Gestern fand das vergangene Wintersemester mit der schriftlichen Prüfung seinen Abschluß. Ich habe mich zwar im vergangenen halben Jahr nur selten auf den Campi blicken lassen, habe aber trotzdem viel gelernt: Ich war überrascht, wie viel Freude es mir bereiten würde, kranke Kinder von ihren kleinen und großen Wehwehchen zu befreien. Ich erkannte erneut, daß meine große Stärke die schnelle und elegante Diagnosefindung, dagegen die Differentialtherapie im Allgemeinen meine Schwäche ist. Auch lernte ich erneut den Großteil meiner Kommilitonen verachten und die wenigen anderen weiter schätzen. Und selbst, obwohl ich den Semesterstoff in Hinblick auf die Prüfungen in Windeseile nachholte, war es doch nicht das Faktenwissen, das ich als echten Lernerfolg dieses Semesters verbuchen könnte.
In zwei Jahren werde ich schon wieder vergessen haben, welche fünf Zytostatika in der Induktionsphase der Stufentherapie der akuten lymphatischen Leukämie gegeben werden und welche langfristigen Nebenwirkungen die Verabreichung von Amiodaron zeitlich limitieren. Ich werde auch nicht mehr wissen, daß es die Chromosomentranslokation t(8;14)(q24;q32) ist, die in mehr als 80% der Burkitt-Lymphome gefunden wird, und wie der tägliche Flüssigkeitsbedarf eines auf die eine oder andere weise dehydrierten Kindes berechnet wird. Das alles sind abstrakte Informationen, deren Verbindung zu ihrem Kontext sich nicht durch logisch erklärbare Prozesse erschließen lässt. Das ist jenes Wissen, das stetig wiederholt werden muss, das durch neue Studien revidiert und zurechtgerückt wird und nur einen begrenzten Wert für das reflektierende und dadurch flexible Praktizieren enthält.
Tumore töten
Einen weitaus größeren Wert hatten für mich dagegen Erkenntnisse, die kein Rahmenlehrplan vermitteln kann und deren Erwerb keine klassische Prüfung messen kann. Diese Einsicht klingt banal, doch das liegt durchaus in ihrer Natur: welche Tragweite die Nachricht einer Lebenserwartung von nur wenigen Jahren hat.
In diesem Semester wurde viel Wert auf verschiedene Krebsformen gelegt. Insbesondere kindliche Tumore kamen gewiss nicht zu kurz, aber auch so manche bösartige Erkrankung des erwachsenen Blut– und Immunsystems fand ausreichend Behandlung. Wie medizinische Veranstaltungen in aller Regel gestaltet sind, waren auch die diesbezüglichen Seminare durch viele beispielhaft besprochene Studien belegt. Da wurde von Signifikanzlevels und Odds Ratios protektiver Faktoren gesprochen, wurde über Number to treats und Qualitätskorrigierte Lebensjahre diskutiert und über ROCs und RCTs, HRCTs und HRSs referiert.
Tumore töten schnell
»Die Fünf-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit eines komplett resezierten hochgradig-malignen Glioms beträgt 50%. Die Fünf-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit eines partiell resezierten hochgradig-malignen Glioms beträgt 18%. Die Fünf-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit eines nicht resezierten hochgradig-malignen Glioms beträgt 0%.«
Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Kind ein Ewing-Sarkom (ein Knochentumor) ein, zwei, drei, vier, fünf Jahre lang überlebt, beträgt 70, 60, 45 resp. 25 Prozent. Die Regression der Sterblichkeit anderer Tumore verläuft ähnlich, wenn auch nicht immer so drastisch. Es heißt: Wer fünf Jahre lang nicht neu erkrankt, gilt als geheilt. Es heißt aber auch: Wer so lange durchgehalten hat, wird früher oder später doch an seinem alten oder einem neuen Tumor oder den Nebenwirkungen der Therapie versterben. Wir denken über Therapierisiken nach und konstatieren kurz, daß jeder vierte Patient, der fremdes Knochenmark erhält, genau daran stirbt. Wir schauen uns Fotos krebskranker Kinder an und wissen insgeheim, daß sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot sind.
Krebs ist für mich nichts Neues. Weder kognitiv noch emotional. Ich habe im Zivildienst krebskranke Menschen betreut, für die es keine Therapie mehr gab, habe sterbende Menschen in den Tod begleitet und war manchmal auch die letzte Person, die an ihrem Leben Anteil nahm – und sei es nur, weil ich ihre Hand streichelte und dabei ihren Puls langsam ausstreichen fühlte. Ich wusste was Krebs war. Im Studium lernte ich viel hinzu und vergaß wenig. Doch, für das was ich für Faktenwissen über Wesen, Erkennung und Behandlung diverser bösartiger Erkrankungen lernte, vergaß ich, welche psychischen und sozialen Folgen dies nach sich zog.
»Zehn Jahre Lebenserwartung – das ist doch gar nicht wenig!«: so glaubte ich zeitweise. Zehn Jahre, das klingt nach einer langen Zeit. Bemessen an meinen letzten zehn Lebensjahren ist das ganz schön viel. Bemessen an ihren letzten zehn Lebensjahren ist das allerdings ganz schön wenig. »Sie haben noch zehn Jahre zu leben.« – das klingt schon ganz anders.
Menschen sterben
Die große Frage bleibt, wie schleichend diese emotionale Abstumpfung voran gehen muss, um so lange unbemerkt zu bleiben. Als tagein tagaus die Menschen um mich herum verstarben, zog ich mich unbemerkt soweit seelisch zurück, daß Beziehung, Freizeit und Leben schwer darunter litten. Beteiligte ich mich tagsüber noch emotional an den Schicksalen der Patienten, war ich nach Feierabend wie ausgewechselt. Heute brauche ich das nicht mehr fürchten, heute gehen mir Patientenschicksale im Allgemeinen kaum mehr nahe. Manchmal bin ich auch zynisch, oftmals aber auch einfach nur kühl. Das hilft, einen klaren Kopf zu bewahren, aber für mehr auch nicht. Denn was ist schon an einem klaren Kopf, der das unsägliche Leid einer Mutter nicht erwidern kann, deren Sohn wohl nie die siebte Klasse erreichen wird, weil er bis dahin mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut einen Hirntumor bekommen wird, der ihn dieses Mal rasch erst ins Koma treiben, dann seinen Körper bald ganz erschöpfen und letztlich töten wird?
Wenn ein Kind schreit, weil es sich fürchterlich verbrüht hat, weil sein Hüftkopf zusehends abstirbt oder es einen Magenverschluss erlitten hat, dann kann ich mitfühlen. Dann kann ich empathisch sein, kann die nötigen Worte der Beruhigung sprechen und eine schonende und schnelle Untersuchung und Behandlung durchführen. Aber wenn einmal eine ungleich dramatischere und abstraktere Diagnose gestellt wird, fällt mir das wesentlich schwerer. Dann bin ich wieder kühl und herzlos. Wie in alten Zeiten, nach Feierabend.