Genus und Sexus
Was ist davon zu halten, daß der erweiterte Senat der Universität Leipzig kürzlich den Vorschlag seines Mitgliedes Prof. Dr. Josef Käs vom Institut für Experimentalphysik I annahm, man möge in amtlichen Blättern und anderen offiziellen Publikationen künftig das generische Femininum verwenden? Das Rektorat stimmte nun dem Beschluss zu und wartet auf mögliche Einwände des Wissenschaftsministeriums. Dies ist die letzte Hürde, ehe die dergestalt novellierte Grundordnung in Kraft treten kann. Spiegel Online berichtet über die Sache.
Die Antwort ist denkbar einfach – doch um ihr auf den Kern zu kommen, soll in den folgenden Zeilen ausnahmsweise das generische Femininum geübt werden, sozusagen eine Antwort ex praxi: Der Senat der Universität Leipzig hätte sein einziges Mitglied aus der Linguistik, Dr. Martina Emsel, anhören sollen, das den Sinn oder Unsinn des generischen Femininums vermutlich hätte differenzierter darstellen können als seine Kolleginnen aus den übrigen Wissenschaften, vielleicht sogar Kritik geübt. Denn das generische Femininum stellt zumindest aus einer historischen Perspektive einen faden Treppenwitz der Grammatik dar.
Eines sei vorweg gesagt: Unter Linguistinnen, Psycholinguistinnen, Kognitionspsychologinnen und natürlich auch Feministinnen und Gender-Wissenschaftlerinnen ist das generische Maskulinum höchst umstritten. Bisher konnten die Kontrahentinnen keine praktikable Lösung anbieten, die über die Fraktionen hinweg angenommen wurde. Während die einen die Benutzerinnen einer Sprache (in diesem Beispiel der deutschen) befragen und so versuchen, deduktiv von der Praxis auf die Theorie zu gelangen, haben andere linguistische Methoden im Blick, oder formulieren von einer ethischen Grundlage aus eine Forderung für Theorie und Praxis.
Ohne im folgenden einen dieser Ansätze zu favorisieren, lässt sich zweifelsfrei zunächst nur die Beobachtung festhalten, daß das linguistische Verständnis der Disputantinnen oftmals nur unzureichend ist. Der Kern des Problems ist darin festzusetzen, daß meist kein Unterschied zwischen Genus und Sexus gemacht oder, viel häufiger, gleich ganz verkannt wird. Während der Sexus das biologische Geschlecht bezeichnet (und in der heutigen Gesellschaft wohl auch protestlos das soziale Geschlecht repräsentiert), übernimmt das Genus die eigentliche grammatikalische Funktion der Substantivklassifizierung, die letztlich für die Kongruenz im Zuge der Deklination und in manchen Sprachen auch der Konjugation notwendig ist. Genus und Sexus sind demnach voneinander vollständig getrennte Dinge. Wäre die deutsche Sprache ohne Genus, würde der Satz: “Das Bein des Tisches, das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn mühelos” in der Form “Der/die/das Bein des/der Tisch/Tisches, der/die/das aufwendig ornamentiert ist, trägt ihn/sie/es mühelos” nicht mehr eindeutig verständlich sein.
Dabei ist das deutsche Triumvirat Triummulierat aus Maskulinum – Femininum – Neutrum weltweit nicht einmal das vorwiegende Genussystem. Die meisten Sprachen kennen kein Genus; andere, wie etwa das Schwedische, unterscheiden zwischen Neutrum und Utrum (“irgendeines Geschlechts”), oder verzichten ganz auf das Neutrum. Kompliziert wird die Angelegenheit erst in den Bantu– und einigen sino-tibetischen Sprachen, die keine Genera, stattdessen aber Nominalklassen kennen, die in manchen Sprachen mehr als zehn Qualitäten aufweisen. “Natürlich” vs. “hergestellt”, “belebt” vs. “unbelebt”, aber häufig eben auch “männlich” vs. “weiblich” (dann meist mit explizitem Bezug zum Sexus) uvm. können unterschieden werden.
Dahingegen mag die deutsche Sprache überschaubar erscheinen, demonstriert aber, wie willkürlich die Genuszuweisung geschieht: die Frau, aber das Mädchen; der Hund, aber die Katze und das Schwein; der Sessel, aber das Sofa; der Baum, aber die Eiche und der Ahorn usw. usf. Diminuitive und andere generische Neutra – das Mädchen, das Mitglied, das Kind usw. – verkomplizieren die Angelegenheit. Jedenfalls, wenn man Genus und Sexus durcheinander wirft.
Das sollte man aber, wie gesehen, nicht tun. Genus und Sexus sind zwei völlig voneinander getrennte Dinge, die die Herrinnen Senatsmitglieder zu Leipzig nicht beachtet haben. Das generische Maskulinum nimmt schließlich eine rein grammatikalische Funktion für all jene Fälle ein, wenn der Sexus der beteiligten Personen unerheblich ist1. Jeglicher Einwand gegen das generische Maskulinum, es verschweige die weibliche Komponente einer auf diese Weise referenzierten Personengruppe, muss demnach als Unverständnis des Unterschiedes zwischen Genus und Sexus aufgefasst werden. Die Befürwortung eines generischen Femininums oder Neutrums ist demzufolge entweder unberechtigt oder arbiträr und in diesem Falle grundlos.
Damit bleibt nur übrig, das Urteil über das generische Femininum mit jenem eleganten Zitat der Linguistin (und hier hört der Feldversuch “generisches Femininum” auf) Elisabeth Leiss zu fällen:
“Überall dort, wo die Grammatiktheorie abgeschnitten von den Erfolgen der Sprachtheorie des Mittelalters ‘auf eigene Faust’ spekuliert hat, lässt sich nur ein Rückfall in naive Vorstellungen von Grammatik konstatieren: Grammatische Kategorien, die man nicht (mehr) versteht, wurden als Luxus eingeordnet, den man nicht brauche (Passiv), das Genus der Substantive wurde sexualisiert, obwohl Genus mit Sexus nichts zu tun hat. Je mehr die Unwissenheit über Sprache in der frühen Neuzeit wieder zunahm, desto drastischer wurden die Forderungen nach Eingriffen in die Sprache. Das unvollkommene Wissen von Sprache wird als Unvollkommenheit der Sprache selbst gedeutet.“2
- Wikipedia hat eine hübsche Aufstellung der Anwendungsgebiete des generischen Maskulinums. ↩
- aus: Elisabeth Leiss: Sprachphilosophie. Berlin 2009. S. 70f ↩
