Quo vadis?

26. März 2016

Noch ehe am Montag das Flugzeug abhebt, plagt mich bereits das Heimweh. Acht Wochen Rundreise durch Japan und Korea, größtenteils allein. Nur die erste Woche reise ich in Begleitung und in der letzten Woche kann ich immerhin einige Freunde und Bekannte treffen. Doch dazwischen: Lost in translation, auf mich allein gestellt, bin ich gezwungen, mich jeden Tag aufs Neue mit einer der für uns exotischsten Kulturen auseinanderzusetzen. Kaum Englisch, so gut wie kein Japanisch und bestimmt kein Deutsch werde ich sprechen können – es wird eine stille Zeit. Es ist nicht das erste Mal, daß ich allein verreise, aber es ist das erste Mal, daß ich so lange in einem so fremden Land bleibe.

Was traumhaft sein kann und mir lange Zeit schien, wird nun zur Sorge. Ob ich nicht vereinsame? Irgendwann einfach nicht mehr vor die Tür trete, stattdessen die Tage im Bett und mit Netflix verbringe und der Abreise entgegen sehne? Wer weiß. Diese Ausflucht erscheint mir derzeit eher beruhigend als betrüblich.
Klar, man kann in allen größeren Städten nicht nur Einheimische, vor allem aber auch andere Reisende kennenlernen. Aber wie oberflächlich mögen solch flüchtige Bekanntschaften sein, wenn übermorgen bereits die nächste Stadt ruft?

Ich hatte mich lange auf diese Reise gefreut: Einmal nach Japan, aber so richtig. Landauf, landab alle Eindrücke aufsaugen. Tempel besuchen, schlemmen, Ruhe genießen. Einen Mitreisenden konnte ich allerdings nicht finden; die Bereitschaft für eine Fernreise war gering. Dabei stand das vergangene Jahr bereits im Zeichen einer zunehmenden Eigenbrötlerei – als ewiger Single merkte ich schnell, wenn alle Anderen Beziehungen vertieften und Karrieren intensivierten. Manch eine Freundschaft wurde da nur noch einseitig gepflegt. Nun, im Jahr darauf, bin ich es also, der zumindest für diesen Zeitraum von zwei Monaten den Abstand sucht.

Aber hatten sich diese Solo-Trips in der Vergangenheit nicht stets als deutlich weniger kathartisch erwiesen, als gedacht? Musste ich nicht den Trek durch isländische Hochland mittendrin verletzt abbrechen und die restliche Zeit verbittert und allein in Reykjavík fristen? Sehnte ich in Seoul nicht bereits nach zwei Tagen ohne ein bekanntes Gesicht, ohne ein Wort Deutsch oder Englisch sinnstiftenden Menschenkontakt zurück?

Hinzu kommt, daß das sicher geglaubte Finanzpolster nach der Heimkehr vielleicht doch noch etwas länger ausreichen muss. Ein wichtiger Auftrag wurde verschoben – eine vorgeschobene Absage? – und so weiß ich noch nicht, welche Situation mich daheim erwarten wird. Keine idealen Bedingungen, um die sich irgendwann zwangsweise einstellende Einsamkeit mit viel Sake und Soju zu ertränken.

Ich ertappte mich bereits bei dem Gedanken, die Reise doch jederzeit abbrechen zu können. Ein kurzfristig gebuchtes Rückflugticket ist immerhin billiger als eine Woche in der Ferne. Aber dann würde ich ja doch nur in die tagträumerische Tristesse heimkehren, der ich anfangs entfliehen wollte.

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In einer sternenklaren Nacht

06. Juli 2015

»Schau, der Sternenhimmel! Eine so klare Nacht habe ich noch nie erlebt – alles leuchtet, alles funkelt und glitzert!«

»Ohja, wow! Das sieht man nicht alle Tage.«

»Lass uns ein wenig diesen herrlichen Anblick genießen!«

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinüber auf die Wiese, wo sich der Nachthimmel zwischen den Baumkronen hervorschob. Sprachlos vor Begeisterung ließ sie sich zu Boden sinken und bettete ihren Kopf im kühlen Gras. Er legte sich neben sie und so starrten sie in den Sternenhimmel, der diese warme Sommernacht bedeckte.

Sie zeigte auf eine Gruppe Sterne:

»Schau, den großen Wagen kann man auch sehen!«

»Ja, und da drüben liegt die Andromeda.«

Eifrig suchte sie den Himmel nach weiteren Sternbildern ab.

»Und da ist Orion!«

»Siehst du dieses Grüppchen dort, da weiter oben? Das sind die Plejaden. Die sieben hübschen Töchter des Atlas, in die sich Orion unsterblich verliebt hatte und ihnen selbst dann noch nachstellte, als Zeus sie in Tauben verwandelte, damit sie ihm entfliehen konnten. So versetzte der Göttervater sie schließlich als Sterne an den Nachthimmel, wo Orion ihnen noch immer nachjagt.«

»Sieben Schwestern? Ich sehe nur sechs Sterne.«

»Sieh genau hin, da unten rechts funkelt ein schwaches Licht. Das ist die siebte Schwester, die ihr Gesicht verhüllte. Aus Scham für ihren Mann Sisyphos, der immer wieder den Felsen auf den Berg rollen musste.«

»Und am Himmel trägt sie immer noch ihren Schleier. Man kann sie kaum erkennen.«

»Ja, das liegt aber auch an den vielen Lichtern in der Umgebung, die die Nacht erleuchten. Selbst hier auf dem Land. Da fällt es schwer, alle Sterne zu sehen.«

»Ist das nicht eigenartig? Es gibt so unendlich viele Sterne im Universum und doch reicht ihre gesammelte Leuchtkraft nicht aus, den Nachthimmel zu erhellen. Ich meine, wenn wir und mit uns die Erde und unser Sonnensystem irgendwo quer durchs Weltall rasen, sollte dann nicht aus all seinen Ecken weit gereistes Sternenlicht auf uns niederprasseln und ewiger Tag herrschen? Und doch liegen wir hier zusammen im Gras, starren in den dunklen Abgrund der Nacht und sogar noch dahinter, in die unendliche Weite des Universum, und fühlen uns von einem schwachen Funkeln ganz verzaubert.«

»Nein, es ist alles ganz anders. Die Nacht ist so dunkel, weil das letzte Licht, das noch zu uns dringt, vor vielen Millionen Jahren von Sternen ausgesendet wurde, die jetzt schon längst erloschen sein könnten. Viele dieser Sterne da oben scheinen nicht mehr und die wenigen, die in diesem Moment noch ihr kräftiges Licht ausstrahlen, bewegen sich wie auch das restliche Weltall unaufhörlich von uns fort. Und dann sind nicht nur die Sterne sterblich, auch das Universum hat nur eine begrenzte Lebensdauer. Die Nacht ist also eigentlich nur deshalb so dunkel, weil ein Licht nach dem anderen erlischt und wir ganz allein im Weltall sind.«

Da stand Marie wortlos auf und ging wieder ins Haus.

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Nansen tötet eine Katze

27. Juni 2015

Einst stritten sich die Mönche der Osthalle und die der Westhalle um eine Katze. Nansen hob die Katze hoch und sagte:
»Ihr Möche! Kann Einer von euch ein Wort sagen, so verschone ich die Katze. Wenn Keiner es sagen kann, schlage ich sie entzwei.« Die Mönche antworteten nicht.

Darauf tötete Nansen die Katze.

Als Jôshû am Abend heimkam, erzählte ihm Nansen, was geschehen war. Daraufhin nahm Jôshû seine Sandalen, legte sie auf den Kopf und ging davon.

Nansen schluchzte: »Wärest du hier gewesen, hätte ich die Katze verschonen können.«

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Der Dschihad ist Popkultur

27. Januar 2015

Was macht man, wenn der Alltag keinen Raum für Ausgleich lässt, der aufgezwungene Schlafrhythmus zu mehr Lethargie als Tatkraft führt, wenn die Perspektiven wenig motivieren? Man tagträumt. Ich jedenfalls. Ein solcher, wenig fruchtbarer, aber dafür umso spannenderer Tagtraum geht so:

Man trommelt eine Handvoll Leute zusammen, weiht sie mal mehr, mal weniger ein und dreht einen Film: radikale und gemäßigte Imame, Kleingeister und Stammtischpolitiker und so weiter, einen Moderator, der das alles zusammenhält und natürlich auch Kamera- und Tonleute und so weiter; und lässt sie eine neue Show drehen, eine Show, die nie im Fernsehen, aber dafür vielleicht mal auf einem Kurzfilmfestival oder gar in einer Galerie gezeigt wird – eine Casting-Show für Selbstmordattentäter.

Christian Jankowski hat vor etwas mehr als drei Jahren „Casting Jesus“ gedreht. „The Act of Killing“ hat die Geltungssucht pervertierter Persönlichkeiten meisterlich ausgenutzt. Warum nicht also auch eine Castingshow für Terroristen? Wenn die nüchterne Pointiertheit dieser Beispiele auch nur zu einem kleinem Teil übertragen werden könnte, hätte sich ein solcher Film „Deutschland sucht den Dschihadisten“ bereits gelohnt. Obgleich ich diesen Titel schon jetzt wieder aus mehreren Gründen verwerfen muss.

Im Kern bleibt es aber die gleiche Idee: Eine ernste Veranstaltung, bei der junge Radikalisierte den Zugang zum islamistischen Terror, zu Waffen und Krieg, zu Ruhm und Märtyrertod erhalten, wenn sie sich denn vor einer kritischen Jury beweisen können. Keine Satire, keine überzogener Klamauk, nein, das wäre nur sardonisch und geschmacklos, würde nur die Akteure auf beiden Seiten des Pults auf bloße Rollen reduzieren, nie zu einer scharfen Beobachtung führen, die der ganzen Sache so etwas wie einen Mehrwert verleihen könnte. Nein, eine solche einmalig durchgeführte Casting-Show müsste mit aller Nüchternheit, mit allem Ernst veranstaltet werden, müsste alle Beteiligten mit aristotelischer Sorgsamkeit darstellen und untersuchen, um daraus die knallharte Erkenntnis zu ziehen, die mit einem umso dumpferem Schmerz zuschlägt, nämlich daß sich unüberwindbar scheinende gesellschaftliche Asymmetrien finden lassen, daß es auf der einen Seite gescheiterte Jugendliche, auf der anderen Seite ideologische Rattenfänger gibt, die sie ausbeuten und Jahr um Jahr verheizen, nur um erneut ihren unstillbaren Hunger zu lindern, daß dazu mit einer teuflischen Zweizüngigkeit schillernde Versprechen gemacht werden, und, nicht zuletzt, daß der Dschihad nicht zuletzt dank YouTube, Social Media und einschlägiger Musik ebenso Pop-Kultur ist wie die letzte Ausgabe von Germany’s Next Top Model.

Am Ende gehen aber alle einfach nur nach Hause. Kein Ticket nach Syrien, kein YouTube-Video mit Kalaschnikows und Kuffars, einfach nur zurück in den tristen Alltag, dem all diese Figuren entstammen.

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Ladykiller Johnny went missing

18. Mai 2014

Where is Johnny? A young man was reported as missing a few decades ago and a search party of famous singers and bands keeps tirelessly looking for him. Soul diva Claudja Barry desperately begs „Johnny, Johnny, please come home“ (1978) and thinks to know where he is: „He’s always hanging around the clubs / dancing the night away / sleeping every night with someone else / through the new everyday„. Is Johnny a serial two-timer? As it seems, more a three-, four- or five-timer.

A witness report by Robert Palmer seems to reveal that Johnny kept several girlfriends at the same time. According to Mr Palmer („Johnny & Mary“, 1980), another of his lovers by the name of Mary „made her bed / even when the chance was slim„. She said „she should be used to it“ and „never knows what to think / she says that he still acts like he is being discovered / scared that he’ll be caught„. Mary was not available for a comment, but a well informed source stated that „Johnny’s always running around“ and that he said that „he’ll live anywhere / when he earns time to„.

As the news spread, more and more singers and bands call for Johnny to come home or share their stories about the young man. Fine Young Cannibals‘ lead singer Roland Lee Gift urged the young man „Johnny, we’re sorry won’t you come on home? / use the phone, call your mom / she’s missing you badly, missing her son“ („Johnny come home“, 1985). Even a French lover sang about the naughty young man, who „is not an angel“ („Johnny, tu n’es pas un ange“, 1953): „Johnny, tu n’es pas un ange! / Johnny! Johnny! / Je t’aimerais tout autant„.

Others sympathised with the boy – Eruption’s Jane Jochen was overheard singing: „Go, Johnnie, go / go, Johnnie, go / go, Johnnie, go, go, go“ („Go Johnnie go“, 1980).

But the biggest surprise came just in time, when Johnny finally came forward („Johnny remember me“, 1961): „I hear the voice of my darling / the girl I loved and lost a year ago„. He further admitted: „Yes I’ll always remember / till the day I die / I’ll hear her cry: / ‚Johnny remember me‘„. But as it seems, Johnny didn’t learn anything: „Well some day I guess / I’ll find myself another little girl / to take the place of my true love„.

His whereabouts are still unknown.

Claudja Barry: „Johnny, Johnny, please come home“

Robert Palmer: „Johnny and Mary“

Fine Young Cannibals: „Johnny come home“

Édith Piaf: „Johnny, tu n’es pas un ange“

Eruption: „Go Johnny go“

John Leyton: „Johnny remember me“

#sonntägliche Erkenntnisse über Popkultur

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Haben und Soll

14. März 2014

Wenn die radikale Inventur alle Posten aufgestellt, gezählt, verrechnet und bilanziert hat, wird sie zu dem Ergebnis kommen, daß das akademische Jahr 2013/2014 eine Debakel gewesen ist. Selbst nach der Berücksichtigung der günstigen Faktoren wird das Urteil lauten müssen: Nullnummer, hat sich nicht gelohnt. Dann wird sich die Rechnungsstelle um den Scherbenhaufen kümmern und nach Mitteln und Wegen suchen müssen, wenigstens die finanziellen Nachwirkungen auszubügeln.

Das war freilich alles nicht absehbar, damals, im August 2013. Die Kommilitonen kamen zur Abschlussfeier zusammen, hörten andächtig den Reden der eingeladenen Professoren zu – ein hoffnungsvoller Jahrgang, ja, ganz außerordentlich, schön wenn man sich in Zukunft wiederträfe –, tranken Sekt und erzählten einander, wie es denn nun weiterginge. Unbedingt Pädiatrie, aber vor allem auch zurück in die Heimat. Ein Kind ist ja auch schon unterwegs und das lässt sich ja nicht so gut mit einem Job an der Uniklinik vereinbaren, da geht man doch schon allein der Vernunft wegen lieber in das kleine Kreiskrankenhaus. Ja, ja. So hörte man es immer wieder. Was ich machen wollte? Erstmal promovieren, die Herausforderung wollte ich annehmen.

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Human ressources

08. März 2014

Wenn ich in einigen Jahren an diesen schicksalshaften Moment zurückblicke, werde ich ihn vielleicht mit klarerem Verstand und weiserem Wohlwollen betrachten, doch noch ist nicht die Zeit für solche Reminiszenzen gekommen, noch muss überhaupt erst einmal der Anlass zu solchen Schwelgereien geschaffen werden. Am Ende wird schon irgendwie alles gut werden. Irgendwie.

Häufig genug erkennt man eine Wegscheide erst, wenn man zurückblickt und bemerkt, daß der Weg, der hinter einem liegt, ein anderer ist, als jener, der sich am Horizont abzeichnet. In diesem Falle zeichnet sich jedoch nur wenig ab, rechts und links der Gabelung liegt dieselbe Ungewissheit, und so hält man inne und wägt ab.

Dieses Jahr hätte ganz anders verlaufen sollen, so viel ist jetzt schon klar. Ich hätte mich ganz der Promotion widmen, hätte lange Abende im Institut verbringen, Aufsätze schreiben und Vorträge halten sollen. Ich hätte währenddessen alles andere außen vor gelassen – das Studium, die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei –, hätte mich für ein Jahr lang ganz diesen Studien verschrieben und wäre mit etwas Glück und viel Fleiß aus dieser Feuertaufe als geläuterte, aber auch als gehärtete Person hervorgegangen. Manches davon ist eingetreten, anderes liegt in weiter Ferne: Ich habe zwar mein Studium unterbrochen, allein, der Rest ist nicht eingetreten.

Mein Betreuer verließ die Arbeitsgruppe. Bisher gibt es keinen Ersatz. Und so bin ich zwar weiterhin im Institut angestellt, bin aber arbeits-, da hilflos. Erst zum Herbst kann ich mein Staatsexamen schreiben und danach in mein praktisches Jahr eintreten. Bis dahin herrscht ein Vakuum und wo ein Vakuum droht, so weiß man seit Aristoteles, ist auch der horror vacui nicht weit.

Die Angst vor der Leere treibt mich um und so kehre ich zu den alten Gewohnheiten zurück, die eigentlich ruhen sollten: die Kunst, die Schreiberei, die Arbeit, die Feierei. Alles vertane Zeit. Ergebnis- und folgenlos, nutzlos und vergebens. Eine Lücke im Lebenslauf, ein versäumtes Arbeitsjahr.

So will es jedenfalls der normative Narrativ einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder als human ressource verwaltet, welche sich willfährig einer von Pesonalabteilungen diktierten Organisationsstruktur unterordnet, die nichts anderes zum Zweck hat, als die Variable Mensch als Kosten-Nutzen-Relation einer produktionsorientierten Rechnung zu erfassen und zu ordnen. Vierzig Arbeitsjahre vergehen, bis diese Variable ausgetauscht wird. Zumindest im Idealfall – obgleich die Entscheidung darüber, was denn nun das Ideal sei, von denselben Strukturen getroffen wird, die überhaupt erst diesen normativen Narrativ entworfen haben.

Doch diese Lücke im Lebenslauf gibt mir auch die Möglichkeit, einen Schritt zurückzugehen und darüber zu meditieren, wie ich die nächsten Jahre gestalten möchte. Bis auf den einzig vernünftigen Punkt – die Approbation zu erlangen –, sieht der Großplan nur Unsicherheiten vor. Medizin? Journalismus? Medizinische Forschung? Medizinisch-bildwissenschaftliche Forschung? Oder gar die Kunst von ihrem Zentrum aus, als Künstler zu erobern?1 Hallo Generationen X, Y und Z: Ich bin einer von euch, ich weiß nur noch nicht, von wem genau. Doch nur einer dieser Wege verspricht die Sicherheiten jenes Meta-Narrativs, nach dem ich mich doch insgeheim sehne. Denn so sehr ich die postmodernen Zweifel an solchen Lebensentwürfen in mir trage, so muss ich mir doch eingestehen, daß ich mich eigentlich gegen diese zitternde Unsicherheit sträube.

Ich bin nun 26 Jahre alt und habe das Gefühl, keinen Schritt nach vorn, nichts erreicht zu haben2. Dasselbe Gefühl sagt mir, daß ich längst aus den geordneten Bahnen des Studiums ausgebrochen bin und all das hinter mir gelassen habe, betrügt mich jedoch, wenn ich zurückblicke und sehe, daß ich ja noch nicht einmal einen Abschluss habe, an den ich ansetzen könnte. Das ist nichts anderes als der alte Konflikt, was denn eigentlich Bildung sei.

Ja, die Bildung – d.h. die Bildung einer reifen Persönlichkeit – ist ein Humboldtsches Ideal, das ich nur allzu gern vor mir hertrage. Goethe hat’s schon seinen Wilhelm Meister sagen lassen:

„Daß ich dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“

So wahr! Aber haben wir denn seitdem nichts gelernt? Hat unsere Gesellschaft gar diese Mahnung ausgeschlagen und den normativen Lebensentwurf Ausbildung – Arbeit – Rente noch weiter fetischisiert? Erinnert sich heute niemand mehr an Wilhelms Worte, die er an seinen Freund Werner richtet, der doch genau diesen Fetisch lebt:

„Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht, daß sich nichts mehr dazusetzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich sage, daß man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu denken, geht auf einen unbeschränkten Besitz und auf eine leichte, lustige Art zu genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, daß ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.“

So muss ich erkennen, daß ich doch weder Werner noch Wilhelm sein kann. Daß ich weder auf die Reize des einen noch des anderen Lebensentwurfes verzichten möchte, doch nur eines haben kann, entweder unbeschwert und lustig, oder ich selbst, ganz wie ich da bin, leben kann.

Im Sommer werde ich mich auf das Staatsexamen vorbereiten. Wenn die weite Welt mit ihren Eindrücken und Erfahrungen lockt, werde ich das dreitausendseitige Kompendium verinnerlichen und vielleicht schon wieder vergessen haben, daß sich bald die Entscheidungen aufdrängen werden, die ich vor gar nicht allzu langer Zeit aufgeschoben hatte.

  1. Ha! Wenn es mir doch nur nicht an Selbstvertrauen fehlte! Kühnheit und forsches Verlangen haben selbst den naivsten Bruchpiloten wieder beflügeln können, erneut in die Lüfte zu steigen!
  2. Auch wenn die Anderen das stets anders sehen und es auch mit viel Nachdruck bekunden, sie wären ja sonst nicht die Anderen.

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Das war 2013 in Statusupdates

15. November 2013

Das Jahr neigt sich dem Ende und so liest und sieht man wieder allerorts Jahresrückblicke, die eigentlich nur von dem Hintergrund entstanden sind, weil die Redaktionen ob der Weihnachtsstimmung entweder faul oder klamm geworden sind. Mir geht es da gewiss nicht anders; der eigentliche Grund für diesen abgeschmackten Versuch liegt aber darin, daß What would I say trotz vieler ähnlicher Webseiten eine witzige Sache ist. Man kennt das: Der eigene Twitter-, Myspace-, Lokalisten- oder in diesem Falle Facebookaccount wird automatisch durchsucht, durchgeschüttelt und wieder neu zusammengesetzt, sodaß alle etwas zu lachen haben. Und weil Sara es vorgemacht hat und ich keinen besseren Ort als diesen fand, es ihr gleich zu tun, ist diese schamlose Sammlung verworrener Statusupdates ein Jahresrückblick geworden. Frohe Weihnachten!

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Jasmin

28. September 2013

Zunächst die Vereinigten Arabischen Emirate, von dort nach Äthiopien und Kenia, vielleicht auch Somalia, aber gewiss der Jemen, und wenn das Geld reicht auch Burkina Faso und Nigeria. Das war ihre Reiseroute. Noch bevor ihre eigentliche Expedition begann, zeichnete sie mir ihren Kurs nach. Da harrte sie bereits in Dubai aus, wo sie sich in einer kleinen Kammer einquartierte, die für die nächsten Tage ihr Lager sein sollte, bis die Behörden ihre Visa genehmigt hätten. Ihren ursprünglichen Plan hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits aufgeben müssen: Kairo war gestrichen worden, auch Syrien und der Libanon würde sie nun doch nicht mehr besuchen. Vielleicht bliebe auch Somalia aus, aber das könne sie noch nicht wissen. Eine einsame Reisende auf ihrem Weg von einem Krisengebiet ins nächste. Sie wollte in diesen Ländern der Gewalt gegen Frauen auf die Spur kommen, mit Hilfsorganisationen, Betroffenen und Journalisten sprechen. Das liegt gewissermaßen in ihrer Familie – bereits als kleines Kind nahm ihre Mutter sie zu humanitären Einsätzen auf den asiatischen Kontinent mit.

An jenem Abend Mitte August, als sie in Dubai ihre weitere Reise plante, war sie bereits müde. Wir telefonierten nur kurz. Nun geht der September zu Ende, sie wollte in diesen Tagen wieder da sein, daheim, in Sicherheit. Seitdem habe ich nicht mehr von ihr gehört.

Gelegentlich ertappe ich mich dabei, wie ich „deutsche Geisel Jemen“ oder „Deutsche in Nahost entführt“ in das Suchfeld eingebe. Bis Ergebnisseite zwanzig ohne eine Fährte. Ich bin ernsthaft besorgt, weiß aber auch, daß sie trotz ihrer ungewöhnlichen Reise eine besonnene Frau ist. Ich kann die Sorgen vergessen, aber wenn ich dann eine ihrer Freundinnen in der U-Bahn treffe, sind sie wieder da. Und ich frage mich: Bin ich jetzt verliebt? Erkennt man immer erst die Wertschätzung für seine geliebten Menschen und Dinge, wenn sie auf einmal weg sind? Ginge es mir genauso, wenn ein Freund oder eine Freundin ein solches Abenteuer auf sich genommen hätte? Ich wollte es nicht auf diese Weise herausfinden.

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Ein Nachruf.

27. August 2013

Wenn man so etwas wie Verbundenheit und kameradschaftliche Nähe in der Anonymität des Internets finden kann, dann zählte Wolfgang Herrndorf zu den mir am nächsten stehenden Unbekannten. Ich habe ihn nie von Angesicht zu Angesicht kennengelernt und ich hatte es auch nie vor. Seine öffentliche Figur als Schriftsteller und Maler war mir bekannt, wichtiger und vordergründiger war mir jedoch seine öffentliche Figur als Tagebuchautor, der bis zuletzt sein Blog „Arbeit und Struktur“ mit den Dingen füllte, die seinen Alltag ausmachten.

Wolfgang Herrndorf litt, so hieß es, an einem aggressiven Hirntumor, der nach der Prognose seiner Ärzte den baldigen Tod herbeiführen würde. Herrndorf dokumentierte seine Verzweiflung, seine Trauer, seine Wut, aber auch seine Hoffnung in diesem Tagebuch, in dem er sich der Öffentlichkeit von Beginn an anvertraute. Allein, die letzte Kübler-Ross’sche Phase des Sterbens – die Akzeptanz des eigenen Schicksals – blieb ihm verwehrt. Denn dafür fehlte im die Zeit.

So dokumentierte er die vielen Therapien und Rezidive, die Hoffnungen und Rückschläge, den eilig voranschreitenden körperlichen und seelischen Verfall in einer bitteren Tragik, die in knappen und teils eisernen Worten die Grausamkeit seines Schicksals dort andeutete, wo man sie selbst mithilfe der bilderreichsten Beschreibungen nur erahnen konnte. Mit der Virtuosität eines erstklassigen Schriftstellers, der er war, schrieb er gegen den nahenden Tod an, wissend, daß er diesen Kampf nicht gewinnen können würde. Er schrieb für sich, für seine Freunde, für den anonymen Leser und nicht zuletzt auch für seine eigene Erinnerung, die ihn bald weder seine Freunde und Familie, noch sich selbst wieder erkennen ließ.

Gestern Nacht verstarb Herrndorf, nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten seine Worte immer spärlicher, seine Verwirrungen und Sinnestäuschungen immer größer wurden, seine sprachlichen Fertigkeiten immer weiter verkümmerten und sein Gemüt und sein Geist, so konnte man aus seinen wenigen Zeilen nur mühsam lesen, immer tiefer im Kummer über das herannahende Ende versanken.

In einem seiner letzten Einträge vom 4.8. schrieb er:

Ich kann nichts schreiben, nicht lesen, kein Wort.

Sein letzter Eintrag, datiert auf den 20.8. 14:00 Uhr lautet schlicht: „Almut.“
Heute dann schrieb ein unbekannter Begleiter den letzten Eintrag dieses trauervollen Tagebuchs:

Am Montag, den 26. August 2013, ist Wolfgang Herrndorf gestorben.

Wie man hört, wird der Rowohlt-Verlag wohl die gesammelten Einträge in einem kleinen Band veröffentlichen.

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