinden der brutalen Drogengangs neuer Gewalt ausgesetzt. Ein unkontrolliertes Machtsystem ersetzt das andere. Das Massaker von Alemão, bei dem eine Razzia gegen das dortige Drogenkartell 19 überwiegend unschuldigen Favelados getötet wurden, machte im Juni 2007 weltweit Schlagzeilen. Die Ermittler stellten damals fest, daß das Verbrechen den Charakter einer Exekution gehabt habe, bei dem die beteiligten Militär- und Zivilpolizisten auch gezielt Kopfschüsse abgefeuert hatten.
Das Massaker von Alemão überschattete die Pan-Amerikanischen Spiele, die zeitgleich in Rio de Janeiro ausgetragen wurden. Damals wie auch heute sah das städtische Sicherheitskonzept eine Säuberung der Favelas durch paramilitärische Einheiten vor. In diesem Jahr wurden in der Rocinha bei Schießereien zwischen UPP und Dealern bereits zwei neue Todesopfer gezählt, während in Parque Proletário eine junge Polizistin einem Kopfschuss erlag. Aus Rache, so heißt es, haben Militärpolizisten wenige Tage später in einer anderen Favela sechs Menschen hingerichtet.

Die Bewohner der Favelas leben in ständiger Angst. Auch in der Rocinha, wo trotz Amarildos Ermordung alles so friedlich scheint, daß Fremde sich sicherer als in Ipanema fühlen. Was die Täter, aber auch die Polizisten, deren Willkür sie sich jeden Tag ausgesetzt sehen, dazu antreibt, verstehen sie nicht. Denn die meisten sind genau wie sie in einer der hunderte Favelas aufgewachsen. Viele von ihnen wohnen noch immer in einem Armutsviertel, verrichten aber ihren Dienst in einer anderer Favela, wo sie keiner kennt. Wüssten ihre Nachbarn, wie sie ihr Geld verdienen, sie müssten wohl um ihr Leben fürchten. Obgleich zwar die einfachen Bewohner wohl nicht nach ihrem Leben trachten würden, könnte sie doch jederzeit der Schuss eines Jugendlichen treffen, der im Auftrag der Drogenbosse für einige Reals morden geht.
Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft vergehen nicht einmal mehr vier Monate und dann beginnt auch schon die Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele im Jahr 2016. Die Befreiungsgarden werden bis dahin ihre Operationen ausweiten, mehr Favelas besetzen, mehr Einheiten stationieren, mehr Präsenz zeigen und, wie man fürchten muss, für mehr Blutvergießen sorgen. Die Köpfe der nicht minder stark bewaffneten Mafias kündigten bereits eine Welle der Gewalt an: Wenn die Welt zu Gast in Rio ist, würden sie sich für all die mißhandelten, entführten und getöteten Leute rächen, die in den vergangenen Jahren der Befriedung zum Opfer gefallen sind. Wie bereits