Die rechte Spur der sonst so geschäftigen Serangoon Road, eine der Hauptverkehrsadern der Innenstadt Singapurs, war auf mehr als einem Kilometer Länge gesperrt. Hier schoben sich zwar dieselben Blechkolonnen durch den dichten Stadtverkehr, die auch an jedem anderen Tag in die Peripherie der Metropole drängen, doch heute mussten die Autofahrer für ungewöhnliche Verkehrsteilnehmer Platz schaffen. Langsam kroch an ihnen eine bunt gekleidete Menschenkolonne, eine schillernde und reich geschmückte Prozession vorbei, die sich noch bis zum Sonnenuntergang wie ein nicht mehr enden wollender Strom singender, betender und ekstatisch entrückter Menschen bis tief in das Zentrum Singapurs schlängelte.
An diesem verhältnismäßig kühlen, aber doch merklich tropischen Freitagmorgen begeht die tamilisch-hinduistische Gemeinde des südostasiatischen Stadtstaates ihr höchstes Fest, Thaipusam. Dann strömen Tausende Hindus in den Sri Srinivasa Perumal-Tempel, durchbohren sich in einem Akt der Buße ihre Wangen, Zungen, Rücken und Bauchhaut mit unzähligen Spießen und Haken, um daran bis zu vierzig Kilogramm schwere Lasten zu befestigen, die sie anschließend auf eine lange Prozession durch die Stadt schleppen.

Tradition im Großstadtdschungel: Ein Gläubiger trägt das Pal Kavadi über die Serangoon Road.
Doch obwohl das Singapurer Thaipusam das größte Fest dieser Art außerhalb Malaysias ist, wirkt es hier zwischen den Schnellstraßen und Wolkenkratzern seltsam deplatziert. Die südostasiatische Metropole ist zwar als Vielvölkerstaat bekannt, in dem Kulturen, die so unterschiedlich nicht sein könnten, friedlich zusammenleben, weil nicht zuletzt seit Jahrzehnten eine Politik der uneingeschränkten Toleranz und Schutz aller Ethnien und Religionen praktiziert wird. Doch da die tamilische Gemeinde nur etwa fünf Prozent der mehrheitlich chinesischen Gesamtbevölkerung ausmacht, wird Thaipusam trotz seiner spektakulären Szenen von den örtlichen Medien oft nur im Lokalteil oder den aktuellen Staumeldungen beachtet. Denn die Singapurer haben sich in ihrem unerschütterlichen Gleichmut längst daran gewöhnt, daß alle Jahre wieder einige ihrer Freunde und Kollegen ihre festlichen Gewänder anlegen und den Marsch der Selbstkasteiung auf sich nehmen. Und sei es eben, daß er an Straßensperren und brummendem Verkehr vorbei führt.
In den Häuserschluchten Singapurs trifft die von vedischen Gesängen und epischen Legenden geprägte tamilische Kultur so hart und kontrastreich auf die profane Lebensrealität des 21. Jahrhundert, wie kaum eine Religion an einem anderen Ort auf dieser Welt. Auf der einen Seite stehen die oft viele Jahrtausende alten, teils schriftlich fixierten, meist aber nur mündlich überlieferten Erzählungen, die die gesamte religiöse und kulturelle Identität der Tamilen begründen. Auf der anderen Seite fordert und fördert Singapur, dieser ethnische und kulturelle Schmelztiegel, zumal eine der größten und reichsten Finanzmetropolen der Welt, einen ständigen und intensiven Austausch mit westlichen und anderen östlichen Philosophien, Religionen und Weltanschauungen.
Ein Jahrtausende alter Kult im Schatten der Glastürme
Sie sagen: “Wir, die so gering sind, baten um deine Weisheit. Und du kamst, du Edler! Wir ehren deine herrliche Pracht!” Alles das süß ist, alles das gut ist, auf so vielfältige Weise wird er gepreist.
Und seine Göttlichkeit leuchtet in seiner grenzenlosen Macht auf, so groß, daß sie bis zum Himmel hinaufreicht. So umgibt seines göttlichen Wesens Überfluss die höchsten Ränge. Als ein alter Dufthauch offenbart sich seine göttliche und jugendliche Güte: Er wird sagen: “Sei von deiner Furcht befreit. Ich weiß, warum du gekommen bist.”
Diese von Liebe getränkten Worte nehmen kein Ende. Ein dunkler Ozean umgibt diese Erde und er wird dir allein in aller Herrlichkeit erscheinen, wenn er dir sein kostbares Geschenk verleiht!
An Thaipusam tritt dieser Kontrast offen zu Tage: Die Tamilen feiern dieses Fest jedes Jahr zum Vollmond des Monats Thai, um dem Gott Murugan, einer zentralen Figur ihrer hinduistisch-shivaistisch geprägten Religion, zu huldigen. In der Legende der Tamilen baten die Devas, die niederen Götter des hinduistischen Polytheismus, Shiva um Beistand, der sie von der Plage der dämonischen Asuras unter ihrem Anführer Surapadman befreien sollte. Shiva war von ihren Gebeten so ergriffen, daß er seinen Sohn Murugan sandte, der auf einem silbernen Streitwagen erschien, mit einem goldenen Speer bewaffnet ins Gefecht gegen die Asuras zog und schließlich über das Böse triumphierte. Anschließend sei er seinen Anhängern über und über mit Brillanten und Juwelen geschmückt erschienen, die ihn fortan für seinen Mut, seine Tugendhaftigkeit, aber auch Schönheit und seine Jugend verehren. Daher heißt der Gottessohn bei den Tamilen schlicht Murugan, “der Jugendliche”, während er andernorts als Skanda oder Subramaniam bekannt ist.
Den Tamilen gilt Murugan an gütiger und barmherziger Gott, der ihre Fürbitten erhört und ihre Wünsche erfüllt. An Thaipusam rufen sie ihn im Gelöbnis an, um für kranke oder Not leidende Familienmitglieder zu bitten und als Zeichen ihrer Verehrung und ihres Danks sich selbst zu kasteien. Der gesamte Monat Thai ist der spirituellen Vorbereitung auf den Opfergang gewidmet: Intensives Gebet, Zölibat und die Beschränkung auf ein vegetarisches Gericht pro Tag reinigen den Körper des Bußfertigen für die bevorstehende Zeremonie. Der ständige Gedanke an Murugan und seine Heldentaten bestimmt die Wochen vor Thaipusam, ehe in den letzten 24 Stunden das Fasten intensiviert wird und am kommenden Morgen das Fest mit einer langen und mühsamen Prozessionen seinen Höhepunkt erreicht.

Ehe die Prozession beginnt, werden die Opfergaben, vor allem Milch und Limetten, geweiht.
Noch vor Sonnenaufgang ziehen die Gläubigen mit ihren Familien zum Sri Srinivasa Perumal-Tempel in der Serangoon Road im Stadtteil Little India, wo sie sich zusammen mit den anderen Bußfertigen auf die kommende Prozession vorbereiten. Gemeinsam mit ihren Verwandten und Freunden schmücken sie den Tempel mit Unmengen gelber, roter und violetter Blüten, bringen Milch und Limetten als Opfer dar und stimmen sich mit berauschenden Trommelrhythmen auf das ekstatische Ereignis ein. Frauen, Männer, aber auch Kinder opfern an Thaipusam ihr Haar. Dann reiben sie ihre kahl geschorenen Köpfe mit Kurkuma ein, das vor der sengenden Sonne, aber auch Juckreiz und Entzündungen schützen soll. Unter den Blicken der unendlich vielen Götzen, welche sogar den schwer in der Morgenluft liegenden Weihrauch zu durchdringen scheinen, legen sie hier ihre farbfrohe Festkleidung an. Die gelb-orangen Leinentücher, die oft nicht mehr als nur die Hüften und Schenkel bedecken, sollen Bescheidenheit und Demut demonstrieren, der Einfachheit Murugans huldigen. Zur Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens bestäuben sie ihre Gesichter und Körper mit Asche, sodaß manche von ihnen im dichten Weihrauch wie schemenhafte Geister erscheinen.

Wie jedes hinduistische Fest wird auch Thaipusam mit viel Blumenschmuck begangen.
Wenn Leib und Seele auf diese Weise gereinigt und für den kilometerlangen Marsch vorbereitet sind, legen die Gläubigen ihre Bürden an, die sie anschließend zum Sri Thandayuthapani-Tempel tragen. Diese Kavadi – wörtlich: ein Opfer mit jedem Schritt – werden in verschiedenen Größen getragen, wobei je nach Ausmaß der Kasteiung und Komplexität der Aufbauten die Hilfe einiger Angehöriger und viel Zeit erforderlich ist. Man sieht Männer und Frauen geduldig ausharren, während ihre Körper nach und nach durchbohrt, während immer mehr Teile ihres goldenen Harnischs aus Nadeln und Spießen angelegt und geschmückt werden. Dabei werden die Bürden je nach Maß der damit verbundenen Fürbitten an Murugan gewählt: Für ein schwer krankes Familienmitglied wird demnach ein größeres Opfer ertragen als für Hilfe in einer finanziellen Notlage. So besteht eine einfache Form des Kavadi aus einem halbkreisförmigen, stählernen oder hölzernen Rahmen, der mit Stäben zum Abstützen auf der Schulter versehen und über und über mit Blumen und Pfauenfedern dekoriert ist. Manche von ihnen, Frauen wie Männer, besiegeln das Maunam, ihr heiliges Schweigegelübde, mit scharfen Silberspießen, die sie durch ihre Zungen und Wangen bohren.
Dahingegen tragen viele Frauen und manche der Männer, die auf die körperliche Pein verzichten wollen, auf ihren Köpfen oder an einem Joch das Palkuddam, Milchkrüge und Blumen – immer darauf bedacht, keinen Tropfen zu verschütten. Andere begehen den Weg zum Sri Thandayuthapani-Tempel mit Nagelschuhen oder durchstechen ihren Rücken mit unzähligen Haken, um daran kunstvoll gefertigte Anhänger oder Limetten, das Symbol der Reinigung, zu befestigen. Wer eine größere Last auf sich nehmen will, um für eine dringendere Sache zu bitten, zieht an diesen Haken die Abbilder verschiedener Götter in einer schmerzhaften Monstranz über die gesamte Strecke.

Einem Anhänger Murugans wird das Vel Kavadi angelegt.
Dahingegen nehmen die langjährigen Teilnehmer häufig den größten und auch prächtigsten der Kavadi, das bis zu vierzig Kilogramm schwere Vel Kavadi auf sich. Sie lassen ihre Haut mit 108 silbernen oder goldenen Vel, dem symbolischen Speer Murugans, durchbohren, an denen wiederum ein goldenes Geschirr angebracht wird, auf dem ein kostbarer, bis zu zwei Meter aufragender, reich mit Gold, Blumen und Pfauenfedern geschmückter Altar thront. Oftmals sind diese Vel Kavadi mit Federn und Scharnieren ausgestattet, die mit jedem Schritt den Federkranz nach außen aufklappen, das Gottesbild offenbaren und dabei die Nadeln etwas tiefer in der Haut versenken.
Auch bei diesen größten aller Kavadi kann man unterschiedlich reichhaltigen Schmuck beobachten: Manche Teilnehmer befestigen daran unzählige Glöckchen, schillernde Goldplaketten und Wimpel mit gepunzten Motiven, die bei jeder Bewegung klingeln und schellen. Andere verzichten auf solchen Überfluss und treiben sich lieber noch einen weiteren Spieß durch die Wangen. Obgleich die tamilische Gold- und Silberschmiedekunst immer ausgefeiltere Kavadi hervorgebracht hat, die dann oftmals als Familienschatz gehütet und von Generation zu Generation weitergereicht werden, sieht man in Singapurs Straßen, daß die Modernisierung auch an Thaipusam nicht spurlos vorbeiging. Denn im Selbstbau werden Flügelschrauben, Winkelstücke, Kabelbinder und anderes Material aus dem Baumarkt genutzt; und ebenso wie all die Goldornamente, schmücken mittlerweile auch industriell hergestellte Tigerprint-Stoffe und Plastikblumen die Kavadi.

Ein Fest, das nur am Rande stattfindet
Thaipusam mag der Höhepunkt im tamilischen Kalender sein, doch in Singapur nehmen nur wenige der mehr als fünf Millionen Einwohner davon Notiz. Im Schmelztiegel der Kulturen koexistieren so viele unterschiedliche Religionen und Kulte, daß selbst die Singapurer leicht den Überblick verlieren. Denn der Stadtstaat an der Südspitze der malaiischen Halbinsel verzeichnet die größte religiöse Vielfalt der Welt: Ein Drittel der Einwohner sind Buddhisten, 18% christlichen, 15% muslimischen Glaubens. Jeder zehnte Singapurer bekennt sich zum Taoismus und nur fünf Prozent der Einwohner sind gläubige Hindus, von denen wiederum weniger als die Hälfte den Murugan-Kult zelebriert. So verdeutlicht ein Spaziergang durch Chinatown und über die South Bridge Street die beispiellose Religionsdichte beispielhaft: Wer am hinduistischen Sri Layan Sithi Vinayagar-Tempel losgeht, gelangt schnell zu einem der wichtigsten buddhistischen Stätten, dem Buddha Tooth Relic Temple, der wiederum nur einen Steinwurf von der Masjid Jamae-Moschee entfernt ist. In direkter Nachbarschaft befinden sich ferner der Sri Mariamman- und der taoistische Thian Hock Keng-Tempel – und wer noch ein wenig weiter flanieren möchte, gelangt schnell zum Silat Road Sikh Temple sowie fünfzehn Kirchen und Gemeinden verschiedener christlicher Konfessionen.

Junge Männer auf dem Weg zum Sri Thandayuthapani-Tempel, wo sie ihre Freunde und Angehörige treffen.
In dem engen Miteinander der Religionen kann man leicht den Überblick verlieren, zumal die meisten Singapurer mit ihrem eigenen Alltag, ihren eigenen Kultur genug beschäftigt sind. Ein junger Mann indischer Herkunft berichtet mir, daß er Muslim sei, daher mit dem Fest nichts anfangen könne. Thaipusam sei zwar ein wichtiger Teil der Singapurer Kultur, aber er selbst gehe der Prozession möglichst aus dem Weg. Glücklicherweise würden die weiträumigen Straßensperren in Radio und Zeitung angekündigt, sodaß er sich darauf einstellen könne, doch sähen manche Singapurer den Grund für das alljährliche Verkehrschaos mit Unverständnis. So klein doch der Anteil der Bevölkerung sei, die das Fest feiern, sollten doch mehr Leute darüber Bescheid wissen und auf diesen kulturellen Schatz auch stolz sein können, selbst wenn sie kein Teil davon sind.
Auf die Frage, welches Interesse ihn mit Thaipusam verbinde, antwortet mir der junge, chinesische Buddhist Luo Yi, der heute ebenfalls zum Tempel gekommen ist, daß er hier seinen Freund Saravanan anfeuern wolle. Der fromme Hindu habe bereits an vielen verschiedenen Zeremonien teilgenommen. Heute trägt er ein mittelgroßes Kavadi, um für die Gesundheit seiner Großmutter zu bitten. Yi findet das Spektakel spannend, wenn auch seltsam. Er hätte zwar Sorge vor bleibenden Narben, kann aber verstehen, daß sein Freund dieses Risiko auf sich nimmt. Saravanan versichert mir indes, daß man keine sichtbaren Spuren davontrage. Die Wunden seien schmerzlos, selbst die an Zunge und Wangen, sodaß er das Kavadi nicht als Last, aber als Zeichen der Verehrung Murugans ansehe. Er habe einzig das Ziel vor Augen, freue sich aber auch das große Abendessen, das sein Onkel zu seinen Ehren ausrichten wird.

Gegen neun Uhr setzt sich die Prozession in Gang. Nach und nach verlassen die Gläubigen mit ihren Angehörigen denSri Srinivasi Perumal-Tempel, werden von Verkehrspolizisten auf die abgesperrte Außenspur der Serangoon Road gelotst und beginnen von dort an den Opfermarsch durch die Innenstadt Singapurs. Entlang des täglichen Großstadtverkehrs bahnen sie sich ihren drei Kilometer langen Weg zum Sri Thandayuthapani-Tempel, jenem heiligen Ort Singapurs, der Murugan selbst geweiht ist. Hier werden sie nach dem langen Festzug vor dem Heiligtum einkehren, ihre Gebete sprechen und ihr Opfer einlösen.

Der prunkvolle Schmuck eines insgesamt zwei Meter hohen Vel Kavadi.
Doch der Weg dahin ist lang. Entlang der schnurgeraden Serangoon Road, vorbei an den Schaulustigen von Little India, über die kreuzenden Verkehrsadern hinweg kriecht der Strom der Murugan-Anhänger, biegt dann in die geschäftige Orchard Road, wo er die schillernden Fassaden der riesigen Shopping Malls passiert und schließlich das letzte Teilstück der Clemenceau Avenue bezwingt, um endlich in Sri Thandayuthapani in der Tank Road anzugelangen.
Auf ihrem Opfermarsch singen die Kavadi-Träger und ihre Familien Hymnen auf Murugan. Die Angehörigen spielen Trommeln und Schellenkränze – oder heuern professionelle Thaipusam-Musiker an, die den Büßer auf seinem gesamten Weg begleiten. Immer wieder stimmen die Massen den ekstatischen Gesang an: “Vel, vel, vetri vel” – der Speer, der Speer, der siegreiche Speer –, der mit jeder Wiederholung an Intensität gewinnt. So steigern sich die Anhänger in Trance, die ihre Schmerzen vergessen lässt und sie Murugan näher bringt. Gelegentlich halten sie an, lassen die Spieße und Speere in schüttelnden Bewegungen noch tiefer in ihrer Haut eindringen, reiben ihre Körper mit Limetten ein oder verstärken auf andere Weise ihre Last.
Die schnellsten Teilnehmer legen diesen Opfermarsch in ein bis zwei Stunden zurück. Wer jedoch einen der größeren Kavadi trägt, wer gar auf Nagelsohlen läuft, kommt oft erst nach vielen Stunden erschöpft und bußfertig am Ziel an. Doch keiner gibt auf, denn nur die Ankunft im Tempel stellt das erfolgreiche Bestehen ihrer harten Prüfung dar.

Nach dem Ende der Prozession harrt ein Kavadi-Träger aus, bis er vollständig von seiner Last befreit ist.
Am Ende ihrer Prozession treten sie vor die silberne Murugan-Statue, verneigen sich vor der Gottheit und sprechen ihr Gebet. Sie begießen ihn und seinen Speer mit einem ständigen Milchstrom, den die Tempelpriester, wenn nötig, so lange aufrecht erhalten, bis der nächste Gläubige mit dem nächsten Krug kommt. Nun ist alles vorbei. Manch ein Teilnehmer bricht nach all den Strapazen entkräftet zusammen, muss von herbeieilenden Sanitätern versorgt werden. Doch die meisten haben den Marsch durchgestanden, sind erschöpft, aber glücklich, daß sie diese Herausforderung gemeistert haben. Nun werden die Kavadis wieder abgebaut, werden die Spieße und Haken wieder gezogen, die Zungen von den Nadeln befreit. Die meisten von ihnen verbleiben unter dem anhaltenden Trommel- und Trompeten-Lärm in tranceartiger Entzückung, wirken wie abwesend und lassen ihre Angehörigen gewähren, die vorsichtig einen Spieß nach dem anderen entfernen. Blut fließt dabei wie durch ein Wunder nicht. Die Hindus beteuern, daß daran der schützende Segen Murugans zu erkennen sei – andernfalls wurde die Sühne nicht gewährt und das Opfer war vergebens.
Hier können sie sich mit Früchten und Honig stärken, können sich niederlassen und ausruhen. Überall liegen sie erschöpft am Boden, schlafen oder warten auf ihre Brüder und Schwestern, die noch auf dem Weg sind. Man trifft sich zum Tee und zum Gespräch, verabredet sich für den Abend, geht heim und beginnt mit der Zubereitung des Festessens.

Thaipusam ist vorbei.
In wenigen Stunden wird sich der Tempel geelert, werden die Priester den letzten Krug Milch über der großen Murugan-Statue entleert haben. Bei Sonnenuntergang ist das Fest vorbei und bereits am nächsten Tag gehen die Einwohner Singapurs, gleich welcher Religion, gleich welcher Kultur sie angehören wieder ihren alltäglichen Geschäften nach. Unterdessen werden die Gassen Chinatowns festlich geschmückt. Überall wiegen rote Lampions im Wind, Schaf-Figuren stehen in den Läden, baumeln an Fensterläden und säumen die breite South Bridge Road. In wenigen Tagen feiert die mehrheitlich chinesische Bevölkerung ihr Neujahrsfest. Dann wird Thaipusam schnell wieder vergessen sein. Bis zum nächsten Jahr, wenn sich die Prozession wieder durch die Metropole schlängelt.