Genus und Sexus

04. Juni 2013

Was ist davon zu hal­ten, daß der erweit­erte Senat der Uni­ver­sität Leipzig kür­zlich den Vorschlag seines Mit­gliedes Prof. Dr. Josef Käs vom Insti­tut für Exper­i­men­tal­physik I annahm, man möge in amtlichen Blät­tern und anderen offiziellen Pub­lika­tio­nen kün­ftig das gener­ische Fem­i­ninum ver­wen­den? Das Rek­torat stimmte nun dem Beschluss zu und wartet auf mögliche Ein­wände des Wis­senschaftsmin­is­teri­ums. Dies ist die let­zte Hürde, ehe die dergestalt nov­el­lierte Grun­dord­nung in Kraft treten kann. Spiegel Online berichtet über die Sache.

Die Antwort ist denkbar ein­fach – doch um ihr auf den Kern zu kom­men, soll in den fol­gen­den Zeilen aus­nahm­sweise das gener­ische Fem­i­ninum geübt wer­den, sozusagen eine Antwort ex praxi: Der Senat der Uni­ver­sität Leipzig hätte sein einziges Mit­glied aus der Lin­guis­tik, Dr. Mar­tina Emsel, anhören sollen, das den Sinn oder Unsinn des gener­ischen Fem­i­ninums ver­mut­lich hätte dif­feren­zierter darstellen kön­nen als seine Kol­legin­nen aus den übri­gen Wis­senschaften, vielle­icht sogar Kri­tik geübt. Denn das gener­ische Fem­i­ninum stellt zumin­d­est aus einer his­torischen Per­spek­tive einen faden Trep­pen­witz der Gram­matik dar.

Eines sei vor­weg gesagt: Unter Lin­guistin­nen, Psy­cholin­guistin­nen, Kog­ni­tion­spsy­chologin­nen und natür­lich auch Fem­i­nistin­nen und Gender-Wissenschaftlerinnen ist das gener­ische Maskulinum höchst umstrit­ten. Bisher kon­nten die Kon­tra­hentin­nen keine prak­tik­able Lösung anbi­eten, die über die Frak­tio­nen hin­weg angenom­men wurde. Während die einen die Benutzerin­nen einer Sprache (in diesem Beispiel der deutschen) befra­gen und so ver­suchen, deduk­tiv von der Praxis auf die The­o­rie zu gelan­gen, haben andere lin­guis­tis­che Meth­o­den im Blick, oder for­mulieren von einer ethis­chen Grund­lage aus eine Forderung für The­o­rie und Praxis.

Ohne im fol­gen­den einen dieser Ansätze zu favorisieren, lässt sich zweifels­frei zunächst nur die Beobach­tung fes­thal­ten, daß das lin­guis­tis­che Ver­ständ­nis der Dis­putan­tinnen oft­mals nur unzure­ichend ist. Der Kern des Prob­lems ist darin festzuset­zen, daß meist kein Unter­schied zwis­chen Genus und Sexus gemacht oder, viel häu­figer, gle­ich ganz verkannt wird. Während der Sexus das biol­o­gis­che Geschlecht beze­ich­net (und in der heuti­gen Gesellschaft wohl auch protest­los das soziale Geschlecht repräsen­tiert), übern­immt das Genus die eigentliche gram­matikalis­che Funk­tion der Sub­stan­tivk­las­si­fizierung, die let­ztlich für die Kon­gruenz im Zuge der Dek­li­na­tion und in manchen Sprachen auch der Kon­ju­ga­tion notwendig ist. Genus und Sexus sind dem­nach voneinan­der voll­ständig getren­nte Dinge. Wäre die deutsche Sprache ohne Genus, würde der Satz: “Das Bein des Tis­ches, das aufwendig orna­men­tiert ist, trägt ihn müh­e­los” in der Form “Der/die/das Bein des/der Tisch/Tisches, der/die/das aufwendig orna­men­tiert ist, trägt ihn/sie/es müh­e­los” nicht mehr ein­deutig ver­ständlich sein.

Dabei ist das deutsche Tri­umvi­rat Tri­um­mulierat aus Maskulinum – Fem­i­ninum – Neu­trum weltweit nicht ein­mal das vor­wiegende Genussys­tem. Die meis­ten Sprachen ken­nen kein Genus; andere, wie etwa das Schwedis­che, unter­schei­den zwis­chen Neu­trum und Utrum (“irgen­deines Geschlechts”), oder verzichten ganz auf das Neu­trum. Kom­pliziert wird die Angele­gen­heit erst in den Bantu– und eini­gen sino-tibetischen Sprachen, die keine Gen­era, stattdessen aber Nom­i­nalk­lassen ken­nen, die in manchen Sprachen mehr als zehn Qual­itäten aufweisen. “Natür­lich” vs. “hergestellt”, “belebt” vs. “unbelebt”, aber häu­fig eben auch “männlich” vs. “weib­lich” (dann meist mit explizitem Bezug zum Sexus) uvm. kön­nen unter­schieden werden.

Dahinge­gen mag die deutsche Sprache über­schaubar erscheinen, demon­stri­ert aber, wie willkür­lich die Genuszuweisung geschieht: die Frau, aber das Mäd­chen; der Hund, aber die Katze und das Schwein; der Ses­sel, aber das Sofa; der Baum, aber die Eiche und der Ahorn usw. usf. Dimi­nu­itive und andere gener­ische Neu­tra – das Mäd­chen, das Mit­glied, das Kind usw. – verkom­plizieren die Angele­gen­heit. Jeden­falls, wenn man Genus und Sexus durcheinan­der wirft.

Das sollte man aber, wie gese­hen, nicht tun. Genus und Sexus sind zwei völ­lig voneinan­der getren­nte Dinge, die die Her­rin­nen Sen­atsmit­glieder zu Leipzig nicht beachtet haben. Das gener­ische Maskulinum nimmt schließlich eine rein gram­matikalis­che Funk­tion für all jene Fälle ein, wenn der Sexus der beteiligten Per­so­nen uner­he­blich ist1. Jeglicher Ein­wand gegen das gener­ische Maskulinum, es ver­schweige die weib­liche Kom­po­nente einer auf diese Weise ref­eren­zierten Per­so­n­en­gruppe, muss dem­nach als Unver­ständ­nis des Unter­schiedes zwis­chen Genus und Sexus aufge­fasst wer­den. Die Befür­wor­tung eines gener­ischen Fem­i­ninums oder Neu­trums ist demzu­folge entweder unberechtigt oder arbi­trär und in diesem Falle grundlos.

Damit bleibt nur übrig, das Urteil über das gener­ische Fem­i­ninum mit jenem ele­gan­ten Zitat der Lin­guistin (und hier hört der Feld­ver­such “gener­isches Fem­i­ninum” auf) Elis­a­beth Leiss zu fällen:

Über­all dort, wo die Gram­matik­the­o­rie abgeschnit­ten von den Erfol­gen der Sprachthe­o­rie des Mit­te­lal­ters ‘auf eigene Faust’ spekuliert hat, lässt sich nur ein Rück­fall in naive Vorstel­lun­gen von Gram­matik kon­sta­tieren: Gram­ma­tis­che Kat­e­gorien, die man nicht (mehr) ver­steht, wur­den als Luxus ein­ge­ord­net, den man nicht brauche (Pas­siv), das Genus der Sub­stan­tive wurde sex­u­al­isiert, obwohl Genus mit Sexus nichts zu tun hat. Je mehr die Unwis­senheit über Sprache in der frühen Neuzeit wieder zunahm, desto drastis­cher wur­den die Forderun­gen nach Ein­grif­fen in die Sprache. Das unvol­lkommene Wis­sen von Sprache wird als Unvol­lkom­men­heit der Sprache selbst gedeutet.“2

  1. Wikipedia hat eine hüb­sche Auf­stel­lung der Anwen­dungs­ge­bi­ete des gener­ischen Maskulinums.
  2. aus: Elis­a­beth Leiss: Sprach­philoso­phie. Berlin 2009. S. 70f

Keine Kommentare

Die Tyrannei der sozialen Medien

25. März 2013

Social Media: Die Gesamtheit der Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel, die aus­ge­hend von der immer effizien­teren und weiter zen­tral­isierten Selek­tion und Aggre­ga­tion von Inhal­ten den Akt des Teilens über den Inhalt stellen. Mit der derzeit voran­schre­i­t­en­den Fokussierung auf die Ausweitung des Net­zw­erkcharak­ters dieser Medien geht die Bil­dung eines Ereignishor­i­zontes um die darin eingeschlossene Sphäre des jew­eili­gen sozialen Medi­ums ein­her. Eine Blase, die den Tran­sit neuer und alter Inhalte von der Quelle zum Net­zw­erk und vom Net­zw­erk zur Quelle zuse­hends ein­schränkt und in ihrer Vol­lkom­men­heit eine Zirku­la­tion der eingeschlosse­nen Inhalte vorantreibt. In einer ide­alen Lösung hiel­ten sich die Bilanz der zu– und abge­führten Inhalte sowie die ständige Reor­gan­i­sa­tion des darauf gedei­hen­den sozialen Gefüges die Waage. Tat­säch­lich erre­ichten diese sozialen Medien jedoch bisher in jedem Falle den Punkt, an dem de novo gener­ierte Inhalte nur noch eingeschränkt zwis­chen Innen und Außen wan­dern kön­nen. Die Folge ist eine Schnatter-Gesellschaft, die nicht anders als auf schlechten Ausstel­lungseröff­nun­gen den Zeit und Ort ihres Zusam­men­tr­e­f­fens über den Anlass ihrer Exis­tenz erhebt.

Ein solcher Zugewinn an intrin­sis­cher Ord­nung führt jedoch inter­es­san­ter­weise zur Desta­bil­isierung des sozialen Gefüges, das unter der voran­schre­i­t­en­den Verk­nap­pung der Inhalte schließlich einen kri­tis­chen Punkt erre­icht, von dem an der Auf­bruch des sozialen Net­zw­erkes unaufhalt­bar seinen Lauf nimmt. Die Suche nach neuen Inhal­ten findet auf diesem Wege jedoch erstaunlicher­weise wieder zu neuen, ander­sar­ti­gen sozialen Net­zw­erken, die bisher stets dem­sel­ben Schick­sal unter­la­gen. Diese Ein­sicht ist gewiss ein alter Hut.

Ein­mal in dieser Knap­pheit for­muliert stellt sie jedoch die drän­gende Frage, ob dieses regel­hafte Geschehen in der Natur der sozialen Medien liegt, oder aber auch in gesellschaftliche Struk­turen außer­halb des Inter­nets beobachtet wer­den kann. Ist diese Beobach­tung Teil einer län­geren Entwick­lung? Beispiel­haft: Waren Vernissagen der 50er Jahre auch schon so inhalt­sleer wie heute?

Ein Kommentar

Notizen

17. März 2013

Ich kann nur jedem Musik– und all­ge­mein Kul­turbe­flis­senem den dringlichen Rat geben, sich mit den musikalis­chen und kün­st­lerischen Ereignis­sen im West­ber­lin der 70er und frühen 80er Jahre auseinan­derzuset­zen. Die let­zte Woche war für mich, durch einige glück­liche Umstände bed­ingt, durch das Ein­tauchen und Ken­nen­ler­nen dieser kurzen, aber ereignis­re­ichen Jahre geprägt.
Am Son­ntag besuchte ich mit Teresa die Kippenberger-Schau im Ham­burger Bahn­hof. Keine Über­raschun­gen, in der beachtlichen Fülle der aus­gestell­ten Arbeiten jedoch einige erhel­lende Momente über Kippy und seine Kumpa­nen. Am Mittwoch spazierte ich mit Jas­min vier kalte, doch sehr char­mante Stun­den durch Schöneberg. Gestern wid­mete sich Metrop­o­lis für einige Minuten dem musikalis­chen Miljö jener Tage. Heute stolperte ich über Inter­views mit Blixa Bargeld und über­haupt war alles von den Berliner Disko­gra­phien David Bowies und Nick Caves & The Bad Seeds’ begleitet.

Abso­lut empfehlenswert.

Keine Kommentare

Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ Jauch keinem anderen zu.

04. Februar 2013

Der Trep­pen­witz zur gestri­gen Karnevalssitzung in Jauchs heit­erer Faschingsrunde geht so: Ein Geistlicher, ein katholis­cher Jour­nal­ist und das übliche weltliche Talk­show­per­sonal – das sind: eine Poli­tik­erin, eine Autorin und ein Wis­senschaftler (oder, wie hier, in Erman­gelung des­sel­ben ein Arzt) – sitzen beisam­men und klö­nen über Gott und die Welt. Oder über die Welt und wo Gott und Geistlichkeit darin einen Platz findet, das weiß hier keiner so genau. Nach­dem Kar­di­nal Meis­ner zu Kölle sich zwar im jüng­sten Abtrei­bungsskan­dal entschuldigte, aber doch der alten Kirchen­poli­tik treu blieb, kom­men­tierten die gelade­nen Büt­tenred­ner mit viel Schalk und Häme, aber ohne Biss und Scharf­sinn, das Rät­sel zu ihren Füßen. Dazwis­chen: ein salomonisch mod­erieren­der Jauch, dem nur lei­der die Weisheit abhan­den gekom­men war. Der­weil, Seine Emi­nenz blieb dem Karneval fern. Kein Legat wurde gesichtet, kein Diakon, kein Bischof, nicht ein­mal ein Landp­faffe ließ sich auftreiben. Und so wur­den in Abwe­sen­heit der Fed­er­führen­den her­rliche Büt­ten vor­ge­tra­gen, es wurde viel gereimt und viel gelacht und am näch­sten Tag kehrte wieder der All­tag ein.

Nun mögen zwar in Köln andere Ver­hält­nisse herrschen, doch in dem Berlin, in das die Büt­tenred­ner nach Ende der Sendung wieder entschwinden, hat man es weder mit dem Karneval, noch mit dem Fas­ten. “Carne vale – Fleisch, lebe wohl!”, auch so hätte das Thema lauten kön­nen und auch das hät­ten die Berliner nicht ver­standen, denn auch die Kirche, diesen alten Hokus­pokus, kennt man hier kaum.

Carne levare – Fleisch wegnehmen

Und so hat auch nie­mand im Saal erkannt, daß es hier nicht um phar­makol­o­gis­che Lösun­gen zur kirch­lich gebil­ligten Empfäng­nis– und Schwanger­schaftsver­hü­tung, son­dern ins­ge­heim wieder ein­mal um das Fleisch, den Kör­per in der katholis­chen Kirche und in der Real­ität des 21. Jahrhun­derts ging.

Die Stel­lung­nahme Meis­ners über­raschte nie­man­den. Die Hal­tung der katholis­chen Kirche zur Schwanger­schaft, ihrer Ver­hü­tung und ihrem Abbruch, sind wohlbekannt. Sie sind das Ergeb­nis einer über die Jahrhun­derte gewach­se­nen und gefes­tigten Kirchen­poli­tik, die die Regle­men­tierung des Kör­pers als zen­trale Maß­nahme zu ihrem Fortbe­stand erkennt.

Eine Kirche, die den Cor­pus Christi zum Sakra­ment erhebt, duldet keine weltliche Konkur­renz. Eine Kirche, die der unbe­fleck­ten Empfäng­nis Mariens einen beträchtlichen Stel­len­wert ein­räumt, hat keinen Platz für den Kör­per der Ursünde. Wo der Heilige Geist wirken soll, muss der Kör­per geläutert wer­den: die Sakra­mente der Taufe, der Fir­mung, der Kranken­sal­bung und der Weihe reini­gen den Geist des Gläu­bi­gen durch Rit­uale, die die Klärung des Kör­pers vornehmen. Der auf diese Weise gere­inigte Geist geht ein in einen neuen Kör­per, den kollek­tiven Leib Christi. Bere­its die alten Kirchen­väter beze­ich­neten ihre Gemeinde als Kör­per Christi, die sich mehr als ein Jahrtausend später in einer päp­stlichen Bulle nun auch so legit­imiert: cor­pus mys­ticum reprae­sen­tat. Das ist: der Leib­haftige, der men­schge­wor­dene Sohn Gottes: “Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns“1. Er tritt auf als biographis­cher Kör­per der Bibel, als mys­tis­cher Kör­per der Eucharistie und als kollek­tiver Kör­per der Kirche. Schrift, Praxis, Poli­tik: der Cor­pus Christi wirkt als gemein­de­bilden­des Ele­ment, dessen Heiligkeit unange­tastet bleiben muss, wenn der Fortbe­stand der Kirche gesichert bleiben muss.

Die Regle­men­tierung des Körpers

Der leib­liche, der weltliche Kör­per des Einzel­nen steht da nur im Wege und wird daher vielfältig regle­men­tiert. Einige Beispiele: die Ehe, vor– und außere­he­licher Verkehr, die Homo­sex­u­al­ität, das Zöli­bat und die extremeren For­men der Inzucht und der Sodomie. Weit­er­hin auch das Gebot des geschenk­ten Kör­pers in der Frage zu Tätowierun­gen, Pierc­ing und anderem Kör­per­schmuck, sowie natür­lich, und das war schließlich der Anlass des Karnevals unter Büt­ten­meis­ter Jauch, die Empfäng­nis– und Schwanger­schaftsver­hü­tung. Solange man den fleis­chlichen Kör­per nicht abschaf­fen kann, hält man ihn lieber in geregel­ten Bahnen.

Nun bin ich zwar Christ, aber gewiss kein The­ologe2. Ein Laie bin ich und so stellt sich die Sache vor meinem engen Hor­i­zont dar. Aus dieser Erken­nt­nis zur Regle­men­tierung des Kör­pers, möge sie richtig oder falsch sein, muss die Frage wach­sen, was die katholis­che Kirche in den vie­len Jahrhun­derten ihres Beste­hens unter­nom­men hat, um dieses Kör­per­bild und die damit ver­bun­de­nen Ver– und Gebote den gesellschaftlichen Entwick­lun­gen anzu­passen. Die Antwort ist karg: nicht viel. Was noch mehr ernüchtert: Keiner der gelade­nen Gäste der gestri­gen Talkrunde hat sie gestellt.

Und so kommt man zu dem knap­pen, aber kalten Urteil, zu dem jede Sendungskri­tik kom­men muss: Die Debatte um die Ver­weigerung der Pille danach durch eine katholis­che Klinik irrte an den Ver­ant­wortlichen vor­bei und um offen­sichtliche Moralvorstel­lun­gen herum, ohne den Fin­ger auf die Wunde zu legen und die Rolle der katholis­chen Kirche als Moralin­stanz für eine het­ero­gen geprägte Gesellschaft infrage zu stellen, in deren weltliche Belange wie etwa der kör­per­lichen Selb­st­bes­tim­mung sie sich unle­git­imiert ein­mis­cht. Die Kirche über­schre­itet an dieser und an vie­len anderen Stellen den Rubikon der zeit­genöss­sis­chen Gesellschaft und behauptet eine Deu­tung­shoheit, die ihr nicht nur ver­fas­sungs­gemäß, son­dern auch in der gelebten Real­ität nicht zusteht. Daß Jauch erneut sein Unver­mö­gen als Mod­er­a­tor beweist und erneut seine Hände in pilatis­cher Unschuld wäscht, ist kaum einer Erwäh­nung wert, daß jedoch sowohl die gelade­nen Gäste, als auch die ARD diese gelebte Real­ität nicht erken­nen oder zumin­d­est nicht offen vertreten, stimmt traurig.

Auf der anderen Seite steht die Gefahr, die Kirche als Insti­tu­tion völ­lig zu denun­zieren. Die Stand­punkte der katholis­chen Kirche mögen ver­al­tet sein, das heißt aber nicht, daß auch die Insti­tu­tion der Kirche es ist. Um an dieser Stelle zu schließen, möchte ich die weisen Worte des Jesuit­enp­far­rers und The­olo­giepro­fes­sors Fried­helm Men­nekes frei zitieren: “Die Kirche soll keine Antworten liefern, sie muss Fra­gen stellen.” Dieser Wun­sch blieb gestern jedoch unerfüllt.

  1. Joh 1:4
  2. Kür­zlich füllte ich auf Anraten und Drän­gen von Leila ein OkCupid!-Profil aus, wofür auch die Gretchen­frage gestellt wurde. Ich war glück­lich die Option “Chris­t­ian, but laugh­ing about it” auswählen zu kön­nen. Der Account wurde mit­tler­weile auch wieder gelöscht, nach­dem sich die ganze Angele­gen­heit wie erwartet als unnütz erwies.

Keine Kommentare

Freiwillige Selbstkontrolle

03. Februar 2013

Wer schreibt, trägt eine gewichtige Ver­ant­wor­tung gegenüber seinen Lesern. Sei es im Bericht, in der Reportage oder auch nur der Glosse: wo Infor­ma­tio­nen sind, muss Ver­trauen herrschen. Aufrichtigkeit, Moral, Sorgfalt. Das sind die Tugen­den des Schreiben­den. Er steht mit seinem Namen für die Wahrheit, die er ver­tritt, und wenn er sich der Unacht­samkeit, der Schlu­drigkeit oder der Augen­wis­cherei schuldig macht, ist er nichts wert. Dieses jour­nal­is­tis­che Glaubens­beken­nt­nis, das auf den stein­er­nen Tafeln des Pressekodex eingeschrieben steht, gilt jedoch nicht nur für die klas­sis­chen Presse­or­gane. Auch Blogs, die nicht nur Tage­bücher sein, die informieren und berichten wollen, und mit ihnen ihre Autoren, die oft­mals auto­di­dak­tisch das Schreiben erlern­ten, müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.

Der gegen­wär­tige Zus­tand ist jedoch mehrheitlich ein anderer. Der Blog­ger tritt oft­mals als Pri­va­t­ex­perte auf, dem zwar Wis­sen, Erfahrung und Infor­ma­tio­nen fehlen, der aber dank der Umverteilung der pub­lizis­tis­chen Güter nun den alten Medien gle­ich­berechtigt mit­disku­tieren kann. Der Gewinn aus dieser pla­tonis­chen Debat­tenkul­tur ist die Pro­fil­ierung als Mei­n­ungs­bürger mit Per­sön­lichkeit. Die Leser­schaft weiß dies zu schätzen. Der Gewinn liegt aber keineswegs in der Akade­meia, die müh­sam aus der Vielfalt der Stim­men die Erken­nt­nis des­til­liert. Denn es herrscht ein oft gele­sener leg­erer Stil, der das Mei­n­ungs­bild anstelle der Mei­n­ungs­bil­dung setzt. In diesem Riss gedeiht der unscharfe Blick auf die Dinge, dessen Frucht das unklare und das falsche Urteil ist.

Dem kann nur dieselbe jour­nal­is­tis­che Wer­tar­beit ent­ge­gensetzt wer­den, die auch von den älteren Medien bekannt ist: Eine solide Recherche, eine sorgfältige Analyse und ein vor­sichtiges Urteil helfen gegen die unsägliche Marotte des unreifen Urteils. 

Diese Kri­tik ist auch eine Selb­stkri­tik. Seit­dem ich blogge, lege ich diesen Maßstab auch an mich an, mal mit schlechterem, mal mit besserem Urteil. Ich sah in dieser ständi­gen Selb­stkon­trolle stets einen Garan­ten für die eigene Pro­fes­sion­al­isierung, gelange nun jedoch zu der Ein­sicht, daß eine solche ser­iöse Hal­tung zuse­hends die Schreibkul­tur verun­möglicht, die den Blogs ihre Beschwingth­eit und Spon­taneität ver­leiht. Die Folge: Viele Artikel scheit­ern an Zweifel und Selb­sturteil, vieles bleibt unbeschrieben, manches gelingt nur unter größter Anstren­gung. Man schreibt weniger, aber man liest mehr. Die aktive Auseinan­der­set­zung mit der Sache wird stetig verkürzt und das eigene Urteil trübt darüber ein.

Die Fra­gen sind drän­gen­der als die Antworten und der Zweifel treibt das Suchen, das Forschen an. Je mehr man sich der Wis­senslücken bewusst wird, desto mehr schweigt man. So war schon immer der Lauf der Dinge: Die Dum­men schreien am lautesten, die hellen Momente wer­den rar.

Keine Kommentare

Delir

21. Januar 2013

Wozu das alles?

Zunächst muß natür­lich die Frage gek­lärt sein, was über­haupt noch geschrieben wer­den kann. Adolf Loos habe sich vor nichts “im Leben so gefürchtet, wie vor dem Pro­duzieren neuer For­men” und unsere­ins muss sehen, was nicht im Gemurmel der Massen untergeht. Sinn des­til­liert sich freilich nicht aus der Res­o­nanz der vie­len Stim­men, allein das ist die kon­ser­v­a­tive Vorstel­lung aus einer anderen pub­lizis­tis­chen Ära. In 140 Zeichen kann alles gesagt sein. Vielle­icht auch nur alles, was es wert ist, auf 140 Zeichen verkürzt zu wer­den. Ein kohärent gedachtes Schrift­stück, das sich über solche Gren­zen hinwegsetzt

“Alles, was man in der ersten Hitze bei großer Exal­ta­tion macht, muß man nach­her zer­stören.” Wußte Rodin und hatte doch keine Antwort auf die Frage, ob man lieber ganz davon abse­hen sollte, mit dem Geist der Muse inspiri­ert zu arbeiten, wenn man denn nicht anders kann. Denn an Ideen man­gelt es nicht, einzig die Durch­führung erweist sich als beschw­er­lich, aber auch das ist ja freilich nichts neues. So geschieht es also, daß a

Jede Geschichte kann grund­sät­zlich aus mehreren Per­spek­tiven erzählt wer­den. Es gibt min­destens so viele Per­spek­tiven wie Erzäh­ler. Zumeist ist nur eine, sel­ten sind mehr als zwei Per­spek­tiven bekannt. Keine der Per­spek­tiven ist e

Keine Kommentare

Die Banalität des Körpers

17. Dezember 2012

Eigentlich hatte ich bere­its alle Illu­sio­nen abgelegt, ehe ich das Studium der Medi­zin auf­nahm. Das Heilen, der glück­liche Patient, das inten­sive Gespräch. Luftschlösser wie diese, gebaut in der Gestalt der Schwarzwald­klinik, gin­gen bere­its in Rauch auf, als ich im Zivil­dienst auf Ärzte traf, deren abgenutztes Ner­venkostüm nichts von der Strahlkraft eines Pro­fes­sor Brinkmann erken­nen ließ. Die Pal­lia­tivmedi­zin stumpfte mich in jeder Hin­sicht ab und ließ mich – so viel Gutes kann gewiss behauptet wer­den – geläutert und gere­inigt zurück. Ich blickte wacker und fro­hen Mutes auf das vor mir liegende Studium. Ich wusste ja, was kom­men würde, ich wusste, daß dies keine Wald-und-Wiesen-Medizin, son­dern der harte All­tag mit Krankheit, Leid und Tod wer­den würde.

Dieser Entschluß ist nun fünf Jahre alt. Im End­spurt um die Appro­ba­tion, um die staatlich exam­inierte und vom Amts wegen befun­dene Befähi­gung zur Ausübung der höchst ver­ant­wortlichen ärztlichen Tätigkeit wach­sen die Zweifel, ob es das alles wert war. Mor­gen trete ich meinen let­zten Tag auf einer Sta­tion für Lun­gen­heilkunde an, das heißt für’s Erste: ein let­ztes Mal die immer gle­ichen Patien­ten vis­i­tieren, ein let­ztes Mal “Nein, mit der Luft ist es immer noch nicht viel besser” hören, ein let­ztes Mal “Na dann erhöhen wir mal das Spiriva, damit sie besser dur­chat­men kön­nen” daher sagen, ein let­ztes Mal die Hoff­nung auf eine baldige Ent­las­sung zer­stören um dann nach einem eigentlich kurzen Arbeit­stag matt und erschöpft in der heimis­chen Couch zu versinken. Einen hand­festen Grund für diese Anstren­gung kann ich jedoch nicht ausmachen.

Der­weil wächst eine Erken­nt­nis heran: Innere Medi­zin ist wohl nichts für mich. Das ewige Siech­tum laugt mich aus. Krankheit, über­all nur Krankheit, vielle­icht ein wenig Lin­derung, aber gewiss keine Heilung. Manch­mal stirbt auch einer, das sage ich so lap­i­dar wie es sich anfühlt. Es ist eine Medi­zin der Alten, der Mul­ti­mor­biden, der Durch– und Aus­ther­a­pierten, die ihre let­zte Hoff­nung fest auf die Wun­der der mod­er­nen Medi­zin richten. Allein, an die glaubt hier keiner mehr. Denn so viel ist aus­gemacht: Der Men­sch liegt matt darnieder, siecht bis an sein Lebensende und dann ist es mit einem Mal aus. Auch das kann ich so stumpf sagen wie es ist.

Denn der eigentliche Kern der Erken­nt­nis ist auch der eigentliche Kern der Sorge: Der Nieder­gang bricht herein wie der Schim­mel durch das feuchte Holz, er legt sich faul und mod­rig über das alte Fleisch. Die Umstände: meist ger­ing. Abnutzung und Ver­schleiß, sel­ten ein greif­bares Ereig­nis. Die Banal­ität des Kör­pers bed­ingt seinen langsamen Zer­fall. So wie eine Klinge stumpf wird, wird auch der Kör­per unter seinen Las­ten müde. Bis er am Ende bricht – das sehe ich hier immer wieder, dann geht alles ganz schnell. Noch vor weniger als einer Woche unter­hielt ich mich müh­e­los mit einem Patien­ten, der vom Krebs gän­zlich zer­fressen war. Dann fiel plöt­zlich die Gerin­nung ins Boden­lose: Schla­gan­fall. Heute wurde er, abgeschossen unter max­i­maler Schmerzmedika­tion, in ein Einzelz­im­mer ver­legt, dem Ster­ben über­lassen. Mor­gen werde ich wohl den Toten­schein in die Akte abheften.

Wenn ich Patien­ten aufnehme – Siebzig-, Achtzigjährige mit lan­gen Diag­nosen– und Medika­menten­lis­ten, kom­pliziertesten Ver­läufen und ful­mi­nan­testen Kreb­serkrankun­gen –, dann kommt im Gespräch immer wieder ein Gedanke auf: Wie mag er wohl vor dreißig Jahren aus­ge­se­hen haben? Welche unschuldigen Träume ver­fol­gte sie in schüchter­nen Teenie-Jahren? Wie viele Freuden, wie viele Sor­gen hat er wohl als junger Vater, hat sie als junge Mut­ter gefühlt? Wie kurz mag das Leben an ihnen vor­beige­gan­gen sein, ehe sie sich in ihrem mür­ben, mar­o­den Kör­per, immer einen Trep­pen­ab­satz zwis­chen sich und dem Leben da draußen gefan­gen sahen?

Doch eigentlich meint das nur: Wie schnell wird das Leben an mir vor­beirauschen, ehe auch ich ein dauer­hos­pi­tal­isierter Greis sein, faden Tee aus Schn­abeltassen trinken und beruhigt sein werde, daß eine Windel mich vor der öffentlichen Bloßstel­lung bewahrt? Denn eines lernt man in der Medi­zin sehr schnell: Das Leben ist kurz und über­all lauern Gefahren. Mit jeder weit­eren lebensverän­dern­den Erkrankung – und es gibt Tausende dieser Sorte! –, die man studiert, wird man sich der Zer­brech­lichkeit dieses banalen Kör­pers ein wenig mehr bewusst. Mor­gen kann alles anders, mor­gen kann auch alles vor­bei sein.

Adden­dum: Dann doch lieber Radi­olo­gie. Der ana­lytis­che Zugang zur Krankheit ist die Vogel-Strauß-Taktik des Klinikers, ein Ausweg aus der täglichen Kon­fronta­tion mit Leid und Siech­tum. Bilder ächzen nicht.

Keine Kommentare

Mnemosyne

16. Dezember 2012

Laura, Katha­rina, Ben­jamin, Julia, Lena, Cemil, Inga, Manuel, Anna, Johanna, Richard, Anna, Lea, Maria, Mar­lene, Karo­line, Sascha, Julia, Marie, Isabella Robert, Vanessa, Corinna, Teresa, aber auch David, Armin, Philipp, Sven, Daniela, Isa, Aurélie, Dorothea, Mar­tin, Con­stance, Elisa, Insa, Christin – und wie ihr anderen bloß heißen mögt,

ich kann mir eure Namen nicht merken! Eure Gesichter bleiben mir fremd, eure Stim­men unvertraut!

So, wie man die Bäck­ers­frau kennt und wie man den Nach­barn grüßt, so kenne und so grüße ich euch. Ich weiß nicht, wer ihr seid, aber ihr wisst, wer ich bin. Ihr werdet nicht müde, mir darzule­gen, wo wir uns zuletzt nieder­ließen, was wir zuletzt gemein­sam tranken, wann wir zuletzt miteinan­der tanzten. Ich erin­nere mich zumeist an nichts davon. Und so stelle ich mich immer wieder aufs Neue vor.

Keine Kommentare

Im Schweiße deines Angesichts

09. November 2012

Wohin man schaut: alles nur halb­herzig und unfer­tig. Lieb­los dahingeschlonzt fehlt es allem an Qual­ität, an Ern­sthaftigkeit, an Nach­druck und Gänze. Diese Lax­heit möchte man doch durch­brechen: voll fokussiert nicht weniger als hun­dert Prozent geben. Mit Hingabe Leis­tun­gen erbrin­gen, die für sich ste­hen. Etwas schaf­fen, das Bestand hat. “Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen”, so steht es geschrieben, so war es und so wird es immer sein.

Als ich eingeschult wurde, sollte ich die erste Klasse über­sprin­gen. Ich habe wegen der Fre­unde verzichtet. In der achten Klasse das­selbe: Nein, danke. Dann der Schul­wech­sel: Die Anforderun­gen sanken weiter, ich lang­weilte mich Jahr um Jahr und erst das let­zte brachte einen Kurs, an dem ich gern beteiligte – immer­hin, weil ich das Thema Jahre zuvor aus Inter­esse selbst nach­las: die Rel­a­tiv­ität­s­the­o­rie. Für das Abitur lernte ich jedoch keine Minute. Auch im Studium: kaum Her­aus­forderun­gen. So verkommt man im Geiste, ver­lernt, immer weit­ere seine eige­nen Gren­zen auszuloten.

Doch wofür eigentlich? Am Ende bremst doch jeder nur sich selbst aus. Weder die Fre­unde noch die Aus­bil­dung hal­ten einen zurück. Trägheit heißt das Laster; denn immer noch gilt: Ein Getriebener ist am fleißig­sten. Wenn schon kein anderer peitscht, dann muss man es wohl selbst machen. Es braucht neue Her­aus­forderun­gen. Die Pro­mo­tion kön­nte eine solche wer­den. Ich hoffe es. Nach all der Lax­heit will ich endlich etwas Ordentliches schaffen.

Ein Kommentar

Heureka!

09. November 2012

Jetzt weiß ich, woran es liegt – so abge­hoben es klin­gen mag –: Während ich mein Leben lang nur die met­ro­pol­i­tane Real­ität kan­nte (die wiederum in dieser Hin­sicht dem amerikanis­chen Kul­turkreis nahe kommt), hat ein Großteil der­jeni­gen, die mich umgeben, eine andere, eine groß-, kle­in­städtis­che oder gar ländliche Prä­gung. Diese Sit­u­a­tion birgt ein natür­liches Kon­flik­t­po­ten­tial, dessen Auflö­sung in einem ersten Schritt des Bewusst­wer­dens bere­its ange­gan­gen wird.

Gute Nacht!

Keine Kommentare